Streit eskaliert

CSU und Freie Wähler steuern auf einen Abgrund zu

2.8.2021, 19:07 Uhr
Lange vereint, jetzt entzweit: Über das Thema Impfen haben sich Markus Söder (rechts) und Hubert Aiwanger so zerstritten, dasss mittlerweile sogar die Koalition gefährdet ist.

Lange vereint, jetzt entzweit: Über das Thema Impfen haben sich Markus Söder (rechts) und Hubert Aiwanger so zerstritten, dasss mittlerweile sogar die Koalition gefährdet ist. © Peter Kneffel, dpa

Dass es zwischen Markus Söder und Hubert Aiwanger beim Thema Corona hakt, ist nicht neu. Söder als der Mahner, Aiwanger als der Drängler, die Rollen waren seit vielen Monaten verteilt und besetzt. Das Volk hatte sich an diese Corona-Routine gewöhnt, sie besaß auf ihre Weise einen gewissen Unterhaltungswert.

Doch das, was sich zwischen Söder und Aiwanger neuerdings abspielt, hat damit nichts mehr zu tun. Der aktuellen Auseinandersetzung fehlt jedes folkloristische Element. Dafür ist sie zu grundsätzlich, gehen die gegenseitigen Verletzungen zu tief. Wie die beiden im Herbst nach der Bundestagswahl zu einem normalen Auskommen in der bayerischen Koalition zurückfinden wollen, bereitet den Strategen in beiden Parteien mittlerweile erhebliches Kopfzerbrechen.

Zunächst unschuldig

Wer nach den Ursachen forscht, landet zwangsläufig bei Aiwanger. Es ist zwar richtig, dass Söder den ersten Schlag in dieser Runde gesetzt hat, als er Aiwanger öffentlich vorführte wegen seiner Impfverweigerung. Der Niederbayer hat das nie von sich aus thematisiert, sondern es tatsächlich als das behandelt, was er heute noch für sich beansprucht: als seine Privatsache.Söder freilich ärgert sich schon lange über den Chef der Freien Wähler und dessen hemmungslosen Populismus. Der ist dem Nürnberger gewiss nicht fremd. Doch in Aiwanger hat er seinen Meister gefunden. Aiwanger redet den Menschen hemmungslos nach dem Mund. Er kann am Morgen für alles und am Abend dagegen sein, je nachdem, wo er sein Publikum verortet. Das macht ihn zu einem unangenehmen Koalitionspartner, den Söder nur deshalb duldet, weil er bisher in München alles mitträgt.

Die Auseinandersetzung um das Impfen allerdings hat eine andere Qualität. Und sie ist längst nicht mehr Aiwangers Privatsache. Aiwanger biedert sich bei den Coronaleugnern an, den Querdenkern und AfD-Anhängern. Er buhlt um sie und ihre Stimmen mit Falschaussagen, mit Halbwahrheiten und wilden Andeutungen; manchmal ist gar nicht mehr klar, ob es noch populistisch ist oder schon querdenkend, was Aiwanger so vertritt.

Riskant

Für seine Freien Wähler wird das riskant. Noch hält die Partei still, darauf hoffend, dass Aiwanger ein paar zusätzliche Stimmen bei der Bundestagswahl generiert. Doch das ist kurzsichtig. Der Schaden ist größer, den Aiwanger als Impfgegner und neuer Liebling der Querdenker anrichtet. Denn auch unter den FW-Anhängern sind die Coronaleugner eine kleine Minderheit. Die Mehrheit in der Partei aber schüttelt den Kopf über Aiwangers krude Thesen. Die Ersten wenden sich schon ab und verlassen die Partei.

Es wird sich zeigen, wie lange die CSU dem Treiben noch zusieht. Und wann sie die Reißleine zieht. Mit den Grünen stünde ein Koalitionspartner bereit. Und der könnte sich als deutlich bequemer, weil berechenbarer, erweisen.

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