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Der KZ-Stollen bei Happurg bleibt ein Mysterium

Historiker erläutert Hintergründe anhand neuer Forschungsergebnisse - 19.11.2017 05:21 Uhr

Das Nazi-Geheimprojekt "Esche" – so lautete der offizielle Tarnname des riesigen unterirdischen "Doggerstollen"-Komplexes bei Happurg – war nicht von Anfang an in dieser Form als Neuanlage geplant. © Fotos: Silvia Wawarta


"Wer hat das geplant – und was sollte erreicht werden?" So lauten zwei Kernfragen, die sich Christoph Maier immer wieder stellte, als er über das Doggerwerk in Happurg und die zahlreichen anderen unterirdischen Bauten, die im Dritten Reich geplant und teilweise realisiert wurden, forschte.

Der Handlungsdruck war für das Nazi-Regime ab 1943 enorm: Weite Teile der Flugzeugproduktion lagen nach verheerenden Bombenangriffen der Alliierten in Schutt und Asche. Wollte man noch eine Chance haben, den Lauftraum über Deutschland zurückzuerobern, mussten aus Sicht des Regimes bombensichere Produktionsstätten her. "Hier gab es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Großbunker, wie sie in bei Kaufering und Mühldorf gebaut wurden – oder die Verlagerung der Fabrikation in unterirdische Anlagen", sagt Maier.

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Doggerwerk bei Happurg: Wo der Berg die Menschen fraß

Kaum jemand hat das Doggerwerk bei Hersbruck in den vergangenen Jahren betreten. Das unvollendete unterirdische Rüstungsprojekt der Nazis, das viele tausend KZ-Häftlinge das Leben kostete, ist aktuell stark einsturzgefährdet. Wir haben einen Blick in den Stollen geworfen - und Bilder gemacht.


Er beschreibt ein wahres "Höhlenfieber", das damals die zuständigen Verwaltungsstellen erfasste. Obwohl Hitler nach Maiers Einschätzung selbst Stahlbetonbunker bevorzugte, war den Untergebenen des Führers schnell klar: Die stark limitierten Ressourcen würden niemals für sämtliche ambitionierten Geheimprojekte reichen, griff man nicht auch auf unterirdische Anlagen zu.

"Jedes noch so geheime Projekt hatte seine Behörde"

Deswegen begaben sich ab 1943 überall im Reich Spezialisten auf die Suche nach verwertbaren unterirdischen Objekten – ein Vorgang, der den Beginn der Untertageverlagerung kennzeichnen sollte. Lange galt die Quellenlage dieser streng geheimen Bauprojekte als dürftig, doch Maier widerspricht: "Man muss intensiv suchen. Jedes noch so geheime Projekt hatte im Reich seine Behörde, die vielleicht nicht in allen Details Bescheid wusste, aber durchaus grundlegende Kenntnis der Vorgänge hatte."

Zunächst wurden ab 1943 Bergwerke und andere bestehende unterirdische Räume wie Bierkeller und natürliche Höhlen – auch in Nürnberg und im Umland – inspiziert und katalogisiert. Bald setzten aber auch Überlegungen ein, gänzlich neue unterirdische Anlagen zu schaffen. So wurde nach Maiers Recherchen ein Eisenerzbergwerk im Hirschbachtal nördlich von Hersbruck intensiv einer eingehenden Prüfung für eine Untertageverlagerung unterzogen – bevor man sich dann für den kompletten Neubau einer unterirdischen Fertigung bei Happurg entschied. Ausschlaggebend sei dabei zum einen gewesen, dass der Erzabbau als wichtige Ressource eingestuft wurde. Zum anderen wäre die Einrichtung einer Flugzeugmotorenfertigung in den schmalen Bergwerksstollen nicht ohne erheblichen Aufwand zu realisieren gewesen, glaubt Maier. Und auch die logistische Anbindung der Anlagen sei zu berücksichtigen gewesen.

