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Auch Wohnhäuser werden jetzt zu Energielieferanten

Die Vorstellung des ersten Erlanger Plusenergiehauses setzt eine neue Wegmarke — Stadt denkt an Modellsiedlung - 22.11.2011

Das Plusenergiehaus des Solar-Pioniers Martin Hundhausen im Rapunzelweg 12 sieht unspektakulär aus, hat es aber faustdick hinter der Fassade. © Millian


Dass in Erlangen die Bürger der allgemeinen Entwicklung immer ein Stückchen voraus sind, darf also als bekannt vorausgesetzt werden. Das kann so weit gehen, dass sie Häuser in Straßen bauen, die noch in keinem Stadtplan, geschweige denn in einem Navigationssystem zu finden sind. Und – wie im Rapunzelweg 12 im Stadtwesten – auch noch Häuser bauen, die es (zumindest in Erlangen) noch gar nicht gibt: Im Stadtteil Büchenbach wurde jedenfalls das erste „Plusenergiehaus“ vorgestellt, das jene vorausblickende EU-Richtlinie bereits übertrifft, die fordert, dass bis 2018 alle neu gebauten Gebäude mindestens dem „Netto-Nullenergiehaus-Standard“ entsprechen müssen.

Oder anders, und mit den Worten des Bauherrn Prof. Martin Hundhausen ausgedrückt: Das bald bezugsfertige Haus wird dereinst doppelt so viel Energie erzeugen, wie es selbst verbraucht – ein Plusenergiehaus, wie der sperrige Begriff lautet.

Konkret heißt das: Das Haus ist gedämmt wie ein Passiv-Haus, bezieht Warmwasser von einer Solarkollektor-Fassade und hat eine 14,7kW-Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. Daraus resultiert ein geringer Heizenergiebedarf von 1700 kWh/a, die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach liefert zusätzlichen Strom – heraus kommt ein beachtlicher Primärenergieüberschuss.

Der Nürnberger Architekt Burkhard Schulze-Darup, der mit Hundhausen bereits vor einem Jahrzehnt das erste Passivhaus gebaut hat, sieht die zwischen sechs und zehn Prozent höheren Investitionskosten für ein Plusenergiehaus gut angelegt, seien doch selbst bei nur mäßiger Förderung die Mehrkosten durch die Energieeinsparung in überschaubarer Zeit kompensiert – eigentlich sei jeder Bauherr töricht, der nicht mindestens ein Passivhaus baue. Gerade in Erlangen „als Stadt mit Einwohnern mit tollen Ideen“ sei deutlich mehr fortschrittliche Bautechnik denkbar: „Erlangen ist in der Metropolregion immer schon ein bisschen weiter, als offizielles Ziel sollte eine klimaneutrale Stadt angestrebt werden.“

Signalwirkung nutzen

OB Siegfried Balleis, der mit vielen Planungs- und Baufachleuten das ambitionierte Bauprojekt in Augenschein nahm, zeigte sich von der Signalwirkung des Bauvorhaben Hundhausens überzeugt. Er könne sich gut vorstellen, dass auch im Stadtrat die Überzeugung wachse, eine ganze Siedlung mit Bauten des fortschrittlichsten Energiestandards auszuweisen – bereits im neuen Erlanger Baugebiet waren mehr Bewerber an Passiv-Häusern interessiert, als die Stadtplanung letztlich zugestehen konnte.

Der „hartnäckige Mensch Martin Hundhausen“ (OB Balleis) jedenfalls will mit seinem zweiten Avantgarde-Haus („Man muss ja auch an die Kinder denken“) wieder einmal einen Meilenstein setzen. Dass er den anfangs skeptischen Oberbürgermeister von der Sonnenenergie auf dem Dach überzeugt hat, reicht ihm nicht. Letzterer hat jetzt sogar heimlich still und leise seine erste Photovoltaik-Anlage noch einmal erweitert und „freut sich jeden Abend, wenn ich nach Hause komme und ablese, wie viel Energie ich geerntet habe“. Der Vorsitzende des Vereins Sonnenenergie Erlangen e.V. sieht den großen Energiespender am Taghimmel noch längst nicht ausreichend gewürdigt. Sein solarbetriebenes Fahrradauto vorm Haus sagt: In der Solartechnik ist noch viel Bewegung drin. 

PETER MILLIAN

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