Bildrechte im Internet

Digitalexperte: Nicht nur Jugendliche gehen naiv mit Fotos um

Michaela Zimmermann und Kathrin Walther

Ressort Kinder, Familie und Bildung

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20.10.2021, 05:51 Uhr
Nicht nur Jugendliche, auch wir Erwachsenen teilen über Facebook oder Instagram bedenkenlos Fotos. Doch ist das eigentlich erlaubt? Und was kann daran gefährlich sein?

Nicht nur Jugendliche, auch wir Erwachsenen teilen über Facebook oder Instagram bedenkenlos Fotos. Doch ist das eigentlich erlaubt? Und was kann daran gefährlich sein? © imago images/Westend61, NNZ

"Mein Bild, dein Bild" haben wir unsere Talkrunde genannt. Wem gehört denn mein Bild?

Odendahl: Ganz klar: Mir. Das Recht am eigenen Bild fällt im Grundgesetz unter die Persönlichkeitsrechte. Veröffentlichen oder teilen Sie ein Foto, auf dem andere Menschen zu sehen sind, brauchen Sie von diesen Leuten die Genehmigung. Bei Kindern müssen Sie von den Erziehungsberechtigten die Einwilligung haben, und zwar für jedes Bild aufs Neue.

Wie regelt das der Gesetzgeber?

Odendahl: Ein bisschen schwammig. Bei unter Siebenjährigen bestimmen das allein die Eltern. Ist das Kind älter, aber noch keine 18, greift die "Doppelzuständigkeit": Die Eltern müssen, zusätzlich kann auch das Kind selbst einwilligen. Das hängt davon ab, ob das Kind die erforderliche Einsichtsfähigkeit hat. In der Regel ist das ab etwa 14 Jahren der Fall. Faktisch ist man aber im Graubereich.

Welche gesetzlichen Möglichkeiten habe ich, wenn ohne meine Einwilligung ein Bild meines Kindes veröffentlicht wurde?

Odendahl: Ich bin kein Jurist. Ich rate immer zuerst dazu, Kosten beziehungsweise Aufwand und Nutzen abzuwägen. Brauche ich juristischen Beistand, um eine Unterlassungserklärung zu erwirken? Oder genügt es, denjenigen, der das Bild veröffentlicht hat, aufzufordern, das Foto zu löschen? Ist jemand uneinsichtig, bleibt immer noch der gesetzliche Weg. Im Zweifel geht es dann vor Gericht.

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Sie sagen: das Foto löschen. Aber das Internet vergisst doch nichts.

Odendahl: Das ist eine sehr gute und auch schwierige Frage. Die drei Hauptportale – also WhatsApp, Instagram und Facebook – gehören Facebook, also Mark Zuckerberg. Auch hier sind die Nutzungsbedingungen schwammig, was die Übertragung der Bildrechte anbelangt. Fakt ist: Niemand weiß genau, was wirklich gelöscht wird. Ich habe mir vor Jahren bei Facebook meine gesamten Daten schicken lassen. Und in den Daten fand ich Bilder und Chatprotokolle, die ich gelöscht hatte. Das ist aber nicht das Hauptproblem.

Sondern?

Odendahl: Sobald wir etwas posten, geben wir die Kontrolle aus der Hand. Bei Facebook oder Instagram gehört der Teilen-Button zum Geschäftsmodell. Sie haben quasi durch die Nutzung der Plattform Ihre Zustimmung gegeben, dass Ihre Inhalte geteilt werden können. Dessen muss man sich bewusst sein.

Ist das denn wirklich so gefährlich?

Digitalexperte Hendrik Odendahl

Digitalexperte Hendrik Odendahl © privat

Odendahl: Wenn wir hören, dass irgendwo im Darknet eine pädophile Gruppe ausgehoben wurde, dann denken wir an Bilder mit schweren Missbrauchsdarstellungen. Die gibt es auch. Tatsächlich ist in Kreisen der Pädokriminellen aber die Zahl an Bildersammlungen viel, viel größer, die sich zusammensetzen aus Kinderbildern, die frei im Netz zugänglich sind und über Facebook oder Instagram geteilt wurden. Ein Pädokrimineller wird nicht unbedingt durch sexuelle Reize getriggert, sondern durch ein Kinderlächeln oder ein Babybild. Eine Mutter fand in einer solchen Sammlung ein Bild wieder, das sie von ihrem sechs Monate alten Baby über Facebook gepostet hatte. Das Foto war nachbearbeitet, das Kind trug Maskara und Lippenstift. In einem anderen Bild war es mit Fotomontage in sexuelle Handlungen montiert worden.

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Das heißt, nicht nur die Jugendlichen gehen fahrlässig mit ihren Fotos um?

Odendahl: Eltern sind die Vorbilder. Ich versuche in Schulen, 12-, 13-Jährigen zu vermitteln, dass sie vorsichtig sein sollen mit Bildern im Netz. Doch von dem ein oder anderen gibt es da schon 150 Fotos, gepostet von den Eltern. Abgesehen von Missbrauchsgefahren ist das auch respektlos den Kindern gegenüber. Auch sie haben ein Recht am eigenen Bild.

Welche Bedenken gibt es noch?

Odendahl: Sie können mit nichts leichter jemanden fertig machen wie mit einem peinlichen Bild. Peinliche Bilder sind schnell erstellt. Denken Sie nur an einen Schnappschuss aus einem Video. Sie müssen nur an der richtigen Stelle stoppen.

Wie können Eltern das regeln?

Odendahl: Ich gebe Workshops, in denen wir die Einstellungen von WhatsApp besprechen. Dort kann ich etwa festlegen, dass mein Profilbild nur von Leuten aus meinen Kontakten gesehen werden kann. Denn auch ein Profilbild kann mit Screenshot geklaut werden. Ich kann meinem 14-jährigen Kind einen privaten Instagram-Account anlegen und vorab klarstellen: Ich will wissen, was du postest und wer dir folgt.

Unter Jugendlichen gehört das Posten zum Leben. Wie kann Ihre Warnung diese Altersgruppe erreichen?

Odendahl: Machen Sie sich klar, dass es sich um einen Lernprozess handelt. Und machen Sie Ihrem Kind klar, dass Sie es schützen und nicht bevormunden wollen. Auch wenn oder gerade weil Fehler passieren werden. Denken Sie an das Beispiel Alkoholkonsum. Der eine oder die andere wird trotz Warnungen Grenzen überschreiten. Aber das heißt nicht, dass sie den Rest ihres Lebens Alkoholiker sind. Generell das Posten zu verbieten, ist nicht die Lösung.

Wann ist mein Kind reif für ein Smartphone?

Odendahl: Wenn Sie bereit sind, mit Ihrem Kind über Pornographie, Pädophilie, Rechtsradikalismus und exzessive Gewalt zu sprechen. Wenn Sie denken: Nein, dafür ist mein Kind noch zu klein – dann ist es auch noch zu klein für ein Smartphone.

"Mein Bild, dein Bild – Was jeder über die Veröffentlichung von Fotos im Internet wissen sollte": 17. November, 11.10 bis 11.40 Uhr. Lehrkräfte können sich über die Lehrerfortbildungsplattform Fibs für die Talkrunde am Lehrermedientag anmelden.

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