Der tiefe Fall des Frauenauracher Goldmachers

10.12.2017, 11:00 Uhr
Der Alchemist Christian Wilhelm Krohnemann richtete in einem Gebäude des einstigen Dominikanerinnenklosters Frauenaurach (1549 aufgelassen und danach markgräflicher Besitz) ein alchemistisches Labor ein. Heute steht dort noch die Klosterkirche.

Der Alchemist Christian Wilhelm Krohnemann richtete in einem Gebäude des einstigen Dominikanerinnenklosters Frauenaurach (1549 aufgelassen und danach markgräflicher Besitz) ein alchemistisches Labor ein. Heute steht dort noch die Klosterkirche. © Foto: Berny Meyer

Da Krohnemann in den zehn Jahren seines Wirkens in der Markgrafschaft überwiegend in Bayreuth und Kulmbach experimentierte und auch manipulierte, wird er – wenngleich inzwischen Medienstar bei Krimiautoren und Moralpredigern – wenig mit Erlangen in Verbindung gebracht. Dies soll aus hiesiger Sicht etwas zurechtgerückt werden.

Die umfangreichste Biografie über den Alchemisten, den er schon im Buchtitel als einen der "größten und merkwürdigsten Betrüger des 17. Jahrhunderts" bezeichnet, hat im Jahr 1800 Georg Wolfgang Augustin Fikenscher, Professor und Rektor aus Kulmbach, verfasst. Ihm standen hierfür die Akten im böse endenden Krohnemann-Prozess zur Verfügung.

In dem Verfahren rollte der Delinquent nochmals sein Vorleben auf: Nach Eigenangaben wurde er im Mai 1636 in Livland unweit von Dorpat (der heute zweitgrößten Stadt Estlands namens Tartu) als Sohn eines schwedischen Generalmajors und der Schwester eines Admirals geboren. Schon mit 13 Jahren habe er die Universität besucht und in Turku (Finnland), Uppsala (Schweden) und Kopenhagen Theologie, Juristerei und Medizin studiert. Später will er den Venezianern gedient, den Orient bereist und sich schließlich in Holland aufgehalten haben.

Gesicherte Spuren Krohnemanns finden sich 1674 in Mähren. Dort soll er ein Mädchen mit vergoldetem Messingschmuck umworben haben und einem Juden 600 sowie einem Kaufmann 30 Gulden schuldig geblieben sein. Die größere Schuld bestritt er; seinen fluchtartigen Wechsel nach Wien erklärte er vielmehr damit, einem 70-jährigen Chevalier mit dessen junger Frau "Hörner" aufgesetzt zu haben.

Krohnemann-Münzen (aus der Fikenscher-Biografie) und ein Porträt des Markgrafen Christian Ernst.

Krohnemann-Münzen (aus der Fikenscher-Biografie) und ein Porträt des Markgrafen Christian Ernst. © Repro: Stadtmuseum

In Österreich heiratete der umtriebige Mann Margarethe Elisabeth Rolland, die Tochter eines Kriegsrats und gab sich alsbald als "großer Chemiker und namhafter Adept" (Kenner einer Geheimlehre) aus. Dem Fürsten Carl Eusebius von Liechtenstein imponierte dies. Er soll Krohnemann aus übergroßer Freude für den Erhalt des "Steines der Weisen" 2000 rheinische Gulden und ein Paar Pferde geschenkt haben. Der Fürst forderte allerdings später das Geld wieder ein.

Krohnemann will auch in Wien Kaiser Leopold I. (1640—1705) getroffen haben. Der habe sich sehr für eine Krohnemann’sche Tinktur interessiert, die das Leben verlängern und speziell männliche Nachkommen fördern sollte.

Selbst für den angebotenen Titel eines Burggrafen von Ungarn verriet der Alchemist aber nicht das Rezept; sein Berufsethos als Geheimwissenschaftler verbiete es ihm. Das Treffen mit dem Monarchen dürfte wirklich stattgefunden haben. Als kaiserlicher Truppenführer im Krieg gegen Holland (1675) und später bei der Befreiung Wiens von den Türken (1683) war Markgraf Christian Ernst bestens mit Leopold I. bekannt.

Eine Angeberei Krohnemanns mit dem Kaiser wäre aufgeflogen. Zudem schätzte der Monarch Alchemie. Vom Augustinermönch Wenzel Seyla ließ er sich eine Kupferschale sowie Zinn mit Goldstaub veredeln und wertete es als massives Edelmetall.

Nach diesen Einblicken in die Arbeitsweise von Krohnemann und einem Berufskollegen sowie in die naive Gutgläubigkeit von hochgestellten Kunden geht es nun nach Franken und Frauenaurach. Der tragische Hauptdarsteller dieser Geschichte nahm zunächst in Forchheim (Fürstbistum Bamberg) Quartier und schickte von dort, sozusagen aus dem Ausland, am 13. Juli 1677 ein Bewerbungsschreiben an Markgraf Christian Ernst.

Gott habe ihm, so Krohnemann, eine "unschätzbare Universal-Goldtinktur bescheret". An Dienstleistungen bot er an: Hilfe bei gefährlichen Krankheiten, Erhaltung guter Gesundheit und langen Lebens, Förderung männlicher Erben, schnelle Erlösung bei Geburtsnöten, Veredelung von Metallen, Verschmelzung kleiner Edelsteine zu großen und wundersames Wachstum von Perlen.

