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Diakonie Bayern verlangt mehr Hilfe für die Sozialwirtschaft

Geringe Finanzpolster - aktuelle Hilfen erreichen nicht alle - 02.04.2020 09:12 Uhr

Bei Tafeln wie hier in Erlangen können sich Bedürftige mit Lebensmitteln versorgen. Viele solcher Einrichtungen mussten zum Schutz vor dem Coronavirus inzwischen schließen.

© Foto: Klaus-Dieter Schreiter


Löhne und Gehälter müssen bezahlt und alle anderen finanziellen Verpflichtungen ebenfalls erfüllt werden. Da unterscheiden sich die Einrichtungen der Sozialwirtschaft nicht von anderen Gewerbebetrieben. Und doch sind es zwei völlig unterschiedliche Wirtschaftswelten.

Die Betreiber von Altenheimen, Beratungsstellen, Pflegestationen oder Behindertenzentren können sich aus Gewinnen in fetten Jahren kein Finanzpolster zulegen. Das gilt zumindest, wenn sie der Gemeinnützigkeit unterliegen, so wie die 3500 Einrichtungen mit rund 90.000 Mitarbeitenden - das sind so viele wie Audi weltweit beschäftigt - der Diakonie Bayern. Auch Kredite sind kein Rettungsring. Wie sollen die später zurückgezahlt werden?


Kommentar: Die Corona-Krise bedroht auch die Gemeinnützigkeit


In der gegenwärtigen Corona-Krise sieht Wolfgang Janowsky, Vorstandsmitglied der Diakonie Bayern, schwere Belastungen auf die Einrichtungen zukommen: "Uns fehlen im Gegensatz zu VW oder BMW völlig die Ressourcen, um wirtschaftliche Dellen etwas abzufedern." Etwa ein Fünftel aller diakonischen Einrichtungen im Freistaat könne deshalb am Ende in unabsehbare ökonomische Nöte geraten.

Kollaps verhindert – zunächst

Das sogenannte Sozialschutzpaket, das der Bundestag kürzlich auf den Weg gebracht hat, begrüßt Janowsky: "Damit soll der Kollaps sozialer Einrichtungen verhindert werden." Er fügt aber ausdrücklich das Wörtchen "zunächst" hinzu. Es soll nachdenklich stimmen. Denn der Schutzschirm, der über sozialen Einrichtungen aufgespannt wurde, decke voraussichtlich 75 Prozent der monatlichen Einnahmeausfälle ab. Ob die anderen 25 Prozent wie vorhergesagt eingespart werden können, sei äußerst fraglich.

Außerdem gebe es, so der Diakonie-Vorstand, Arbeitsbereiche, die gar nicht unter dem Schutzschirm stehen. Mutter-Kind-Kuren gehörten dazu. "Die werden mit ihrem weitreichenden Angebot auch nach der Krise aber unverzichtbar sein."

Janowasky spricht zudem von "kritischen Bedingungen", die erfüllt werden müssen, um die Hilfen überhaupt in Anspruch nehmen zu können. So muss die Lage erst einmal so bedrohlich sein, dass der wirtschaftliche Bestand einer Einrichtung in Gefahr ist, bevor Mittel fließen. Es sei die Frage, ob die sich nach der Coronakrise dann überhaupt noch halten können.


Corona-Krise: Diese Finanzhilfen gibt es von Bund und Ländern


Der Spitzenvertreter der Diakonie betont, dass die einzelnen Bundesländer laut Sozialschutzpaket die Möglichkeit haben, das Zuschussniveau zu erhöhen. "Hier müssen wir feststellen, dass seitens der bayerischen Staatsregierung die Sozialwirtschaft bisher mit keinem Wort erwähnt worden ist", bedauert er. Man schätze das Engagement der Regierung sehr, "dennoch muss an dieser Stelle dringend nachgebessert werden". Die Diakonie habe das auch schon mehrfach mit großem Nachdruck gefordert. "Wir bedauern es, keine Antwort darauf bekommen zu haben."

Bayerns Diakoniepräsident Michael Bammessel hat darauf hingewiesen, dass viele gewohnte Hilfsangebote der Träger in seinem Verband derzeit gar nicht aufrecht zu erhalten sind. Die geltenden Einschränkungen würden sie hart treffen, und das gerade jetzt, wo das Angebot besonders nötig sei.

Manche Tafel, bei denen sich Bedürftige günstig mit Lebensmitteln eindecken können, kann nicht öffnen, Einrichtungen der Tagespflege für Senioren sind geschlossen.

Notausgabestellen eingerichtet

Die Diakonie habe darauf, so Bammessel, mit Kreativität reagiert. Wo eine Kleiderkammer zu hat, seien Notausgabestellen eingerichtet worden. Und eine Tafel in Oberfranken sucht jetzt nach Spendern für Einkaufsgutscheine. Bei den Beratungsstellen, etwa für Arme oder Flüchtlinge, werde - "so weit es geht" - auf Telefonberatung umgestellt.

Dieser Einfallsreichtum erspare es der Politik aber nicht, mehr zu helfen, betont Bammessel. Für diejenigen, die schon länger Hartz IV-Leistungen beziehen, müsse es schnell Verbesserungen geben.

Er plädiert für einen befristeten Zuschlag in Höhe von 100 Euro für Erwachsene und 80 Euro pro Kind. "Solche Familien kommen ja teils nur über die Runden, weil sie eben zu Tafeln gehen konnten oder die Kinder kostenloses Mittagessen bekommen haben", sagt der Diakoniepräsident - und da falle derzeit eben viel weg.

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