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Dem Tod knapp entronnen: Mann aus Hemhofen ist medizinisches Wunder

Freude für alle: Folge 12 - 24-Jähriger ist Opfer einer heimtückischen Gasbrand-Infektion - 27.11.2020 06:00 Uhr

Michael Emrich mit seiner Freundin Barbara bei einer der ersten Touren hinaus an die frische Luft.

17.11.2020 © Kerstin Emrich, NN


Michael Emrichs Schicksalstag war ein Samstag. Er ist 24 Jahre alt und gesund, als sich am 9. Februar 2019 sein Leben innerhalb weniger Stunden radikal ändert. Der Elektroniker aus Hemhofen, der bei Siemens arbeitet, hat eine Woche Urlaub genommen, um mit seiner Freundin Babara die gemeinsame Wohnung zu renovieren. Er bringt an diesem Samstag Müll zur Deponie. Beim Entsorgen platzt eine Blutblase an seiner Hand auf. "Wir vermuten", meint seine Mutter Kerstin Emrich, "dass es dort begann. Wissen werden wir es nie sicher."

Er lief blau an, bekam keine Luft mehr

Am Sonntagnachmittag geht es Michael schon schlechter, abends bekommt er Fieber, am Montag so starke Bauchschmerzen, dass seine Freundin ihn ins Krankenhaus nach Forchheim bringt. Die Mutter tippt zu diesem Zeitpunkt noch auf eine Blinddarmentzündung. Als sie nachmittags ins Patientenzimmer kommt, ist ihr Sohn nicht mehr da. Sein Zimmerkollege berichtet, Michael Emrich habe keine Luft mehr bekommen und sei blau angelaufen. Intensivstation.

 


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Die erste Not-OP. Mit knappem Ausgang. "Keiner konnte sich erklären, warum ein bis dahin gesunder 24-Jähriger so plötzlich fast auf dem OP-Tisch verstorben wäre", erinnert sich die Mutter. Die Mediziner hatten ihm ein Stück Darm entfernt. Michael erlitt einen septischen Schock mit Multiorganversagen. Der Anästhesist, ganz schockiert, konnte ihn nur mit höchst dosierten Kreislauf-Medikamenten am Leben halten. "Es war für uns alle ein Alptraum."

Die Ärzte geben kaum eine Überlebenschance

Am nächsten Morgen der nächste Schock: "Wir sollten kommen, er liege im Sterben." Michael Emrich muss in die Uniklinik nach Erlangen und dort an eine Herz-Lungen-Maschine. Dort kommt er sofort wieder in den OP. Ein Arzt auf der Intensivstation hat eine große Befürchtung, die sich auch bestätigt: Gasbrand. Der Mediziner ruft in München an, wo Kollegen diesen Erreger erforschen. "Sie prognostizierten kaum eine Überlebenschance", erinnert sich die Mutter. Denn der Erreger sitzt bei Michael im Körperstamm, also im Bauch. Das hat in Deutschland noch kein Patient überlebt. Trotzdem beginnen die Ärzte in Erlangen mit der Therapie. Emrich wird an die Herz-Lungen-Maschine und an die Dialyse angeschlossen. Außerdem folgten in kürzester Zeit viele weitere OPs, um das infizierte, abgestorbene Gewebe in ihm zu entfernen. "Am 14. Februar kam eine junge Ärztin zu uns und teilte uns mit, dass sie nichts weiter ,wegschneiden‘ können. Wir sollten uns von ihm verabschieden." Doch nach vielen weiteren Operationen geht es überraschenderweise bergauf.

Als er aus dem Koma erwacht, hat er schon zehn OPs hinter sich

Am 7. März erwacht der Patient aus dem Koma. Bis dahin hat er bereits zehn OPs und eine Tracheotomie hinter sich. Mit dem Luftröhrenschnitt für die Beatmung kann er nicht sprechen. "Ihm wurde seine Situation nun auch bewusst . . .", erinnert sich die Mutter. Am 11. März ein Moment des Glücks: Michael Emrich nimmt eine Buchstabentafel und macht seiner Freundin einen Heiratsantrag. Es folgen lange Monate mit vielen Komplikationen – sein linkes Bein muss amputiert werden. Es kommt ein multiresistenter Keim hinzu, der die Antibiotikagabe nicht leichter macht. Am 11. April kann der Patient zum ersten Mal seit langem wieder draußen an die frischen Luft. Phasenweise hat er Panikattacken und Halluzinationen, depressive Episoden, aber auch gute Tage. Außerdem betonten die Ärzte weiterhin "dass er noch lange nicht über’m Berg ist".

