Freitag, 06.12.2019

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Droht weiteren kleinen Kliniken in Franken das Aus?

Im Sommer schloss das Krankenhaus Hersbruck - Studien machen Sorgen - 16.11.2019 05:15 Uhr

Ende Mai schloss das Krankenhaus in Hersbruck endgültig seine Pforten, nachdem der Träger 2017 das Aus beschlossen hatte. Zurzeit wird im Erdgeschoss noch eine chirurgisch-orthopädische Gemeinschaftspraxis betrieben, doch die zieht Ende des Jahres aus. © Foto: Nicolas Armer/dpa


Zwischen gut gemeint und gut gemacht gibt es bekanntlich oft einen Unterschied. Gut gemeint ist etwa eine neue Personalvorgabe für die Intensivbetreuung von Frühchen, die aber im Klinikalltag bisweilen absurde Auswirkungen hat. Seit Anfang 2017 muss jedem Frühchen, das intensivmedizinisch behandelt werden muss, rund um die Uhr eine spezialisierte Pflegekraft zur Seite stehen. So weit, so sinnvoll.

Allerdings gibt es mittlerweile zu wenig geeignete Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt, so dass nur ein kleiner Teil der infrage kommenden Kliniken diesen Personalschlüssel permanent erfüllen kann. Die Folge: Frühchen mit einem Gewicht von manchmal weniger als 1500 Gramm müssen bisweilen mit dem Hubschrauber in eine Klinik verlegt werden, die so viel Personal vorhalten kann.

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"Eine enorme Belastung für so einen empfindlichen Organismus", kritisierte Andreas Diehm, stellvertretender Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG), als er nun bei einer Diskussionsveranstaltung der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten im Gesundheitswesen (ASG) über die Zukunft der Krankenhäuser referierte. Neue Qualitätsstandards und neue Personalvorgaben seien in vielen Fällen einfach nicht mehr zu erfüllen und stellen gerade kleinere Kliniken im ländlichen Raum vor immer größere Probleme. Manche Einrichtung hält dem wirtschaftlichen Druck irgendwann nicht mehr stand.

"Die Fakten haben uns überrollt"

Ein prominentes Beispiel für diese Entwicklung ist das eingangs erwähnte Krankenhaus in Hersbruck, das trotz des großen Widerstands vieler Bürger die Pforten schließen musste. Nicht nur nach Ansicht der örtlichen Bürgerinitiative und des betroffenen Personals wurde hier eine funktionierende und bei dem entsprechenden politischen Willen auch zukunftsfähige Einrichtung zerschlagen.

"In diesem Fall haben uns die Fakten überrollt", bedauert Peter Bauer, Gesundheits- und Pflegeexperte der Freien Wähler. Der mittelfränkische Landtagsabgeordnete hatte sich zwar für den Erhalt des einst 60 Betten zählenden Hauses starkgemacht, doch dann kündigten angesichts der schlechten Zukunftsperspektiven alle Belegärzte ihre Verträge.

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"Welche Argumente für den Erhalt kann ich dann noch im Gesundheitsministerium vorbringen, wenn das Personal weg ist?", meint Bauer, der sich aber bezüglich der Perspektiven weiterer kleinerer Krankenhäuser im Freistaat optimistisch zeigt. Schließlich habe seine Partei im Koalitionsvertrag mit der CSU vereinbart, dass mit gezielten Strukturförderprogrammen auch im ländlichen Raum eine wohnortnahe Krankenhausversorgung sichergestellt wird.

Die Schließung des Krankenhauses Hersbruck könnte allerdings erst der Anfang sein, sollten die Ergebnisse aktueller Studien, zum Beispiel eine Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, Einfluss auf die deutsche und die bayerische Gesundheitspolitik haben. Nach Ansicht des beauftragten Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung ist eine bessere medizinische Versorgung in Deutschland nämlich mit einem Bruchteil der bisherigen Kliniken möglich.

Milliarden-Investitionen nötig

Die Studie empfiehlt eine Konzentration auf deutlich unter 600 statt aktuell knapp 1400 Kliniken im Bundesgebiet, wobei ihre Berechnungen allerdings auf dem Beispiel einer Versorgungsregion in Nordrhein-Westfalen basieren. "Das kann man mit unserem Bundesland, das ja erheblich dünner besiedelt ist, überhaupt nicht vergleichen", kritisiert Bauer, und Andreas Diehm wehrt sich gegen die in der Studie aufgestellte These, dass die Versorgungsqualität in kleinen Kliniken generell schlechter sei.

Außerdem fehlten in dieser Rechnung die Milliarden-Investitionen, die für den Ausbau der übrig gebliebenen Großkliniken nötig seien. "Für die Autoren dieser Studien waren nur die Betriebskosten relevant", kritisiert der Fachmann von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft.

Nach Ansicht von Angelika Pflaum von der Bürgerinitiative "Unser Herz schlägt fürs Hersbrucker Krankenhaus" zeige die Umstrukturierung der Kliniklandschaft im Kreis Nürnberger Land ganz real, dass die Schließung kleiner Standorte oft eine Milchmädchenrechnung sei. So sollen in die Erweiterung des Krankenhauses im benachbarten Lauf an der Pegnitz rund 40 Millionen Euro investiert werden. Die Sanierung des Hersbrucker Krankenhäuser hätte nur 26 Millionen Euro gekostet, aber mit solchen Argumenten sei man bei den Verantwortlichen auf taube Ohren gestoßen.

ANDRÉ AMMER

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