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Erlangen: Übungen für Gebärmuttertransplantation

Für manche Frauen ist solch eine OP der einzige Weg zum eigenen Kind - 13.02.2018 08:15 Uhr

Um sich auf Gebärmutter-Transplantationen bei Frauen vorzubereiten, verfeinern Ärzte aus den Fachbereichen Gynäkologie, Gefäß- und Plastischer Chirurgie ihre Operationstechnik bei einem Tierversuch. Das 95 Kilo schwere Schaf wurde für den Eingriff narkotisiert. © Alle Fotos: Michael Raben-stein/Uni-Klinikum Erlangen


Längst wirkt das Narkosemittel. Das 95 Kilo schwere Schaf wird beatmet. "Alex", die zwei Wochen in Quarantäne verbringen musste und nüchtern in den OP gebracht wurde, spürt nicht, wie ein fluoreszierendes Mittel gespritzt wird. "Licht aus!", ruft einer der Ärzte, alle blicken auf den Monitor. Man sieht, wie sich ein Gebilde weiß-bläulich aus dem umgebenden Gewebe abhebt: die Gebärmutter. "Sehr schön", sagt Matthias Beckmann.

Der Professor leitet die Uni-Frauenklinik in Erlangen. Noch in diesem Jahr will er mit seinem Team, zu dem auch Professor Raymund Horch aus der Plastischen Chirurgie gehört, der ersten Frau zu einer funktionierenden Gebärmutter verhelfen. Etwa 50 Patientinnen aus ganz Deutschland stehen bereits auf der Warteliste. Sie alle wünschen sich eigenen Nachwuchs. Ihre letzte Hoffnung: eine Uterus-Transplantation.

Geschätzt 15.000 Frauen können in Deutschland keine Kinder bekommen, weil ihre Gebärmutter nicht funktioniert, sie zu klein ist oder ganz fehlt. "Diesen konnten wir bisher nicht helfen", sagt Ralf Dittrich, während der Aufzug in den Keller des Ernst-Penzoldt-Zentrums fährt. "Das wollen wir ändern."

Üben am Schaf

Der Biologe, der das Labor für künstliche Befruchtungen am Erlanger Uni-Klinikum leitet, und eine Handvoll Ärzte kommen an diesem Tag im Tierversuchszentrum zusammen. Sie wollen noch einmal durchgehen, wie sie eine Gebärmutter entnehmen und wieder einpflanzen.

"Ein Schaf ist für solch einen Tierversuch gut geeignet", sagt Dittrich, zieht sich Latex-Handschuhe an und betritt den Operationssaal. "Die arteriellen Anschlüsse sind bei Mensch und Schaf identisch." Wie alle Paarhufer haben Schafe zwei Uterushörner, auch "Alex", der die Gebärmutter entnommen und wieder eingepflanzt werden soll. Bei einem Schwein hat der Eingriff nicht sonderlich gut funktioniert. Jetzt also ein Schaf, genau wie es die Forscher um den Schweden Mats Brännström getan haben. Er und sein Team gelten als Pioniere der Gebärmutter-Transplantation. Sie übten so lange an Schafen, bis sie es konnten. Erst dann transplantierten sie beim Menschen – mit beachtlichem Erfolg.

Warteliste für OP

Für die erste Runde in Erlangen kommen nur zehn der Frauen auf der Warteliste infrage. Ihre Eierstöcke müssen funktionieren, so dass die Spezialisten Eizellen entnehmen und diese in Dittrichs Labor befruchten lassen können. Sie werden dann in die eingepflanzte Gebärmutter eingesetzt.

Auf einem Monitor können Professor Matthias Beckmann und sein Team sehen, wie das Organ entnommen wird.


Der weibliche Uterus ist ein stark durchblutetes, birnenförmiges, bis zu 120 Gramm schweres Hohlorgan. Während der Schwangerschaft wächst es enorm, wenn sich dort der Embryo einnistet und zum Fötus entwickelt. All diese Veränderungen und die Belastungen der Geburt muss eine Gebärmutter aushalten, auch eine transplantierte mit OP-Nähten.

Im Erlanger OP im Tierversuchszentrum riecht es nach Krankenhaus und ein wenig nach Stall. Mehrere Mediziner stehen um die hell ausgeleuchtete Liege. Zwischen blauen Kitteln schimmert wollweißes Fell durch und Goldfolie; diese soll verhindern, dass das Schaf während des sechsstündigen Eingriffs auskühlt.

