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Dienstag, 23.07.2019

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Die nächste Praxis hat geschlossen

Überbordende Bürokratie und finanzielle Verpflichtungen verleiden Lust am Weitermachen - 03.07.2019 09:53 Uhr

Hat keinen Nachfolger gefunden: Frauenarzt Luitpold Guggenberger. © Schäfer


Seit Oktober 1986 praktiziert der Diplom-Mediziner für Frauenheilkunde in Rothenburg. Ursprünglich kommt er aus Regensburg. Seine Facharztausbildung hat Luitpold Guggenberger in Bayreuth gemacht. Danach fragte er bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Nürnberg an, weil er eine Niederlassung in einer eigenen Praxis ohne Belegbetten anstrebte. Er wollte sein eigener Chef sein. Gute Ganzheitsmedizin anzubieten, war ihm wichtig.

Rothenburg wurde ihm seinerzeit empfohlen. Unter Hinweis darauf, dass man vorhabe, einem leitenden Rothenburger Arzt die Kassenzulassung zu entziehen. Der Schritt wurde aber nie vollzogen, aufgrund des bereits fortgeschrittenen Alters des Mediziners. Die einzigen Praxisräume, die Luitpold Guggenberger damals angeboten wurden, waren Räumlichkeiten in einem Wohn- und Geschäftshaus in der Wenggasse, wo er bis zuletzt eingemietet war.

In den letzten dreieinhalb Jahren hat er vergeblich versucht, einen Nachfolger für seine Praxis zu finden, obwohl er eine hohe Patientenzahl im fünfstelligen Bereich und hohe Zufriedenheitswerte vorweisen kann. Es waren mehrere Gründe, die ihn schließlich veranlasst haben, seine Praxis zu schließen. "Ich gehöre zu einer aussterbenden Spezies. Wir Einzelfachärzte kommen mit der Entwicklung nicht mehr mit", sagt Luitpold Guggenberger.

Wenn er junge Ärzte angesprochen hat und die hörten, dass am Krankenhaus ein Medizinisches Versorgungszentrum ist, erlebte er die "abschreckende Wirkung". Als alteingesessener Arzt habe er keine Probleme mit Konkurrenz gehabt. Aber für einen Neuanfänger, der auf die Wirtschaftlichkeit der Praxis achten muss, sei es nicht einfach, seine Patienten zum größten Konkurrenten am Ort einzuweisen. Krankenhaus und MVZ bieten "das volle Programm" Schwangerenvorsorge und Krebsfrüherkennungsuntersuchungen an.

Vierzig Prozent seiner Patienten kamen aus dem nahen Baden-Württemberg, sagt Luitpold Guggenberger. Er hatte aber auch Patientinnen vom Bodensee und sogar aus dem Allgäu, aus Würzburg, Nürnberg und Stuttgart. Die freie Arztwahl ermöglicht es, sich einen Arzt seines Vertrauens zu wählen.

Unter den Voraussetzungen, wie sie jetzt sind, würde Luitpold Guggenberger "keinen Kassenarzt mehr machen". Er gebraucht offene Worte: "Man ist nur noch ein Lakai der Krankenkassen." Er habe noch Zeiten erlebt, als ein Arzt bestimmt hat, wie lange eine Patientin krankgeschrieben wird. Heutzutage komme ein Arzt vom medizinischen Dienst Nürnberg und beurteilt nach Aktenlage.

Außerdem beklagte der Mediziner, dass im Krankenhaus "nach Diagnosedaten" entschieden wird. Mit der Folge, dass die Patienten aus Kostengründen immer kürzer im Krankenhaus liegen. "Die Leute werden zu früh entlassen und müssen dann schauen, wie sie zurechtkommen".

Die Rangfolge "ambulant oder stationär" bei den Behandlungsmöglichkeiten müsse dem Wirtschaftlichkeitsgebot Rechnung tragen, beklagt der Frauenarzt und nennt ein Beispiel: Wenn eine Patientin mit einer Vorerkrankung, etwa einer schweren Diabetes, sich einer Gebärmutter-Ausschabung unterziehen muss und er als Arzt empfiehlt, sie stationär aufzunehmen, kommt er kaum damit durch: "Das geht dann erst mal ambulant." Luitpold Guggenberger hat zunehmend die Erfahrung gemacht: "Es wird strenger reguliert und budgetiert."

