"Eingesperrt" in der Kabine

Corona-positiv auf einer Schiffsreise: Forchheimerin berichtet über "Albtraum" auf hoher See

16.1.2022, 10:13 Uhr
Auf dem Weg von der Antarktis in Richtung der Drake Passage zeigt sich atemberaubende Natur.

Auf dem Weg von der Antarktis in Richtung der Drake Passage zeigt sich atemberaubende Natur. © Sylvia Kiesewetter, NNZ

In der Presse und im Internet sind zurzeit sehr viele Berichte über Quarantänen aufgrund von Sars-Covid-19 auf Kreuzfahrt- und Expeditionsschiffen zu lesen. Im Januar 2022 war ich auf einem Expeditionsschiff in der Antarktis unterwegs und musste genau diese Situation erleben. Von den unglaublich komplizierten Einreiseformalitäten für Argentinien abgesehen, ist eine Reise in den Tagen der Pandemie zu diesem Kontinent schwerer als üblich.

An Neujahr einen PCR-Test für eine Auslandsreise zu erhalten, ist nicht einfach. Wir sind in Nürnberg am Flughafen fündig geworden. Große Erleichterung, als das Ergebnis kam: Wir waren zu diesem Zeitpunkt alle vier negativ. Am 2. Januar flogen wir von Frankfurt nach Buenos Aires in vierzehn Stunden. Am nächsten Tag war ein Charterflug für die Passagiere des Expeditionsschiffs von Buenos Aires nach Ushuaia gebucht, in die südlichste Stadt Argentiniens, in der Inselwelt von Feuerland.

Immer wieder liefert die Natur faszinierende Anblicke.

Immer wieder liefert die Natur faszinierende Anblicke. © Sylvia Kiesewetter

Als wir dort ankommen, wird in einem Hotel in Ushuaia von jedem Passagier ein PCR-Test genommen. Über vier Stunden sitzen wir, nach Bussen aufgeteilt, an großen Tischen in einem hallenartigen Saal und warten gespannt auf die Ergebnisse. Ein Paar, das im Charterflug hinter uns saß, wird von Crewmitgliedern einzeln hinausgebracht. Wie wir später erfahren, waren sie positiv getestet worden und kamen in ein Corona-Hotel vor Ort. Uns beschleichen Befürchtungen: Haben wir uns angesteckt? Trotz der strengen Hygiene- und Präventionsmaßnahmen der Reederei gibt es noch genügend Stationen im Ablauf, in denen eine Infektion theoretisch möglich wäre: Hotel, Flüge und die Wartezeit auf das Testergebnis in einem Hotel, in dem uns auch andere Leute begegnen.

Die Aufnahme zeigt Sylvia Kiesewetter an Bord des Expeditionsschiffs, auf dem sie zusammen mit ihrer Familie in der Antarktis unterwegs war. Während ihrer Quarantäne konnte die Forchheimerin die einzigartige Natur nur vom Balkon ihrer Kabine aus genießen.

Die Aufnahme zeigt Sylvia Kiesewetter an Bord des Expeditionsschiffs, auf dem sie zusammen mit ihrer Familie in der Antarktis unterwegs war. Während ihrer Quarantäne konnte die Forchheimerin die einzigartige Natur nur vom Balkon ihrer Kabine aus genießen. © Kiesewetter

Positives PCR-Ergebnis mitten in der Antarktis

Die Reise beginnt mit drei Tagen Verzögerung wegen einer nötigen Reparatur am Schiff. Am 9. Januar erreichen wir endlich die Antarktische Halbinsel. Vor dem Ausbooten wird ohne für uns Passagiere erkennbaren Grund an Bord ein PCR-Test für alle angeordnet und durchgeführt. Am Tafelvulkan Brown Bluff werden wir mit Zodiacs ausgebootet und besuchen die riesigen Brutkolonien der Esel- und Adeliepinguine unter den strengen Regeln, die in der Antarktis gelten. Wir erwarten mittags unser Testergebnis mit Spannung.

Und das, was man nie für möglich hält, passiert: Mein Mann, der doppelt geimpft und geboostert, ist Corona-positiv. Woher hat er die Infektion? Er hat keinerlei Symptome und am Tag zuvor war sein Schnelltest negativ gewesen. Eine Welt bricht für uns zusammen. Und jetzt? Mein Mann und ich als sein Erstkontakt müssen sofort in unsere Kabine. Unserem Sohn und seiner Partnerin, ebenfalls wegen einer Begrüßung am Esstisch als Erstkontakt eingestuft, passiert das gleiche, auch sie müssen in die Kabine.

Nach Wut- und Weinanfällen versuchen wir zu retten, was zu retten ist. Wir selbst waren schon einmal in der Antarktis, wir können auch traurig vom Kabinenbalkon aus in die Natur schauen. Aber unser Sohn und seine Partnerin? Für die jungen Leute ist ein Traum in die Brüche gegangen. Alle unsere Erklärungen und Argumente werden übergangen.

