Dienstag, 25.02.2020

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Der Feind im eigenen Haus: Mann wollte seine Frau töten

Kerstin L. wollte sich trennen - "Dann darf sie kein anderer haben" - 04.02.2020 19:00 Uhr

Frauen, die ihren Partner verlassen (wollen), leben gefährlich – schlimmstenfalls werden zurückgewiesene Männer zu Mördern. Von allen in Deutschland getöteten Frauen stirbt fast die Hälfte durch die Hand des Mannes, der vorgibt, sie zu lieben: ihres Ehemanns oder Lebensgefährten.

Im Jahr 2018 wurden 114.000 Frauen von ihrem Partner misshandelt, dazu zählen auch Drohungen und Stalking. 122 Frauen wurden von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht, ein Opfer jeden dritten Tag. Meist ist Eifersucht das Motiv – und es klingt paradox: Männer töten, um eine Trennung zu verhindern.

"Ich glaube schon, dass ich sie umbringen wollte"

"Wenn ich sie nicht haben kann, dann darf sie auch kein anderer haben. Ich glaube schon, dass ich sie umbringen wollte." Diese Sätze gab Georg L. nur wenige Stunden nach der Tat, gegenüber der Ermittlungsrichterin zu Protokoll. Am 20. März 2019 hat L. versucht, davon geht Staatsanwalt Simon Kroier aus, seine Frau Kerstin zu töten.

Trifft der Vorwurf zu, wird Georg L. aus Neumarkt in der Oberpfalz einer der Männer sein, die in der Statistik des Jahres 2020 mitgerechnet werden.

Wie soll man diese Taten nennen?

Erst vor wenigen Wochen hat Franziska Giffey (SPD), Bundesfamilienministerin, die Zahlen des Jahres 2018 vorgestellt: Und diese Zahlen, die das Bundeskriminalamt (BKA) zur Partnerschaftsgewalt erhebt, könnten noch höher sein. Gerade einfache Körperverletzung wird selten angezeigt, daher geht das BKA von einer hohen Dunkelziffer aus. Wie soll man all diese Taten nun nennen? Beziehungsdramen? Tragödien, Hassverbrechen?

Staatsanwalt Simon Kroier wertet die Eifersucht des Georg L. als niedrigen Beweggrund und spricht von einem Mordversuch. Georg L. befindet sich seit der Tat in Untersuchungshaft. Folgen die drei Richter und zwei Schöffen der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth am Ende der Beweisaufnahme dem Anklagevorwurf, erwartet Georg L. (50) eine lange Strafe: Denn grundsätzlich sieht das Gesetz für einen Mordversuch dieselbe Strafe vor wie für einen vollendeten Mord, also lebenslang – allerdings wird in aller Regel von einer lebenslangen Strafe abgesehen.

Es geht also um viel, und so rasselt Strafverteidiger Martin Gelbricht gleich zu Prozessbeginn mit dem Säbel: Sein Mandant, Georg L., habe seit längerer Zeit ein Alkoholproblem, tatsächlich sei es am 20. März zu einer "körperlichen Auseinandersetzung" gekommen, doch die Absicht zu töten, habe L. nicht gehabt. Eifersucht als Motiv bestreitet er ausdrücklich.

3,6 Promille Alkohol im Blut

Als Georg L. am 20. März von der Ermittlungsrichterin im Bezirksklinikum Regensburg vernommen wurde, hatte er 3,6 Promille Alkohol im Blut, er litt unter Brustschmerzen und befand sich in einer Ausnahmesituation. Anwalt Gelbricht will auch deshalb die damaligen Aussagen des L. als Beweis nicht verwertet wissen.

Dass Georg L. bemerkenswerte Mengen an Alkohol konsumiert – die Rede ist von zwei Kisten Bier, zwei Flaschen Schnaps und zwei Flaschen Wein pro Tag – ist unstrittig. Und wie sehr er an Alkohol gewöhnt war, zeigt sich schon daran, dass kein Polizist und kein Mitarbeiter des Klinikums Regensburg am 20. März auch nur die geringsten Ausfallerscheinungen bemerkt hat.

Am 20. März kam Kerstin L. von einer mehrwöchigen Kur aus Bad Kissingen zurück – dort reifte ihr Entschluss, die Scheidung einzureichen. Und dann verlor ihr Mann die Kontrolle. Wer das Paar heute im Gerichtssaal sitzen sieht – sie tritt als Nebenklägerin auf – kann kaum glauben, dass diese Frau den Angeklagten überhaupt kennt. Er ist bleich, sein Haar grau, er wirkt blutleer und alt.

In Todesangst

An ihr ist nur der Stoff der Weste grau, sie ist sorgfältig zurechtgemacht und steht noch immer mitten im Leben. Sie leitet eine Reinigungsfirma, und was sie zu sagen hat, äußert sie als Zeugin sehr klar.

Eheprobleme quälten sie schon lange, die Alkoholsucht des Mannes war unerträglich. Einen Nebenbuhler, wie ihr Georg L. unterstellte, gab es nicht. Sie litt natürlich unter Todesangst, als ihr Mann sie würgte, und ihr war auch schwindlig geworden. Doch sie schaffte es, ihn wegzustoßen, und es gelang ihr, nach ihrem erwachsenen Sohn zu rufen – dieser setzte den Notruf ab. Die Strafkammer plant derzeit mit drei Verhandlungstagen, am 20. Februar wollen die Richter das Urteil sprechen.

Ulrike Löw

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