Statt 7-Tage-Inzidenz

Corona-Ampel: Mediziner warnen vor Schwachstellen des neuen Systems

Christiane Krodel
Christiane Krodel

Redaktion Region & Bayern

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2.9.2021, 15:12 Uhr
Die Corona-Intensivstation am Klinikum Fürth.

Die Corona-Intensivstation am Klinikum Fürth. © Hans-Joachim Winckler

Seit Donnerstag orientieren sich Bayerns Politiker bei der Bekämpfung der Pandemie an der zweistufigen Corona-Ampel. Der bislang so wichtige Indikator der 7-Tage-Inzidenz verliert an Bedeutung.

Das Argument: Immer mehr Bürger seien geimpft, womit die Wahrscheinlichkeit eines schwerer Infektionsverlaufs und damit eine Überlastung der Krankenhäuser sinkt.

Viele Experten stehen dem neuen Maßstab durchaus kritisch gegenüber.

Einer von ihnen ist Prof. Stefan John, Oberarzt am Klinikum Nürnberg und Leiter der Abteilung interdisziplinäre Intensivmedizin. Im Vergleich zur Inzidenz bildet seiner Meinung nach die Belegung der Betten das Infektionsgeschehen zeitverzögert ab, weil Menschen erst mehrere Tage nach einer Infektion mit einer Covid-19-Erkrankung das Krankenhaus und damit die Statistik erreichen. Bis die Politik dann Maßnahmen ergreife und diese dann umgesetzt würden, vergehe erneut Zeit.

491 freie Intensivbetten

Nach dem Willen der Staatsregierung springt die Ampel auf Rot, wenn mehr als 600 Patienten mit einer COVID-19-Erkrankung in den Kliniken intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Zwar listete das DIVI-Register am Donnerstagvormittag in Bayern 3178 Intensivbetten auf. Doch die Mehrzahl, nämlich 2687, war bereits belegt. 491 Betten waren damit noch frei, sie müssen aber auch für andere Notfälle und Operationen zur Verfügung stehen.

Aktuell liegen 169 Menschen mit einer Covid-19-Erkrankung in Krankenhäusern. Sollte die Zahl der Corona-Patienten in den Krankenhäusern steigen, bedeutet dies, dass geplante Operationen verschoben werden müssten, weil für diese Patienten keine Intensivbetten zur Verfügung stünden, verdeutlicht John. Schon jetzt habe man aber durch die ersten Corona-Wellen einen „riesigen Nachholdbedarf“.

Zudem betont Stefan John, dass angesichts der Zahl von 600 Patienten auf den Intensivstationen auch genügend geschultes Personal zur Verfügung stehen muss. Doch in der Pflege gebe es ein riesiges bundesweites Personalproblem.

Viele Kündigungen

Auch in Bayern hätten viele Kräfte gekündigt, seien krankgeschrieben und litten an Burnout durch die hohe Belastung in der ersten Zeit der Pandemie. Dies hat zur Folge, dass überall Intensivbetten gesperrt werden müssen und die Zahl betreibbarer Betten in Bayern seit Monaten kontinuierlich sinkt.

Der Erlanger Infektionsimmunologe Christian Bogdan.

Der Erlanger Infektionsimmunologe Christian Bogdan. © Franziska Männel/Uni-Klinikum Erlangen/dpa

In ein ähnliches Horn stößt Christian Bogdan, Direktor des Mikrobiologischen Instituts der Uniklinik Erlangen und Mitglied der Ständigen Impfkommission.

Auch er kritisiert, dass die 7-Tage-Inzidenz weitgehend unberücksichtigt bleibt.

"Patienten, die wegen COVID-19 ins Krankenhaus aufgenommen werden, haben bereits eine Erkrankungsdauer von bis zu sieben Tagen hinter sich. Eine Verschlechterung des Zustands, die dann zur Aufnahme auf die Intensivstation führt, geht nochmal mit einer gewissen Zeitspanne einher", sagt er. Reagiere man erst, wenn bayernweit über 1200 Patienten innerhalb von sieben Tagen neu in Krankenhäuser aufgenommen werden oder mehr als 600 COVID-Patienten gleichzeitig auf bayerischen Intensivstationen liegen, dann sei eine Krankheitswelle am Laufen, die man nicht mehr in kurzer Zeit begrenzen könne.

Eine Krankenhaus-Ampel losgelöst von der 7-Tages-Inzidenz ist in seinen Augen "ein durchaus heroisches infektionsepidemiologisches Konzept".

Grenze der neuen Phase herabsetzen

Lob, aber auch Kritik für das neue Bewertungssystem kommt von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft. Dort wird befürwortet, dass nicht mehr die Entwicklung der Inzidenz allein ausschlaggebend für Coronamaßnahmen ist. Allerdings befürchtet Geschäftsführer Roland Engelhausen ein Überspringen der gelben Ampelphase.

Er plädiert dafür, dass bereits Coronamaßnahmen eingeleitet werden, wenn 400 Patienten intensivmedizinich behandelt werden müssen.

Nach Ansicht von Prof. Harald Rittger, Chefarzt an der Klinik für Herz- und Lungenerkrankungen am Klinikum Fürth, wird die Einführung eines Ampelsystem den derzeitigen Erfordernissen gerecht, da durch die Impfung weniger Krankenhausaufenthalte zu erwarten sind.

Die Inzidenzen sollte man seiner Meinung nach aber ebenso im Blick behalten, da sich steigende Inzidenzen erst mit einer zeitlichen Verzögerung von etwa zwei Wochen in den Kliniken niederschlagen.

Rittger regt an, dem Ampelsystem "eine Chance zu geben". Allerdings, fügt er an, könne das System nur funktionieren, wenn die Impfbereitschaft wieder steige. "Die aktuelle Impfquote ist noch nicht ausreichend, um gut durch den Herbst und Winter zu kommen, also um eine zu hohe Belastung der Krankenhäuser sicher ausschließen zu können. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir es jetzt mit der hochansteckenden Delta-Variante zu tun haben. Vor diesem Hintergrund ist mangelnde Impfbereitschaft ein echtes Problem, das im schlimmsten Fall auch kein Ampel-System abfangen kann."