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Deutsche sollen nur noch halb so viel Fleisch essen

Keime, Überdüngung, Tierleid - Folgen der Massentierhaltung nehmen Überhand - 10.01.2018 19:08 Uhr

Wenn es nach den Herausgeber des neuesten Fleischatlas geht, müssten die Deutschen ihren Fleischkonsum in etwa halbieren. © dpa


 Das klingt eigentlich nach dem Schlaraffenland für Fleischliebhaber: Kantinen könnten bei Schnitzel, Frikadelle und Bratwurst einen kostenlosen Nachschlag anbieten. Das empfehlen Umweltschützer im neuen "Fleischatlas". Der ist aber eigentlich eine Abrechnung mit dem übermäßigem Fleischkonsum.

Und so hat der Vorschlag mit dem Nachschlag für die Fleischfreunde auch einen Haken: Erst einmal kommt ein kleineres Stück Fleisch auf den Teller als gewohnt. Wer mehr will, muss sich später noch einmal anstellen. Das ist eine von vielen Ideen, wie man die Deutschen ohne Verbote dazu bringen könnte, weniger Fleisch zu essen. Denn bislang blieben alle Versuche unterm Strich folgenlos: Pro Jahr isst ein Deutscher im Durchschnitt 59 Kilo Fleisch und 29 Kilo Fleischprodukte, meistens vom Schwein.

Das ist etwa so viel wie vor zehn Jahren – obwohl es doppelt so viele Vegetarier gibt wie damals, jedenfalls nach Statistiken ihrer Interessenvertreter: Vier Prozent der Deutschen verzichten ganz auf Fleisch, zwölf Prozent gelegentlich.

"Riesenschnitzel sind pervers"

Wie passt das zusammen? Der Fleischatlas versucht eine Antwort zu finden: "Es gibt eine Gruppe von rund fünf Prozent Vielfleischessern unter den Männern, die fast dreimal so viel Fleisch verzehren wie die Durchschnittsdeutschen", schreibt der Göttinger Professor Achim Spiller. Das sind Leute, die nahezu täglich Bilder gewaltiger Burger auf ihren Tellern ins Netz stellen. Und Imbisse sind nicht mehr schmuddelig: Von "Burgeramt" in Berlin bis "Fette Kuh" in Köln gibt es vielerorts schicke Hackfleisch-Läden.

Fleisch ist in aller Munde: Die deutschen Landwirte und Schlachthöfe produzieren weiterhin auf Hochtouren Fleisch. Viel zu viel und viel zu billig, so die Kritik der Naturschützer. © Peter Steffen/dpa


Restaurants braten Riesenschnitzel. Hunderte Euro für einen Grill auszugeben, ist nichts Besonderes mehr - und die Freunde zum Wintergrillen einzuladen auch nicht. Mancher setzt sich gleich auf Steinzeit-Diät – mit viel Fleisch. Zwölf Euro kostet das Hochglanz-Magazin "Beef" mit der Losung "Männer kochen anders." Und im Fernsehen machen Sendungen wie "Man Fire Food - Barbecue Roadtrip durch die USA" noch mehr Lust auf Fleischgenuss.

"Das ist die neue Coolness", heißt es schaudernd in der den Grünen nahstehenden Heinrich-Böll Stiftung. "Qualvoll, umweltschädlich, ungesund und billig", so brandmarkt Stiftungschefin Barbara Unmüßig große Teile der Tierproduktion. Um dies zu ändern, veröffentlicht die Stiftung seit 2013 den "Fleischatlas" gemeinsam mit der Zeitung "Le monde diplomatique" und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Dessen Vorsitzender Hubert Weiger sagt: "Riesenschnitzel sind pervers."