Die Traumreise wird ab sofort zur Albtraumreise. Wir Kontaktpersonen werden jeden Tag per Schnelltest getestet. Nach Klärung der Sachlage werde man mich anrufen wegen einer Einzelkabine zum Schutz für mich, heißt es an Bord. Doch auf diesen Anruf warte ich bis heute. Am nächsten Morgen war ich wahrscheinlich schon infiziert.

Drei Tage später, am 12.1., wird der nächste PCR-Test angeordnet. Das Ergebnis: Ich bin auch positiv. Auch ich habe, da ich ebenfalls geboostert bin, keinerlei Symptome. Man eröffnet mir, dass ich auch nach der Reise in Quarantäne bleiben muss, mindestens sieben Tage nach Anordnung der argentinischen Behörden.

Angespannte Stimmung an Bord des Expeditionsschiffes

Glück im Unglück: Die Crew des Schiffs muss gleichfalls für fünf Tage in Quarantäne, egal, ob positiv oder negativ getestet. Daher fällt die Anschlussreise aus und wir "Infizierten" können an Bord in unseren Kabinen bleiben, werden versorgt und unsere Rückreise wird organisiert. Wie viele Passagiere in Quarantäne sind, verschweigen Reederei und Schiffsleitung. Aber wenn wir auf den Gang schauen, leuchten sehr viele rote Lampen vor den Kabinen, ein Zeichen für Quarantäne.

Unser Sohn und seine Partnerin dürfen nach dem negativen PCR-Test am 12. Januar wieder aus der Quarantäne heraus. Sie dürfen auch bei den Ausbootungen mitmachen, aber immer als letzte und erst nach dem täglichen Schnelltest. In einem Zimmer eingesperrt zu sein, die ängstlichen Blicke des Kabinenpersonals, die im Ganzkörperschutz wie bei einer Ebola-Pandemie durch die Kabine hetzen, während man selbst bei Eiseskälte auf dem Balkon warten muss, der natürlich reduzierte Service beim Essen ohne Kellner oder Buffetservice, die Umstände bei jedem Handgriff, den es braucht, bei jedem Wunsch, den man hat, alles nur telefonisch: das macht etwas mit einem.

Da können alle Crewmitglieder noch so zuvorkommend, freundlich und bemüht sein, man fühlt sich aussortiert und minderwertig. Das einzige, was uns täglich tröstet, ist die unglaubliche, unwirkliche Landschaft der Antarktis, die wir wenigstens vom Balkon aus betrachten können.

Strenge, teils willkürliche Regeln sorgen für Unverständnis

Die General Expedition Managerin unseres Schiffs darf meine Fragen zu den Hygiene- und Präventionsmaßnahmen nicht selbst beantworten. So erhalte ich die Antworten von der Pressestelle in Hamburg. Die Antworten entsprechen genau dem, was jeder im Internet auf der Seite der Reederei nachlesen kann: "Unsere Hygiene- und Präventionsmaßnahmen sind geprüft und verifiziert (…), für die jeweiligen Länder und Häfen gelten gesonderte Regularien (…), die Abstimmung der Maßnahmen erfolgt mit den Hamburger Gesundheitsbehörden und Experten, darunter auch Virologen, und beinhaltet auch umfassende Covid-19-Teststrategie, die sich nach Schiff, Route, Abfahrtshäfen und Zielländer richten (…), die Vermeidung einer Ausbreitung hat höchste Priorität (…), Vorsichtsmaßnahmen basieren auf renommierten Instituten wie RKI und WHO (…), vollständiger Impfschutz und ab 01.02.2022 nur noch mit Auffrischungsimpfung gemäß der Empfehlung der STIKO (…), Freitesten der Kontaktpersonen nach fünf Tagen (…)."

Eine Gruppe von Pinguinen spaziert über die Insel.

Eine Gruppe von Pinguinen spaziert über die Insel. © Sylvia Kiesewetter

Auf die Fragen, ob Inkubationszeit und Latenzzeit bei der Quarantäneentscheidung berücksichtigt werden, wer denn festlegt, wer (außer dem Ehepartner natürlich) Erstkontakt ist, wenn man im Restaurant zum Hintermann näher sitzt als zum Gegenüber am Tisch, habe ich keine Antwort bekommen. "PCR-Tests ersetzen nun die Schnelltests der vorigen Reisen, weil sie angesichts der Omikron-Variante aussagekräftiger sind", schreibt die Pressestelle der Reederei. "Auch Passagiere ohne Symptome können das Virus tragen und weitergeben."

Es bleibt beim Passagier ein Gefühl von willkürlichem Handeln des Veranstalters, vom Bestreben nach absoluter rechtlicher Absicherung auch mit der Gefahr, dem Wohl des Kunden zu schaden, von Machtlosigkeit gegenüber Leuten, die sich hinter Präventionsmaßnahmen verstecken und über mein Leben bestimmen, ohne mich nach meiner Meinung und Wahrnehmung einer Situation zu fragen und die mit mir in Schönrederei und mit Überspielung der Hintergründe kommunizieren.

Während ich diese Zeilen schreibe, trifft der nächste Newsletter der Hamburger Reederei ein: "Fahren sie mit uns in den Frühling! Die neuen Reisen …"