ISEK Büchenbach-Nord

Büchenbach-Nord: Ein Erlanger Stadtteil mit Entwicklungspotenzial

16.6.2021, 15:30 Uhr
Blick Richtung Norden über die Straße Am Europakanal auf Höhe des Büchenbacher Stegs. 

Blick Richtung Norden über die Straße Am Europakanal auf Höhe des Büchenbacher Stegs.  © Harald Sippel, NN

Frau Sonnabend, Sie waren von Anfang an bei der Konzepterstellung dabei. Kannten Sie Erlangen bereits?

Nicht wirklich. Ich war nur einmal in Erlangen und das ist schon Jahrzehnte her. Damals war ich aber nur in der Innenstadt.

Um das Konzept zu erarbeiten, sind Sie nun in den Stadtteil Büchenbach-Nord gekommen. Was haben Sie da vorgefunden?

Bei unserer ersten Begehung im April 2019 haben wir einen Stadtteil kennengelernt, der uns vertraut vorkam, weil er ein Stadtteil der Moderne ist, der in den 1960er Jahren geplant, in den frühen 70ern gebaut und in den 80er Jahren weiterentwickelt wurde. Es ist ein Stadtteil, in dem vor allem gewohnt wird, der stark durchgrünt ist. Er wirkte erstaunlich entspannt und ruhig auf uns.

In Ihrem Bericht heißt es, dass das Konzept in einem intensiven Beteiligungsprozess erarbeitet wurde. Wer wurde beteiligt? Und wie?

Planerin Regina Sonnabend

Planerin Regina Sonnabend © privat/Doreen Ritzau, NN

Die Ruhe, von der ich gerade gerade gesprochen habe, hat bei uns die Frage hervorgerufen: Was wird hier eigentlich gebraucht? Im Sommer 2019 haben wir zum Einstieg mit Stadtteil-Expertinnen und Experten gesprochen - mit Mitarbeitern der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft, Akteuren aus der Diakonischen Runde und aus dem Stadtteilbeirat, Leiterinnen von Kindergärten, Leitungen der Mönau-Grundschule und der Hermann-Hedenus-Mittelschule. Erste Gespräche mit Bewohnern des Stadtteils hatten wir, als wir uns bei der Veranstaltung "RingDing" im September 2019 vorstellten. Anfang 2020 haben dann an unserer "Winter-Werkstatt" über 120 Menschen teilgenommen, darunter etwa 40 Kinder und Jugendliche. Im Sommer kamen noch Workshops und Begehungen von der Goldwitzer Straße bis zum Europakanal hinzu.

Dass Büchenbach-Nord ins Förderprogramm "Soziale Stadt" aufgenommen wurde, legt nahe, dass im Stadtteil soziale Probleme gesehen werden. Zugleich ist natürlich schon eine soziale Infrastruktur vorhanden. Wo liegen die Herausforderungen?

Wir konnten schnell sehen, wo sich die Problemlagen konzentrieren. Die Hinweise waren sehr klar, dass es bestimmte Quartiere gibt, in denen Spannungen und Konflikte an der Tagesordnung sind. Das sind in erster Linie Quartiere, die im Besitz der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft sind und einen hohen Anteil an belegungsgebundenem Wohnraum haben, das heißt, dass durch das Wohnungs- und Sozialamt Zuweisungen stattfinden und viele angespannte und prekäre Lebenslagen dort in enger Nachbarschaft ein Auskommen finden müssen. Doch das gelingt nicht immer.

Ein heikles Thema ist die geplante Nachverdichtung an der Odenwaldallee. Wie ist das in Ihre Untersuchungen und das Konzept eingeflossen?

Die Planungen für die "Neue Mitte", also das, was zwischen Odenwaldallee und Büchenbacher Anlage als neuer Wohnungs- und Dienstleistungsstandort entstehen wird, lagen schon auf dem Tisch und die öffentlichen Debatten um diese Planungen waren voll im Gange. Wir haben das aus einer beobachtenden Perspektive verfolgt. Das, was dort als Kompromiss zwischen den Akteuren ausgehandelt wird, haben wir als einen Arbeitsstand mit in das Konzept aufgenommen. Zu Überlegungen des Stadtplanungsamtes, an der Odenwaldallee über das schon in der Bebauungsplanung Vorgesehene hinaus zu verdichten, haben wir uns zurückhaltend geäußert. Aus unserer Sicht ist es gut, das bisher Geplante erst einmal zu realisieren und damit Erfahrungen zu machen. Es gibt im Stadtteil Bereiche, zum Beispiel an der Frauenauracher Straße, wo man sich durchaus eine behutsame Nachverdichtung vorstellen kann. Aber zentral ist bei all diesen Nachverdichtungsansätzen, dass es ein Bauen für die Nachbarschaft ist. Das, was neu hinzukommt, muss einen Gewinn zum Beispiel an Dienstleistungen oder neuen Wohnformen für die Nachbarschaft bringen. In dem Moment, wo das gelingt, können solche Vorhaben im Stadtteil auch besser angenommen werden.

Im jüngsten Umwelt-, Verkehrs- und Planungsausschuss haben sich die Stadträte mehrheitlich gegen zusätzliche Punkthäuser an der Odenwaldallee ausgesprochen.

Das ist eine Position, die wir gut nachvollziehen können.

