Donnerstag, 14.11.2019

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Angst gegen Toleranz am Erlanger Theater

„Wir sind keine Barbaren!“ hat am Samstag Premiere - 16.10.2015 10:00 Uhr

Zwei Pärchen lernen sich kennen, freunden sich oberflächlich an und sind um gute Nachbarschaft bemüht — dann kommt alles anders: Alexander Jaschik, Janina Zschernig, Anika Herbst, Friedrich Witte (v. l.) bei den Proben. © F.: Jochen Quast


„Mir ist es bei den Proben schon zwei, drei Mal passiert, dass ich das Gefühl hatte, mitten in der Tagesschau zu sitzen. Es ist schon ein großes Glück als Regisseurin mit einem Theaterstück so nah an der Gegenwart dran zu sein.“ Für Katrin Lindner ist klar: „Wir sind keine Barbaren!“ von Philipp Löhle ist ein Stück, das ganz nah an der aktuellen Flüchtlings-Debatte ist und sich diesem großen Thema geschickt über zwei gut situierte Paare annähert. „Wir bewegen uns dabei in einem kleinen Kosmos, schneiden damit aber eine andere Dimension an“, ergänzt Lindner

Das eingespielte Paar Barbara und Mario bekommen neue Nachbarn (auf der Bühne stehen: Anika Herbst, Friedrich Witte, Janina Zschernig und Alexander Jachik): Auch wenn das erste Kennenlernen mehr als holprig verläuft, finden die beiden Pärchen doch ausreichend gemeinsame Interessen – Flachbildschirme für die Männer, Yoga für die Frauen –, um eine höfliche Freundschaft zu pflegen. Doch als eines Nachts ein Fremder — den das Publikum nicht zu Gesicht bekommen wird — auftaucht, dem Barbara kurzerhand Asyl in ihrer Wohnung gewährt, ist es mit den Höflichkeiten vorbei. . . Beziehungskonstellationen geraten ins Wanken, die Protagonisten verlieren sich abwechselnd in Hilfsbereitschaft und Angst.

Wenn dann einer der Männer gar beginnt einen „Schutzraum“ zu konstruieren und Wände hochziehen möchte, ist das aktuelle Tagesgeschehen mit Zäunen an Europas Grenzen und Flüchtlingskorridoren wieder ganz, ganz nahe. Autor Philipp Löhle, der wie Regisseurin Katrin Lindner unter anderen in Erlangen studiert und hier seine ersten künstlerischen Erfahrungen gesammelt hat, bezeichnet sein Stück als „Komödienquartett mit schwarzem Peter und Heimatchor“. Der Chor, für den das Theater mit der Erlanger MusikWerkstatt kooperiert, hat eine wichtige Funktion. Regisseurin Lindner: „Er gewinnt im Laufe des Stückes immer mehr Macht, gibt dabei auch den Tenor der Massen wieder, und dieser ist nicht nur mit Hilfsbereitschaft und Toleranz gesegnet.“

Für das Bühnenbild wählte Peter Lehmann eine aktuelle Visualisierung: Die vier Schauspielerinnen und Schauspieler samt Chor agieren in einem „Schlauchbootmeer“.

Von Löhles Herangehensweise ans Thema ist Lindner voll überzeugt. Das Stück begreift Lindner als „große Herausforderung“, bei der sie sich auf das Komödien-Timing und die Wortwahl verlassen kann. Sie selbst sieht sich dabei als „Anwältin des Textes“, der sich geschickt mit den Klischees des „Gutmenschen“ und den Ängsten vor Veränderungen auseinandersetzt: „Es geht hier nicht um Phrasen oder darum, den Holzhammer heraus zu holen, sondern wir wollen im besten Sinne sensibilisieren.“

Premiere am Samstag, 19.30 Uhr im Markgrafentheater.

www.theater-erlangen.de

S. MÖSSLER-RADEMACHER

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