Corona-Impfärzte: Sind 130 Euro Stundenlohn angemessen?

10.1.2021, 05:25 Uhr
Ein Piekser und eine kurze Beratung, dann ist die Impfung gegen das Coronavirus in aller Regel erledigt. Zahlreiche Mediziner stehen in den bayerischen Impfzentren bereit, doch manche Menschen empfinden die Höhe der Vergütung als unverhältnismäßig.

Ein Piekser und eine kurze Beratung, dann ist die Impfung gegen das Coronavirus in aller Regel erledigt. Zahlreiche Mediziner stehen in den bayerischen Impfzentren bereit, doch manche Menschen empfinden die Höhe der Vergütung als unverhältnismäßig. © Karina Hessland/imago images

Spritze aufziehen, die vorgesehene Einstichstelle am Oberarm desinfizieren, Injektion verabreichen, Pflaster draufkleben und noch ein paar aufklärende und aufmunternde Worte an die frisch geimpfte Person richten. Es gibt diffizilere Tätigkeiten in der Medizin als die Arbeit in einem Corona-Impfzentrum, deshalb war Claudia Werndl ein wenig irritiert, als sie erfuhr, welche Vergütungssätze das bayerische Gesundheitsministerium mit der Kassenärztlichen Vereinigung für diese Arbeit ausgehandelt hatte.


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130 Euro die Stunde, 160 an den Wochenenden erhält ein Arzt für die Arbeit in einem Impfzentrum. Nach Ansicht der freiberuflich arbeitenden Notärztin ist das "ein Schlag ins Gesicht jeder Pflegekraft, die auf der Covid-19-Station eines Krankenhauses hart arbeiten muss".

Erheblich höher als die üblichen Honorare

Werndl, die ihren wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen will, wollte sich ebenfalls im Kampf gegen die Corona-Pandemie engagieren und hatte sich deshalb als Impfärztin beworben. Erfolglos, doch im Zuge der Bewerbung erfuhr sie, was für die Arbeit in den Impfzentren gezahlt wird.

Und das findet sie ein wenig fragwürdig – vor allem wenn man es in Relation zu den Honoraren setzt, die ein niedergelassener Arzt sonst mit der Krankenkasse verrechnen kann. Für das Verabreichen einer Schutzimpfung (der reine Arbeitsvorgang ohne Beratung und ohne Material) zum Beispiel darf er 4,66 beziehungsweise maximal 10,72 Euro bei Privatpatienten in Rechnung stellen.

Das ist nach Ansicht von Markus Beier, dem Vorsitzenden des Bayerischen Hausärzteverbandes, jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Man dürfe diesen Stundenlohn nicht mit dem Umsatz gleichsetzen, den ein niedergelassener Arzt erwirtschaften müsse, erklärt der Mediziner, der in Erlangen in einer Gemeinschaftspraxis arbeitet. "Wenn ich da nur 130 Euro Umsatz pro Stunde generieren würde, könnten wir den Laden sofort zusperren", erklärt Beier. Von dem erwirtschafteten Geld müsse ja auch Personal, medizinische Geräte, Miete und vieles mehr bezahlt werden.

Ausgleich für Umsatzeinbußen

Und ein Großteil der in den Impfzentren arbeitenden Ärzte betreibt zugleich eine Praxis, wie ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums betont. "Durch diesen Einsatz drohen ihnen Umsatzeinbußen, und trotz der freiwilligen Tätigkeit im Impfzentrum müssen sie weiterhin die vertragsärztliche Versorgung in ihren Praxen gewährleisten", erklärt der Ministeriumssprecher. Für die Ärzte bedeute das einen nicht unerheblichen Aufwand.


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Freilich arbeiten nicht ausschließlich niedergelassene Ärzte in den bayerischen Impfzentren, sondern auch Mediziner, die keine Praxis unterhalten müssen – etwa weil sie bereits im Ruhestand sind. Für die ist trotz der nötigen Haftpflichtversicherung, die für mögliche Schadenersatzforderungen bei Impfschäden geradestehen würde, eine Tätigkeit im Impfzentrum durchaus eine lukrative Angelegenheit.

An der medizinischen Ethik orientieren

Das kritisiert unter anderem Gerhard Trabert, ein bekannter Obdachlosenarzt aus Rheinland-Pfalz, der auf die soziale Verantwortung der Ärzte pocht. Gerade während der Corona-Pandemie sollten sie sich an der medizinischen Ethik orientieren und nicht auf das Geld schauen.

Allein auf das Berufsethos der in Frage kommenden Mediziner wollte sich das bayerische Gesundheitsministerium dann aber doch nicht verlassen und schuf mit der seit 1. Dezember 2020 gültigen "Abrechnungsvereinbarung Impfzentren" auch einen gewissen Anreiz zur Beteiligung.

Diese Rechnung ging offenbar auf, denn es hatten sich rund 6000 Ärztinnen und Ärzte bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) beworben. Auch die KVB wehrt sich gegen die Kritik, dass die Honorierung für die Durchführung der Corona-Impfungen überzogen sei. Wenn man sich zum Beispiel anschaue, was viele Handwerker für eine Stunde Arbeitszeit berechnen, relativiere sich das wieder, meint Verbandssprecher Axel Heise.

In den anderen Bundesländern liegen die Vergütungssätze für die Ärzte in den Impfzentren übrigens ähnlich hoch wie in Bayern. Die Spanne reicht von 120 bis 175 Euro pro Stunde.