Die Opfer des NSU hatten noch so viele Pläne

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Elke Graßer-Reitzner

Lokalredaktion Nürnberg und Rechercheteam

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9.4.2021, 06:27 Uhr
#createSourceTag($imagePath, "480", "900", $media) #createSourceTag($imagePath, "320", "600", $media) Mehmet Kubasik sitzt mit seinen Kindern auf der Couch. Am 4. April 2006 wurde er in seinem Kiosk in Dortmund vom NSU ermordet.

© privat Mehmet Kubasik sitzt mit seinen Kindern auf der Couch. Am 4. April 2006 wurde er in seinem Kiosk in Dortmund vom NSU ermordet.

Mordend und unerkannt war der NSU um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe in den Jahren 2000 bis 2007 durch die Republik gezogen. Die Täter erschossen neun Migranten, allesamt gut integriert, die mit kleinen Läden den Unterhalt ihrer Familien sicherten. Dann töteten sie eine deutsche Polizistin. Wer ihnen geholfen hatte, diese Menschen auszuspähen, liegt bis heute weitgehend im Dunklen.


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Süleyman Tasköprü, 1970 in Istanbul geboren, war ein sehr guter Schüler. Als ihn sein Vater 1981 nach Deutschland holte, konnte er bald auf die Realschule in Hamburg gehen und dort seinen Abschluss machen. Als sogenannter Gastarbeiter hatte Tasköprü Senior bei einer Werft in Bremen und später bei einem Schreibwarenhersteller in Hamburg Arbeit gefunden.

Besuch in Los Angeles

Süleyman war begeisterter Fußballspieler und hatte ein Idol: den amerikanischen Schauspieler Sylvester Stallone. Im Lauf der Zeit wurde er seinem Star immer ähnlicher, ließ sich die Haare so wachsen wie er. Als er in den 1990er Jahren eine Reise in die USA unternahm, besuchte er auch den berühmten "Walk of Fame" in Los Angeles.

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Für ein Foto kniet er vor dem im Boden eingelassenen Stern für Stallone, und wer nicht genau hinschaute, hätte ihn tatsächlich für den Schauspieler halten können. Anfang 2001 übernahm der 31-Jährige in Hamburg-Bahrenfeld den Obst- und Gemüseladen, den Familie Tasköprü dort seit ein paar Jahren betrieb. Das Geschäft sei auch ein Treffpunkt der Familie gewesen, man habe dort miteinander gegessen, berichtete jetzt Süleymans Schwester der Nürnberger Wissenschaftlerin Birgit Mair.

#createSourceTag($imagePath, "480", "900", $media) #createSourceTag($imagePath, "320", "600", $media) In Nürnberg-Langwasser erinnern Fotos von Enver Simsek, dem ersten Opfer des NSU, an die furchtbare Tat.

In Nürnberg-Langwasser erinnern Fotos von Enver Simsek, dem ersten Opfer des NSU, an die furchtbare Tat. © Michael Matejka, ARC

Am 27. Juni 2001 arbeiten Süleyman und sein Vater im Laden. Kurz vor Mittag verlässt der Vater das Geschäft, um Oliven zu besorgen. Als er zurückkommt, findet er seinen Sohn blutüberströmt auf dem Boden. Von den Tätern keine Spur. Die Rettungskräfte sind schnell da, doch sie können nicht mehr helfen. Süleyman stirbt. Er habe noch so viel vorgehabt, etwa einen Weinladen im Nebengebäude eröffnen wollen, erzählt seine Schwester jetzt. "Aber seine Pläne und seine Träume wurden mit ihm zusammen vernichtet."

200 Mal bundesweit gezeigt

Birgit Mair vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung hat diese Geschichte und neun weitere Episoden, die die Getöteten ins Licht rücken, jetzt veröffentlicht. Sie sind zu lesen im überarbeiteten Begleitband zu der von ihr konzipierten Wanderausstellung "Die Opfer des NSU". Die Schau ist zwischen 2013 und 2020 mehr als 200 Mal bundesweit gezeigt worden. Derzeit ist sie am Hamburger Helmut-Schmidt-Gymnasium zu sehen.

#createSourceTag($imagePath, "480", "900", $media) #createSourceTag($imagePath, "320", "600", $media) Elif Kubasik, die Ehefrau des 2006 in Dortmund erschossenen Kioskbetreibers Mehmet Kubasik, stand plötzlich mit drei Kindern alleine da.

Elif Kubasik, die Ehefrau des 2006 in Dortmund erschossenen Kioskbetreibers Mehmet Kubasik, stand plötzlich mit drei Kindern alleine da. © Jörg Carstensen (dpa)

Jetzt sei es darum gegangen, die Sichtweisen der Angehörigen und Hinterbliebenen auf die Opfer darzustellen, sagt Mair. Sie hat viele Gespräche geführt und Fotos erhalten, die Schlaglichter auf das sorgsam geführte Leben der Getöteten werfen: Mehmet Kubasik umarmt seine drei Kinder in Dortmund, Aburrahim Özüdogru in Nürnberg legt seine neugeborene Tochter behutsam auf die Couch, Habil Kilic lehnt an seinem ersten Laden in Ankara. Die Polizistin Michele Kiesewetter, letztes Opfer des NSU, sitzt am Strand.


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Der aktualisierte und erweiterte Auflage des Bandes ist auch um das Kapitel "Die NSU-Morde als Teil einer Serie rechter Gewalttaten" ergänzt worden. Die jüngsten Anschläge von Rechtsextremisten in München, Halle oder Hanau reißen bei den Hinterbliebenen die Wunden wieder auf.

Abitur in Hanau

Semiya Simsek, Tochter von Enver Simsek, den der NSU 2000 in Nürnberg getötet hatte, hatte in Hanau Abitur gemacht. Ihr Bruder, Abdulkerim Simsek, war häufig Stammgast in der Sisha-Bar in Hanau, in der der Attentäter wahllos Menschen mit Migrationshintergrund getötet hatte. "Es hätte diesmal mich treffen können", sagte er dem gemeinsamen Rechercheteam von Nürnberger Nachrichten und Bayerischem Rundfunk.

#createSourceTag($imagePath, "480", "900", $media) #createSourceTag($imagePath, "320", "600", $media) Demonstranten halten vor der Urteilsverkündung im NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe und andere im Jahr 2018 in München Bilder der vom NSU Ermordeten hoch.

Demonstranten halten vor der Urteilsverkündung im NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe und andere im Jahr 2018 in München Bilder der vom NSU Ermordeten hoch. © Lino Mirgeler

Der Begleitband zur Ausstellung "Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen" ist für 8 Euro, zuzüglich Porto erhältlich unter Telefon (0911) 54 05 59 34 oder via Mail: info@isfbb.de

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