Kritik an Beschluss

Corona-Impfen in Apotheken: "Es fehlt an Zeit, Personal und an Impfstoff"

Sharon Chaffin
Sharon Chaffin

Redakteurin Erlanger Nachrichten

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7.12.2021, 18:30 Uhr
Eine Impfung ist mit die wichtigste Maßnahme im Kampf gegen das Coronavirus. 

Eine Impfung ist mit die wichtigste Maßnahme im Kampf gegen das Coronavirus.  © Patrick Pleul, dpa

Um die vierte Coronawelle zu brechen, will die Politik die Impfkampagne beschleunigen. Deshalb sollen nun auch Apotheken impfen dürfen. Das haben Bund und Länder bei ihren Beratungen am Donnerstag (2. Dezember 2021) beschlossen. Apotheker Wolfgang Galster, der in Röttenbach und Höchstadt eine Apotheke besitzt und unter anderem in mehreren Einkaufszentren in der ganzen Region Teststationen betreibt, sieht das kritisch.

Herr Galster, Sie sollen als Apotheker nun Corona-Impfungen durchführen. Wie kommt das bei Ihren Kollegen und Ihnen an?

Wolfgang Galster: Mit gemischten Gefühlen - und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum einen führen wir derzeit viele Corona-Tests durch und haben dadurch auch gerade wenig freies Personal für diese Impfungen. In den Erlanger Arcaden haben wir unsere Öffnungszeiten sogar verlängert und testen nun Montag bis Sonntag von acht bis 20 Uhr. Wenn jetzt noch das Impfen dazu kommt, habe ich wirklich die Befürchtung, dass die Qualität leidet und man bei so viel neuen Aufgaben ins Schludern gerät. Wenn wir impfen, machen wir es gerne, aber in der nächsten Zeit sehe ich das nicht so euphorisch.

Und zum anderen?

Zum anderen fehlt es ohnehin an Impfstoff. Wir beliefern viele Arztpraxen mit Corona-Impfstoffen. Dazu bestellen die Arztpraxen bei uns Apotheken, wir wiederum ordern das Serum dann beim pharmazeutischen Großhandel eine Woche im Voraus - und es ist nicht genügend Impfstoff da. Das heißt, was die Ärzte bestellen, kriegen sie nicht. Aktuell ist es die Katastrophe: In der Kalenderwoche 49 bekommt jeder Arzt 18 Impfstoffe, also Serum für für 18 Personen. Von Biontech erhält also jeder Arzt nur drei Vials mit jeweils sechs Dosen, egal, wie viele er bestellt hat. Langweilig ist den Ärzten nicht, aber sie könnten auch noch mehr Patienten zum Impfen mit hinein schieben, dann hätten wir die Diskussion gar nicht.

Sie meinen, dass jetzt ganz viele Menschen ganz schnell geimpft und geboostert werden müssen.

Ja, es wurde sich halt nicht frühzeitig Gedanken gemacht, was man braucht im Winter, und Serum einfach nicht nachbestellt. Jetzt können die Hersteller von Biontech auch nicht von heute auf morgen so viel Impfstoff liefern, das ist alles eine komplexe Sache. Generell ist die Herstellung gerade von Impfstoffen eine langwierige Angelegenheit. Bei Moderna kommt noch dazu, dass das Gesundheitsministerium den an sich guten Impfstoff ohne jegliches Fingerspitzengefühl präsentiert hat. Alles rund um Corona, Impfen und Testen, ist ohnehin schon ein sehr komplexes Thema.

Und wenn Sie die Impfstoffe als Apotheken einfach gleich behalten und gar nicht erst an die Hausärzte weitergeben? Dann könnten Sie ja impfen.

Oh nein, das kann man nicht machen. Ich will ja auf keinen Fall eine Konkurrenzsituation haben. Wir haben mit den Ärzten, mit denen wir zusammenarbeiten, ein sehr gutes Verhältnis. Das brauchen wir auch, weil es immer wieder Rückfragen gibt. Wir arbeiten ja alle zum Wohl vom Patienten, wenn dann irgendwie eine Konkurrenzsituation kommt, wäre das ganz schlimm.

Hausärztevertreter sehen es ja auch kritisch, dass nun unter anderem Apotheken impfen sollen. Haben Sie schon Reaktionen von Ärzten auf die Pläne?

Nein, wir hatten bisher keine Zeit, darüber zu sprechen. Wir haben ja auch noch die ganz normale Apothekenarbeit. Außerdem haben wir momentan auch noch mit den Debatten rund um Corona-Impfungen zu tun.

Dazu kommen ja auch noch die Impfzertifikate, die Sie erstellen.

Hat vor allem mit der Corona-Pandemie derzeit viel zu tun: der Apotheker und Apothekenbesitzer Wolfgang Galster aus Röttenbach im Landkreis Erlangen-Höchstadt.

Hat vor allem mit der Corona-Pandemie derzeit viel zu tun: der Apotheker und Apothekenbesitzer Wolfgang Galster aus Röttenbach im Landkreis Erlangen-Höchstadt. © Benedikt Bögelein, NN

Natürlich - und noch etwas. Wir haben momentan wahnsinnige Probleme mit Impfpassfälschern. Leute kommen mit gefälschtem Impfpass zu uns und wollen das digitalisiert haben, damit sie ungeimpft am Leben teilhaben können. Wir erkennen längst nicht alle, aber wir hatten in ziemlich kurzer Zeit sicherlich 15 Fälschungen, wir haben fast jeden Tag die Polizei in einer unserer beiden Apotheken und sogar schon Festnahmen mitten im Laden.

Jetzt haben Sie ja viele kritische Punkte angesprochen, wenn die alle beseitigt wären - kennen Sie sich mit Impfungen denn überhaupt aus? Das Pharmaziestudium befasst sich ja mit der Herstellung von Arzneien.

Wir lernen schon so manche Sachen wie Blutzuckermessen, bei uns steht jetzt auch das Messen von Corona-Antikörpern an. Damit müssen wir uns jetzt befassen, die Geräte stehen schon da, da müssen wir jetzt Schulungen halten. Die vergangene Woche war noch keine Zeit.

Und wenn es irgendwann doch so weit ist, dass Sie gegen Sars-CoV-2 impfen. Wie läuft dann eigentlich die Vergütung?

Keine Ahnung. Wir erfahren momentan auch alles aus der Presse, ich weiß auch nicht, wie das Impfen mit Datenschutz- und Haftungsfragen läuft. Die Politik hat jetzt gesagt, so soll es sein, die Apotheken sollen mal impfen, aber ich glaube, die Politiker wissen selbst noch nicht so genau, wie das alles funktionieren soll.