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Mittwoch, 17.07.2019

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Barriere-Sprung mit langem Anlauf in Erlangen

Die neue Ausstellung des Stadtmuseums rückt ab Sonntag das "Leben mit Behinderung" in den Mittelpunkt. - 27.06.2019 13:00 Uhr

„Wie Sie sehen, sehe ich nichts“, sagt Ina Fischer — und lacht. Mit Hilfe des taktilen Bodenleitsystems findet sie sich in der Stadtmuseums-Schau zurecht. © Harald Sippel


"Er ist an den Rollstuhl gefesselt" steht auf einer kleinen Klappe an der Ausstellungswand im Stadtmuseum. Die Antwort des Rollstuhlfahrers und Aktivisten Raul Krauthausen ist dahinter verborgen und kann schnell eingesehen werden: "Sollten Sie tatsächlich jemanden treffen, der an den Rollstuhl gefesselt ist, binden Sie ihn los!" Oder: "Sie leidet an Autismus." Denise Linke: "Ich bin einfach Autistin. Ich leide nicht daran." Ein paar Floskeln und die Reaktionen darauf zeigen, wie spannend die Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderung ist.

Lange hat es gedauert, doch nun wird am Sonntag um 14 Uhr die Ausstellung "BarriereSprung. Vom Leben mit Behinderung" im Stadtmuseum eröffnet. "Wir wollten das Thema nicht verschenken", berichtet Museums-Leiterin Brigitte Korn mit Blick auf den jahrelangen Vorlauf. Denn nach den ersten Sondierungen war klar: Eine Ausstellung rund ums Thema Behinderung und Inklusion soll nicht nur historische Aspekte behandeln, sondern in der Gegenwart verwurzelt sein. Deshalb wurden andere Ausstellungen vorgezogen und eng mit Verbänden, Experten und Behinderten zusammengearbeitet. "Wir haben dafür Zeit gebraucht – und wir sind nun froh, dass wir uns diese genommen haben", stellt Korn klar.

Was "BarriereSprung" auch thematisiert: Das Reden über das Thema Menschen mit Behinderungen schwankt bisweilen zwischen den Polen "Mitleid" und "Heroisierung". "Das Sprechen mit und über Menschen mit Behinderung ist einerseits oft durch sprachliche Klischees geprägt. Andererseits steht eine übertriebene Angst vor ,Fettnäpfchen‘ einem unbefangenen Austausch im Weg." Eine Angst, die Korn und dem Stadtmuseumsteam schnell von den Kooperationspartnern genommen wurde.

Resultat ist ein spannender Rundgang, auf dem sich sehr lebendig und oft auch unterhaltsam – nicht zuletzt durch "Mitmach-Stationen" – diesem vielfältigen Themenkomplex genähert wird. Dafür wurde die Ausstellung möglichst barrierefrei gestaltet. Ein Vorhaben, bei dem schon mal der Denkmalschutz verhindert, dass das übliche Bodenleitsystem für Blinde und Sehbehinderte angebracht werden kann. Eine Alternative wurde gesucht und gefunden. Hinzu kommen der Einsatz von Braille- und Pyramidenschrift, Text in leichter Sprache oder Veranstaltungen mit Gebärdensprachendolmetschern.

„Miteinander leben“: Eine Ausstellung im Stadtmuseum Erlangen thematisiert auch die Themen Partnersuche, Beziehungsalltag, Schönheitsideale oder Kindererziehung. © Harald Sippel


Der historische Exkurs startet bei von Glauben und Aberglauben geprägten Vorstellungen des Mittelalters, beleuchtet die Institutionalisierung der Psychiatrie und des Hilfsschulwesens im 19. Jahrhundert sowie die "Krüppelfürsorge" nach dem Ersten Weltkrieg. Auch die Rolle der Medizin in Zeiten des Nationalsozialismus – speziell in Erlangen – ist Thema. Es geht aber auch um den politischen Kampf um Anerkennung, Selbstbestimmung und Teilhabe. Beispielsweise durch die "Studenten Initiative Behindert", die sich 1977 in Erlangen formierte und mit dafür sorgte, dass bis heute im Rathaus Inklusion und Teilhabe sehr ernst genommen wird. Und in Videos berichten Menschen mit unterschiedlichen Handicaps von ihren Gefühlen und Erlebnissen.

Deshalb soll und kann diese Ausstellung durchaus als Anstoß für weitere Diskussionen und für konkretes Handeln verstanden werden. Denn: "Der BarriereSprung hat gerade erst begonnen."

InfoBei der Eröffnung am Sonntag, 30. Juni, ab 14 Uhr spricht auch Holger Kiesel, Behindertenbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung. Die Vernissage wird von der Band "Honey Sweet & The 7 Ups" und vom Kabarettisten Robert Rollinger umrahmt. 

STEFAN MÖSSLER-RADEMACHER

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