Bettenbelegung

Corona: Wie zuverlässig ist die Hospitalisierungsrate wirklich?

17.9.2021, 15:03 Uhr
Wie viele Menschen werden täglich tatsächlich wegen einer Corona-Erkrankung in den Kliniken aufgenommen?

Wie viele Menschen werden täglich tatsächlich wegen einer Corona-Erkrankung in den Kliniken aufgenommen? © Sebastian Gollnow, dpa

Die Sieben-Tage-Inzidenz hat seit Anfang September zwar nicht an Aussagekraft verloren. Sie ist seither aber nicht mehr die maßgebliche Grundlage für die Politik, wenn es in Bayern um Verschärfungen oder Lockerungen der Maßnahmen gegen Corona geht.

Stattdessen ist nun die Farbe der so genannten "Krankenhaus-Ampel" ausschlaggebend. Sobald innerhalb der vergangenen sieben Tage mehr als 1200 Corona-Patienten neu in den Kliniken des Freistaats aufgenommen werden mussten, springt die Ampel auf Gelb.

Rot ist hingegen erreicht, wenn über 600 Betroffene auf den Intensivstationen liegen. Bereits seit Mitte Juli sind die Krankenhäuser deshalb verpflichtet, covidbedingte Aufnahmen an die Gesundheitsämter zu melden.

Doch an dem Verfahren gibt es Kritik. Auch Experten wie der Statistikprofessor Helmut Küchenhoff von der Ludwigs-Maximilian-Universität München (LMU) begrüßen die Entscheidung, die Hospitalisierungsinzidenz als Leitindikator für das weitere Vorgehen in der Pandemie zu verwenden.

Valide Daten

Das sei "sehr erfreulich", schrieb Küchenhoff am 8. September über den Kurznachrichtendienst Twitter. Und: "Jetzt ist es wichtig, dazu valide Daten zu bekommen".

Genau hier gibt es offensichtlich Schwierigkeiten. "Um zuverlässige Daten zu den Neuaufnahmen in Krankenhäuser und Intensivstationen auch auf Ebene der Bundesländer zu erhalten, sollte die Erfassung/Meldung der Kennzahlen auch durch die Krankenhäuser, Gesundheitsämter und das Robert Koch-Institut verbessert und auch beschleunigt werden", schreibt Küchenhoff gemeinsam mit Kollegen Ende Juli in einem Bericht der "Covid-19 Data Analysis Group" der LMU.

Vor allem der "Meldeverzug in den Hospitalisierungszahlen kann mit Nowcasting-Verfahren korrigiert werden, wie es vom RKI und uns bereits für die gemeldeten Infektionszahlen angewendet wird. Entsprechend aufbereitete Zahlen sollten zur genaueren Beschreibung des Ist-Zustandes genutzt werden."

Doch eine solche Gegenwartsvorhersage findet bislang nicht statt, weder in Bayern noch auf Bundesebene.

Auf Anfrage der Redaktion erklärt das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), das täglich die Daten für die Krankenhausampel veröffentlicht, dass "die hospitalisierten Fälle der letzten sieben Tage nach Meldedatum" ausgewiesen werden, ebenso seitens des RKI.

Meldedatum zählt

Maßgeblich für eine zeitliche Zuordnung der Fälle ist entsprechend nicht der Tag der Aufnahme im Krankenhaus, sondern das Datum, an dem das örtliche Gesundheitsamt eine Bestätigung über die Infektion durch einen positiven PCR-Test registriert.

Zwischen dem Beginn von Symptomen und einer Verschlechterung des Gesundheitszustands bis hin zur Einweisung in eine Klinik vergehen in der Regel aber mehrere Tage.

Die Hospitalisierung wird dann nachgemeldet, was aber bedeutet, dass viele tagesaktuelle Einweisungen erst mit einem gewissen Zeitverzug in der Sieben-Tage-Fallzahl auftauchen.

Zahl kann deutlich höher sein

Entsprechend kann die Zahl der tatsächlich an einem Tag in eine Klinik aufgenommenen Covid-Patienten deutlich höher sein, als die an diesem Tag veröffentlichten Daten es suggerieren.

Nach Berechnungen von "Zeit online" und "Spiegel" könnten die tagesaktuellen Werte für Deutschland um bis zu 80 Prozent zu niedrig liegen.

Erst in der Rückschau von einigen Tagen ergibt sich aus Fällen nach Meldedatum und Einweisungen in die Klinik eine präzise Zahl.

Gesundheitsminister beruhigt

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) hält die Berechnungen dennoch für zuverlässig. "Mit dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit als Ampelwächter und Wissensknotenpunkt in Bayern haben wir ein so umfassendes und weitreichendes Monitoring aufgesetzt, dass wir die Corona-Lage Bayern sowohl kurz- wie mittelfristig verlässlich einschätzen können", sagte der CSU-Politiker gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Das Gesundheitsministerium erklärt zudem, dass bei der Überprüfung der Pandemie die weiter ansteigende Impfquote, die Belastung der Krankenhäuser und die Sieben-Tage-Inzidenz verschiedener Altersgruppen jeden Tag zur Einschätzung der Lage mit einbezogen würden. Bayern sei mit dieser Systematik sehr gut aufgestellt.