Themenwechsel: Sie haben festgestellt, dass das internationale Profil von Büchenbach-Nord ("BüNo") im Selbstverständnis des Stadtteils kaum positiv präsent ist. Doch Sie meinen, dass aus "BüNo" in Zukunft "bueno" werden kann - also "gut".

Dieses Wortspiel ist früh aufgetaucht. Wir waren erstaunt, als wir entdeckt haben, dass wir es in der Bevölkerung in Büchenbach-Nord tatsächlich mit 110 Herkunftsnationen zu tun haben.

110 Nationen: Problem oder Potenzial?

Auf jeden Fall Potenzial. Wenn man sich in der Erlanger Innenstadt als Tourist bewegt, ist das Erste, was einem auffällt, wie international diese Stadt ist. Für uns war es beeindruckend zu sehen, dass auch in einem Stadtteil wie Büchenbach-Nord diese Internationalität vorhanden ist. Doch hier wird sie tendenziell eher problematisiert, während sie im Zentrum als Zeichen für Weltoffenheit und Vernetztheit gesehen wird und für eine Stadt steht, in die Studierende, Wissenschaftler und Arbeitskräfte aus der ganzen Welt kommen. Aber Büchenbach-Nord gehört dazu. In diesem Stadtteil finden gut qualifizierte Menschen aus dem Ausland bezahlbaren Wohnraum, also Menschen, die wohl nicht alle in hochdotierten Bereichen arbeiten, sondern eher im Mittelfeld unterwegs sind. Sie finden das Angebot attraktiv und kommen, wie wir vermuten, oftmals aus Städten, die so aussehen wie in Büchenbach am Europakanal oder an der Odenwaldallee.

Zu den fünf Handlungsfeldern, die Sie herausgearbeitet haben, gehört der Bereich "Lernen und Bildung". Wo sehen Sie hier Entwicklungspotenzial?

Deutlich wird die Internationalität besonders in der Grundschule. Dort wird das als Potenzial erlebt, weil die Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Herkünften mehrsprachig in die Schule kommen, eine große Lernbereitschaft zeigen und sich stabilisierend und inspirierend in die Klassen einbringen. Das ist eine Chance, die weiter ausgebaut werden kann. Die Schulen und auch die Kindergärten sind aus unserer Sicht die Integrationsmotoren, die für den Stadtteil Enormes leisten. Eine Stärkung des Schulstandortes ist deshalb dringend nötig. Die Schulen sind in die Jahre gekommen, es muss baulich investiert werden, nicht zuletzt auch für den Ganztag. Es geht darum, die Freiräume weiterzuentwickeln, sodass Spiel- und Sportangebote für die Nachbarschaftsquartiere entstehen. Die Schulen können eine Öffnung in den Stadtteil hinein vertragen und sind dazu auch bereit. Besonders wichtig ist, dass die Hermann-Hedenus-Mittelschule die Chance hat, hier ihre beiden Schulstandorte zusammenzuführen.

Ein weiterer Bereich sind "Klimaschutz und Mobilität". Was sticht in Büchenbach-Nord besonders ins Auge, was sollte anders werden?

Was auf jeden Fall anders wird, ist, dass Büchenbach-Nord an die Stadt-Umland-Bahn angeschlossen und damit die Innenstadt schnell erreichbar wird. Wichtig ist auch, dass man - Stichwort "Stadt der kurzen Wege" - gut zu Fuß oder mit dem Rad zur Nahversorgung kommt. Gesteigert werden kann außerdem noch die Attraktivität öffentlicher Räume. Der Umbau der Straße Am Europakanal ist da ein wichtiges Thema. Hier geht es darum, die Barrierewirkung zu nehmen, indem man die vierspurige Straße auf zwei Spuren zurückbaut und mehr Platz für Bus, den Rad- und Fußverkehr und Begrünung schafft. Der Stadtteil Büchenbach-Nord folgt einer Planungsidee der autogerechten Stadt, die Straße Am Europakanal war gewissermaßen das Flaggschiff.

Von der Ostseite des Europakanals am Büchenbacher Steg schaut man auf die südlich auf der anderen Seite gelegenen Hochhäuser.

Von der Ostseite des Europakanals am Büchenbacher Steg schaut man auf die südlich auf der anderen Seite gelegenen Hochhäuser. © Harald Sippel, NN

Damit sind wir beim Thema "Wasser". Im Bericht wird behauptet, dass das "Wohnen an der Landschaft" ein besonderes Potenzial im Stadtteil hat. Sie sprechen unter anderem von der "Wasserfront". Das klingt nach Meeresküste, dabei handelt es sich doch nur um den guten alten Kanal.

Die Nähe zur Landschaft ist uns von den BewohnerInnen als Qualität des Stadtteils genannt worden. Man wohnt gerne in Büchenbach-Nord, weil man beispielsweise über den Holzweg schnell im Grünen ist. Überrascht hat uns, wie wenig präsent hingegen der Europakanal als Landschaftsbestandteil ist. Die Straße Am Europakanal schneidet den Stadtteil ab von diesem Landschaftsbereich am Kanal. Das Wasser ist ein großes Potenzial, das aber bisher noch zu wenig genutzt wird. Es geht überhaupt nicht darum, das Ganze zu einem Event-Bereich umzugestalten. Aber wenn man es geschickt anstellt, lässt sich hier noch sehr viel machen.

 

Am 26. Juni wollen die Planer noch einmal einen Stadtteilspaziergang anbieten. Start ist um 10 Uhr an der Büchenbacher Anlage. 

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