Auch wenn das Fleisch im Supermarkt und auf dem Teller appetitlich aussieht: Es stammt in der Regel aus Massentierhaltung. © Caroline Seidel/dpa


Wenige Tage vor der Grünen Woche eröffnen die Umweltschützer damit die Debatte. Bei der Agrarmesse ist Fleisch wichtig – denn vom Schnitzel bis zur Mortadella ist es ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Vor zehn Jahren importierte Deutschland noch Schweinefleisch, heute wird exportiert. Der Ernährungsindustrie bringen Fleisch und Fleischprodukte nahezu jeden vierten Euro. Weltweit wächst die Nachfrage, vor allem weil Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern auf den Geschmack kommen. Die Nebenwirkungen: Klimaschäden, Überdüngung, Artensterben, Tierleid, die Ausbreitung multiresistenter Keime - und Hunger in Entwicklungsländern. So beschreibt es der "Fleischatlas".

Die Hälfte würde genügen

"Das billigste Fleisch ist das teuerste“, sagt Weiger. Was er meint: "Wir zahlen den scheinbaren Preis an der Ladentheke und dann zahlen wir als Steuerzahler das Doppelte für die ökologischen und sozialen Folgeschäden." Die Lösungsvorschläge: Mehr Aufklärung für Verbraucher, eine bessere Kennzeichnung am Ladenregal, Tier-Obergrenzen und stärkere Kontrollen in den Ställen. Millionen Schweine-Mastplätze würden nach den Vorschlägen wegfallen. Fleisch im Supermarkt würde teurer, wenn die Produktion umgestellt werde, sagt Weiger. Es würde aber auch weniger gekauft, die Hälfte genüge.

Das deckt sich mit Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Sie hält 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche für das richtige Maß – das wären etwa 16 bis 31 Kilogramm pro Jahr. "Eine ganz gute Richtschnur", meint selbst Barbara Otte-Kinast (CDU), die Agrarministerin von Niedersachsen, wo in den Kreisen Cloppenburg, Vechta und dem Emsland die deutschen Regionen mit der höchsten Tierdichte liegen. Sie warnt aber davor, den Menschen beim Essen Vorschriften zu machen und Landwirte zu diffamieren: "Die große Mehrheit der Landwirte achtet Tag für Tag auf das Wohl ihrer Tiere, schon naturgemäß aus Eigeninteresse", betont die Ministerin.

Kostverächter sind die "Fleischatlas"-Initiatoren nicht: "Fleisch ist ein bequemes und nahrhaftes Nahrungsmitte"“, spekuliert Barbara Unmüßig über die Gründe für die anhaltende Beliebheit. "Man wirft es in die Pfanne und hat kurz darauf ein proteinreiches Nahrungsmittel. Und es ist billig." Fleisch steht außerdem schon seit Urzeiten auf dem menschlichen Speiseplan. Die meisten Deutschen sind mit dem Geschmack gut gewürzter Frikadellen und Würstchen aufgewachsen.

Insekten-Burger sind keine Alternative

Fehlt dem Körper Eisen oder Eiweiß, kann es regelrechten Heißhunger auf Gebratenes und Gesottenes geben, warnt sogar das Veganer-Portal Vegpool. Es rät, sich für den Fall der Fälle zu wappnen: Mit einem Vorrat an Champignons, Oliven, Linsen und anderen Alternativen. Von In-Vitro-Fleisch aus dem Labor und Insekten-Burgern hingegen halten die "Fleischatlas"-Herausgeber nichts. Denn der Fleischersatz ändere nichts daran, dass die Bundesbürger mit tierischem Eiweiß überversorgt seien, sagt Unmüßig: "Das sind große Ablenkungsmanöver."

Um die Klimaziele und mehr Tier- und Naturschutz zu erreichen, verlangt der BUND: "Die Bundesregierung muss noch in diesem Jahr die Weichen für einen nachhaltigen Umbau der Tierhaltung stellen." Gefordert wird eine verpflichtende Fleischkennzeichnung und eine Abgabe auf Stickstoffüberschüsse, wie sie durch große Güllemengen entstehen. Mehr als zwei Rinder oder zehn Schweine pro Hektar solle ein Betrieb nicht mehr halten dürfen. Demzufolge müssten die Schweinebestände um mehrere Millionen Tiere sinken. 

Der Fleischatlas wird seit 2013 vom BUND, der Heinrich-Böll-Stiftung und der Zeitung Le Monde Diplomatique heraus gebracht. 

dpa/reg E-Mail

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