Die Schicksalsschläge gehen weiter

Hirnblutung, Sprachstörung. Doch im Hochsommer bessert sich sein neurologischer Zustand und er wird Ende September in eine Rehaklinik bei Dresden verlegt. Er kommt zwischenzeitlich von den Antibiotika, der Beatmung und sogar von der Dialyse los. Doch die Zehen am rechten Bein müssen amputiert werden.


Freude für alle - Fall 10: Wenn das Geld für Essen nicht reicht

Anfang 2020 gibt es immer mehr Lichtblicke. "Das Essen und Trinken klappte nach einiger Zeit auch wieder normal. Er begann selbstständig mit dem Rollstuhl zu fahren." Am 19. Mai wird Michael Emrich aus der Reha entlassen. Die gemeinsame Wohnung mit seiner Verlobten befindet sich im Dachgeschoss seines Elternhauses. Die Familie installiert einen Treppenlift, organisiert ein Pflegebett, einen Rollstuhl und weiteres um ihm das Leben zu erleichtern. Doch es stehen noch wichtige Umbauten an im Schlafzimmer, in der Küche und vor allem im Bad. "Das kostet natürlich alles sehr viel Geld", sagt Kerstin Emrich und freut sich, dass die Firma "Bäder mit Pfiff" der Familie wohlwollend entgegengekommen ist. Trotzdem gehen die Kosten insgesamt in die Zehntausende. Michaels Verlobte ist gelernte Krankenschwester und versorgt ihn privat.

Ende Mai wieder in der Notaufnahme

Am 30. Mai kommt der Hemhofener erneut in die Notaufnahme in der Uniklinik Erlangen vor. Abszess im Bauch, multiresistenter Keim. Er kann nicht adäquat operiert werden wegen seinen vielen Vernarbungen. "Seither geht es bergauf und bergab", fasst Kerstin Emrich zusammen. Mal ist er in der Klinik, mal kann er nach Hause. "Die letzten zwei Jahre waren und sind nicht leicht für alle Beteiligten."

Hintergründe: Was ist das für eine Krankheit?

Gasbrand zählt zu den schwerwiegendsten bekannten Wundinfektionen und verläuft oft tödlich. Charakteristisch ist vermehrte Gasbildung in der infizierten Wunde. In früheren Zeiten erfolgten Gasbrandinfektionen häufig durch unsteriles OP-Besteck – heute spielt dieser Infektionsweg glücklicherweise kaum mehr eine Rolle. Mediziner sprechen von etwa 100 Fällen im Jahr. Die Erreger des Gasbrandes, Clostridium perfringens, kommen nahezu überall in der Umwelt vor. Sie sind im Erdreich zu finden und auch im menschlichen Darm. Sie bilden Sporen, also Dauerformen, die unter schwierigeren Bedingungen überleben, als die Bakterien es könnten. Als Vorsorgemaßnahmen gelten eine gute Wundversorgung und Wundhygiene. Wenn sich der Erreger breitmacht, hilft oft nur die Amputation der betroffenen Körperteile. Tritt Gasbrand im Rumpf auf, gibt es kaum eine Überlebenschance.

 

Die „Freude für alle“-Spendenkonten:

Spk. Nürnberg: DE63 7605 0101 0001 1011 11;

Spk. Fürth: DE96 7625 0000 0000 2777 72;

Spk. Erlangen: DE28 7635 0000 0000 0639 99;

Postbank Nürnberg: DE83 7601 00850400094854.

Für zweckgebundene Spenden genügt die Angabe der Fallnummer (bitte keine Namen!). Alle Spendernamen werden veröffentlicht (außer bei dem Vermerk „anonym“). Barspenden sind in den Geschäftsstellen der Zeitung in der Nürnberger Mauthalle, in Fürth (Schwabacher Straße 106) und Erlangen (Hauptstraße 38) möglich.

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