Dies betraf nicht nur die Patienten, sondern auch ihn selbst. Auf der Basis einer internen Statistik, die er geführt hat, habe er festgestellt, dass er im letzten Quartal 2018 ab dem 7. Dezember "umsonst gearbeitet" hat, weil sein Budget für die ärztlichen Leistungen bereits aufgebraucht war. Der Mediziner hat in seiner Praxis auch Kindergynäkologie angeboten. Neben Erkrankungen, Störungen, oder Fehlbildungen musste er auch immer wieder Verletzungen durch Fremdkörper in der Scheide behandeln, die sich Mädchen beim Spielen zugefügt haben. Da braucht es viel Einfühlungsvermögen, Zeit und Geduld. Außerdem gehörten Bewohnerinnen von drei Behinderteneinrichtungen zu seinen Patientinnen.

Luitpold Guggenberger wollte sich auch den forschen Forderungen von Gesundheitsminister Jens Spahn zu mehr Digitalisierung in der Medizin, vor allem die elektronische Patientenakte, nicht mehr unterwerfen. Ärzten, die ihre Praxen nicht an das digitale Netzwerk, die sogenannte Telematik-Infrastruktur anschließen wollen, drohen Honorarkürzungen. Die Investition in die Digitalisierung hätte der Frauenarzt getätigt, wenn er einen Nachfolger gehabt hätte. Auch deshalb hörte er auf, weil für ihn die Neuanschaffung einer Computeranlage nicht mehr in Frage kam. Die elektronische Vernetzung von Arztpraxen hat er ohnehin skeptisch gesehen: "Wie sieht es dann mit dem Datenschutz und der Datensicherheit aus?"

Gesundheitsminister Jens Spahn wirbt auch für Online-Beratung beim Arzt. "Dr. Google soll salonfähig werden", sagt Luitpold Guggenberger und fragt sich, was das mit professioneller Beratung oder Behandlung zu tun hat. "Wie kann jemand am Bildschirm entscheiden, ob es sich bei Juckreiz im Scheidenbereich um eine bakterielle Entzündung, Herpes oder sogar eine bösartige Erkrankung handelt?"

Auch über immer strengere Auflagen kann Luitpold Guggenberger nur den Kopf schütteln. So entschied das Gewerbeaufsichtsamt Nürnberg vor etwa drei Jahren, dass er seine 70000 Euro teuren gynäkologischen Instrumente aus rostfreiem Stahl nicht mehr verwenden darf, sonst hätte er einen staatlich geprüften Desinfektoren einstellen müssen wegen der Hygiene- und Infektionsprävention. Ihm blieb nichts anderes übrig, als einen Kompromiss einzugehen: Einweg-Artikel und Plastikverpackungen, die in China hergestellt werden.

Luitpold Guggenberger war Arzt mit Leib und Seele. Das Aufgabengebiet der Frauenheilkunde ist sehr umfangreich und generationsübergreifend mit diagnostischen und therapeutischen Schwerpunkten, die auch viel psychologische Begleitung erfordert. Ursprünglich wollte Luitpold Guggenberger Psychologie studieren. Der zivile Ersatzdienst beim Roten Kreuz, den er seinerzeit als Wehrdienstverweigerer absolvieren musste, animierte ihn dazu, den Weg zum Medizinstudium einzuschlagen. Mit seinem Abinoten-Durchschnitt von 1,9 überbrückte er die Wartezeit auf einen Studienplatz, indem er zunächst Biologie und Chemie zu studieren begann, um dann ins Medizinstudium einzusteigen. "Diese Konstellation gibt es heute gar nicht mehr."

Junge Ärzte bevorzugen geregelte Arbeitszeiten, etwa als Angestellter in einer Klinik, und in lukrativeren medizinischen Bereichen. Außerdem scheuen sie den Schritt in die Selbstständigkeit, denn der Kostendruck im Gesundheitswesen wächst immer stärker. Im Studium werden die Nachwuchskräfte nicht auf die betriebswirtschaftlichen Risiken einer Einzel-Niederlassung vorbereitet und an den Universitäten wird ein Student ausgelacht, wenn er Allgemeinmediziner auf dem Land oder in der Kleinstadt werden will. Die Einzelpraxis als Auslaufmodell. Jede Schließung hinterlässt eine große Lücke. 

sis

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