Luftwaffe unter Göring starke Triebfeder

"Interessant und sehr schwer zu durchschauen dabei ist das Zusammenspiel verschiedener Verwaltungsebenen mit der Wehrmacht, vor allem der Luftwaffe, der betroffenen Industrie sowie der SS", sagt Maier zum Phänomen U-Verlagerung insgesamt. Ohne deren Rolle relativieren zu wollen, sei zu beobachten, dass nach Kriegsende der SS fast immer die alleinige Verantwortung für die Geheimprojekte zugeschoben wurde – "und das ist so schlicht nicht richtig".

So sei gerade zu Beginn die Luftwaffe unter Herrmann Göring eine starke Triebfeder gewesen, was die Untertageverlagerung anbelangte. Eine ebenfalls wichtige Rolle spielten nach Maiers Recherchen die Rüstungsinspektionen und deren Unterabteilungen, die Rüstungskommissionen. "Das ist deswegen interessant, weil es sich hier zunächst um ursprünglich militärische Institutionen der Wehrmacht handelte, die jetzt aber dem Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion und somit Albert Speer unterstanden", erläutert Maier. Und auch das Reichsamt für Bodenforschung – eine Unterstelle des Reichswirtschaftsministeriums und den Bergämtern übergeordnet – war in die Prozesse der U-Verlagerung involviert. "Eigentlich ist das auch naheliegend, schließlich hatte bei der SS niemand die bergbauliche Expertise, die für Riesenprojekte wie ,Esche‘ – so der eigentliche Deckname des Bauprojektes bei Happurg – nötig war", sagt Maier.

"Hunderte weitere Projekte wurden durchgeführt"

Die SS kam seiner Überzeugung nach aus einem entscheidenden Grund zum Zug: "Sie hatte direkten Zugriff auf die Konzentrationslager und die dort Inhaftierten, verfügte also ab 1943/44 über die einzige Möglichkeit im Reich, zehntausende Arbeitskräfte für diese Mammutprojekte bereitstellen zu können."

Ein erster Testlauf für den Einsatz von KZ-Häftlingen für ein großangelegtes U-Verlagerungsprojekt war der berüchtigte "Mittelbau" – die U-Verlagerung der V 2-Raketenproduktion, welche die SS unter ihrem berüchtigten Chefbaumeister Hans Kammler durchführte. "Nach dem Erfolg dieser Baumaßnahme zog der vorher ambivalente Rüstungsminister Speer die Untertageverlagerungskompetenzen an sich", sagt Maier. Listen mit hunderten Untertageobjekten und -projekten kursierten zwischen der Luftwaffe und Speers Ministerium. Die SS übernahm vorerst zehn "A-Projekte", den Ausbau von Objekten wie Eisenbahntunnels zu Fertigungsstätten und zehn B-Projekte, die die komplette Neuanlage großer unterirdischer Systeme vorsahen. "Hunderte weitere Projekte wurden vom Amt Bau und der Organisation Todt, also direkt Speers Ministerium durchgeführt", so der Forscher.

Intensive Recherchen zu komplexen Verflechtungen

Die gründliche Auswertung lange bekannter Listen sowie die Auswertung bislang in der Forschung nicht verwandter Listen ermöglichen es laut Maier, die Entstehungsgeschichte der wichtigsten Untertageverlagerungen neu zu beschreiben.

Der Historiker will mit seinen Recherchen die weitverzweigten Verbindungen und Abhängigkeiten, die diese geheimen Projekte erforderlich machten, transparenter machen. Seine Überzeugung: Wenn auch viele Akten vernichtet wurden, lassen sich immer wieder Spuren der Untertageprojekte in unspektakulären Korrespondenzen und Akten von Behörden wie den Arbeits-, Landrats- oder Bergämtern finden.

Vortrag am Di., 21.11., 19.30 Uhr, Künstlerhaus im KunstKulturQuartier, Glasbau 2. OG, Eintritt: 4 Euro. 

Sebastian Linstädt

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