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Aktivierung von Erkenntnisprozessen

KVE-Gruppe Plus zeigt „HirnRiss“-Schau im Mühlentheater - 08.12.2011

So kann’s gehen, wenn man zu gierig ist: Auf dem Bild (l.) von Lars Henning und Elke Schober hat ein Albrecht Dürer-Hase einen prall gefüllten Luftballon im Mund, die glotzäugige Hasen-Karikatur gegenüber einen zerplatzten. © Hofmann


Über kopflosen Frauenkörpern wirbeln Hüte. Eine kleine Maschine, die an eine Modelleisenbahn erinnert, ist auf alten Zeitungsartikeln angebracht, ihre Räder drehen sich ratternd, doch kommt sie nicht voran. Eine Frau singt in Dauerschleife, dass sie einem Uhu ins Gesicht geleuchtet hat und dass derselbe dann auf eine Leiter geklettert ist. Was soll das?

„Wir wollen aufrütteln“, sagt Uwe Schein von der Gruppe Plus des Kunstvereins Erlangen. Mit der Themenausstellung „HirnRiss“ wollen die Künstler auf Missstände der Gesellschaft hinweisen. Kunst soll hier nicht als oberflächliche Dekoration dienen, sondern Erkenntnisprozesse in Gang setzen.

Die Werke zeigen unterschiedliche Aspekte des Hirnrissigen. Während sich Hans-Peter Singer in seinen Grafiken mit der Sinnlosigkeit von zwischenmenschlicher Gewalt befasst, möchte Hildegard Heidecker mit ihrer Maschineninstallation auf die Schrecken des Holocaust aufmerksam machen. Die kleine Maschine, die ohne Bodenhaftung in der Luft rattert, ist auf Zeitungsartikeln von 1941 angebracht, auf denen die Schlagzeilen „Leben im Osten“ und „Schläge auf England“ hervorstechen.

Uwe Schein kritisiert in der Ausstellungseinführung vor allem die übersättigte Konsumgesellschaft. Die entfesselte Profitgier sei heute der Normalzustand geworden. Auch die niedlich anmutenden Häschen auf dem Bild von Lars Henning und Elke Schober wollen tiefer gehen. Einem Albrecht Dürer-Hasen, der einen prall gefüllten Luftballon im Mund hat, steht eine glotzäugige, zerzauste Karikatur desselben gegenüber. Im Mund ein zerplatzter Luftballon. Während in Dürers Renaissance noch Gottvertrauen und ein gewisses Maß an Illusion bestand, sei heute unumkehrbar die Luft raus. Während in Dürers Zeit der Endzeitgedanke vorherrschte, ist heute der Weltuntergang durch die Atomkraft technisch möglich geworden.

Mit einer ganz anderen Form des Hirnrisses, nämlich mit der Demenz, befasst sich Ingrid Riedl. Die Persönlichkeit löse sich dabei langsam von den Vertrauten und der eigenen Person. Die Künstlerin erlebte die Krankheit hautnah bei ihrer Mutter, die sie in der Ausstellung in einer Zeichnung porträtiert.

Eine abwechslungsreiche Ausstellung in der idyllisch-entrückten Umgebung des Mühlentheaters für Besucher, die sich weniger bespaßen als aufrütteln lassen wollen.

„HirnRiss“-Schau der Gruppe Plus, bis 28. Februar 2012, Mühlentheater Kleinseebach, geöffnet im Rahmen der Theaterveranstaltungen.

  

LENA SCHNABL

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