Vor wenigen Wochen stand das Tier noch auf einer Weide. Eine Tierärztin wählte "Alex" aus, direkt aus der Herde heraus. Gesund sollte das Tier sein, vier bis sechs Jahre alt und problemlose Geburten hinter sich haben. "Nicht jeder Schäfer ist bereit, uns Tiere für die Forschung zu überlassen", sagt die Veterinärin und prüft, ob die Überwachungssensoren an Ohr und Zunge richtig sitzen. Jetzt geht es los. Ein Chirurg zieht das Skalpell durch den rasierten Unterleib des Schafs. Stück für Stück arbeiten sich die Operateure zur Gebärmutter vor – zum fünften und letzten Mal an einem Tier.

14 Schafe und zwei Schweine

Nur wer nachweisen kann, dass er technisch versiert genug ist, etwa für Transplantationen, darf Tierversuche machen. Für 14 Schafe und zwei Schweine hat die zuständige Regierung von Unterfranken dem Erlanger Team eine Genehmigung erteilt. Zuvor prüfte eine Tierschutzkommission, ob die Eingriffe vertretbar sind. Plötzlich gerät das Piepsen der Überwachungsmaschine aus dem Takt, es wird lauter, eindringlicher. Zugleich füllt sich der Behälter, in dem abgesaugtes Blut des Schafes aufgefangen wird, sichtlich. Unruhe kommt auf. "Was ist los?", fragt die Tierärztin. Sie gibt dem Schaf erst ein kreislaufstabilisierendes Mittel, dann Vitamin K, das die Blutgerinnung kontrolliert und den verabreichten Blutverdünner hemmen soll. Dann zischt es und riecht verbrannt. Die Blutung scheint gestoppt.

"Wir konnten die Komplikation beherrschen", berichtet später Professor Werner Lang. Eine Vene, deren Wand beim Schaf sehr dünn ist, sei durch eine abrutschende Klemme aufgerissen, sagt der Gefäßspezialist. Das Gefäß musste verödet werden. "Ruhig bleiben ist in solch einer Situation ganz wichtig."

Riskant - auch für Menschen

Riskant ist der Eingriff im Unterleib auch für Menschen – für die Uterus-Spenderin und für die Empfängerin, nicht nur, weil die OP lange dauert, sondern auch, weil zuführende Blutorgane mitentnommen werden müssen. "Sonst passt am Ende der Anschluss nicht", sagt Lang.

Mit der OP endet die Behandlung für die Frauen noch lange nicht. Nach der Transplantation heißt es warten – und hoffen, dass die gespendete Gebärmutter gut anwächst und die Frau regelmäßig ihre Menstruation bekommt. Das gilt als Indiz dafür, dass das neue Organ funktioniert – und dank spezieller Medikamente nicht abgestoßen wird. Diese können erst abgesetzt werden, wenn das Spenderorgan nach der Geburt des Kindes aus dem Körper entfernt wurde.

Professor Werner Lang (rechts) und sein Kollege spülen die entnommene Gebärmutter des Schafs mit einer speziellen Flüssigkeit, um zu verhindern, dass gerinnendes Blut die Gefäße des Organs verschließt und dieses dadurch unbrauchbar wird.


"Alex’" Gebärmutter liegt mittlerweile zartrosa schimmernd in Langs Hand. In eines der Gefäße führt der Experte ein Schläuchchen ein. Über dieses spritzt er eine Flüssigkeit, um das Organ durchzuspülen. Verbliebenes Blut würde verklumpen, die Gefäße verstopfen und das Organ unbrauchbar machen. Dann machen sich die Ärzte daran, den Uterus wieder einzupflanzen, seitenverkehrt, um den größten Lerneffekt zu erzielen.

"Wir wissen jetzt alles", sagt Lang, nachdem er sich auf dem Monitor versichtert hat, dass alles wieder an Ort und Stelle ist. Noch während sein Kollege den Unterleib des Schafs zunäht, verabreicht die Tierärztin dem Tier ein Mittel, mit dem es eingeschläfert werden soll. Wenig später schaltet sie den Überwachungsmonitor aus. "Alex’" Augen stehen leicht offen – sie zeigen keine Reflexe mehr. 

KIRSTEN WALTERT

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