Der Landesvater zögerte zunächst, der Alchemist zeigte sich gekränkt und reiste eines Tages plötzlich "zur Annahme eines ehrenvollen Auftrags in den Niederlanden" ab. Zuvor war er aber noch am Hof in Bayreuth vorstellig geworden und hatte dort dem fürstlichen Geheimen Rat und protestantischen Theologen Caspar von Lilien ein Klümpchen "selbstgefertigtes" Gold zum Andenken hinterlassen.

Dabei ließ er auch durchblicken, dass er gerne wieder vom Katholizismus zum Protestantismus übertreten würde. Um es kurz zu machen: Der einflussreiche Hofbeamte, die rechte Hand des Markgrafen, ließ den reiselustigen Goldmacher und Heilkünstler zurückholen. Am 7. September 1677 wurde Christian Wilhelm Krohnemann im Beisein des Hofstaates in Amt und Würden eingeführt. Als "Primo-Minister" sollte er "Ehren, Nutzen und Frommen seiner Hochfürstlichen Durchlaucht fördern". Sein Geheimwissen hatte er auftragsgemäß für sich zu bewahren; allein dem Markgrafen waren tiefere Einblicke gestattet.

Daraufhin richtete Christian Wilhelm Krohnemann unverzüglich in einem Gebäude des einstigen Dominikanerinnenklosters Frauenaurach (1549 aufgelassen und danach markgräflicher Besitz) ein alchemistisches Labor ein. Mit Startkapital vom Landesherrn stattete er das Gewölbe mit Glaskolben, Phiolen, Tinkturen Scheide- und Gradierwasser sowie "philosophischem Ofen" zur Herstellung des "Steins der Weisen" aus. Er legte sich Dienerschaft zu, hielt einen Stall mit zwölf Pferden und beanspruchte täglich 30 Pfund Fleisch für die Küche.

Weit weniger prächtig als der Privathaushalt mit Familie gedieh leider die experimentelle Arbeit des Alchemisten, der spätestens ab nun auch als Baron firmierte und neben dem Adels- noch weitere verliehene Ehrentitel führte. Allerdings stand Krohnemann auch unter starkem Erfolgsdruck. Am Bayreuther Hof wollte man rasch Gold für die Vorschüsse und Unterhaltskosten sehen.

Das militärische Engagement, der Bau der Bayreuther Schlosskirche (1672) und die Kunstliebe und der Lebensstil am Hof hatten zu einer Ebbe in der Staatskasse geführt. Zweifler, die dem Goldmacher kein Wort glaubten, sorgten für zusätzlichen Stress. Ein Silberarbeiter schwor Stein und Bein, den Goldbatzen für Superintendent Lilien im Auftrag Krohnemanns aus Münzen eingeschmolzen zu haben.

Der Hofstallmeister forderte den Alchemisten strenger im Auge zu behalten. Der Goldmacher reagierte darauf mit einem Wutanfall. Im Beisein seines Freundes und Beschützers Caspar von Lilien zerschlug er die Einrichtung seines Frauenauracher Labors, schüttete die Tinkturen zum Fenster hinaus und rief empört: "Nun habe ich nichts, noch meine Kinder, noch seine Hochfürstliche Durchlaucht". Dann machte er Anstalten sich einen Degen durch den Leib zu stoßen.

Dieser spektakuläre Gefühlsausbruch beeindruckte den Markgrafen, und besänftigt war er gar, als ihm Krohnemann eine aus "selbsterzeugtem Gold" gefertigte Schaumünze schickte. Verbunden war damit ein vom 2. Januar 1678 datiertes Schreiben aus Frauenaurach an den Landesherrn. Darin kündigte der Alchemist an, bis Michaelis selben Jahres (Ende September) soviel Gold zu fertigen, dass nicht nur die vorgestreckten 10 000 Taler getilgt würden, sondern vom Überschuss auch noch das zerstörte Baiersdorfer Schloss Scharfeneck wieder aufgebaut werden könne.

Noch im Laufe desselben Jahres landete der Goldmacher-Baron dennoch in Bayreuth. Zum Trost dafür, dass er die Goldmengen zum Michaelistag nicht hatte liefern können ("der Teufel hatte seine Hand im Spiel"), lud er den Fürsten und dessen Gemahlin Sophia Luise zu einer Demonstration seines Könnens in den Schlosskeller ein.

Aus einer Mischung von Quecksilber, Grünspan und selbstgefertigtem Salz, über das er ein weißes Pulver schüttete, zauberte er kleine Mengen echten Goldes und Silbers. Das könnte durch einen offenen Pfannenboden oder löchrigen Rührstaub gerieselt oder aber durch eine chemische Reaktion freigesetzt worden sein.

Nach diesem Experiment und weiteren Münz- und Medaillenprägungen wurde Krohnemann zunächst verziehen. Er durfte im November 1678 sogar den Erbprinzen Georg Wilhelm aus der Taufe heben.

Nach dreijährigen leeren Verprechungen riss Markgraf Christian Ernst endgültig der Geduldsfaden. Im Dezember 1681 ließ er den Baron auf die Kulmbacher Plassenburg bringen, wo ihn ein Jahr lang nicht einmal Frau und Kinder besuchen durften. So elend wurde der Alchemist gehalten, dass er im Februar 1683 sogar um Stroh nach der Notdurft betteln musste.

Nachdem die kranke Markgräfin nach dem "berühmten Arzt" geschickt hatte, erhielt Krohnemann Hafterleichterungen und im Frühjahr sogar eine Bewährungschance und einen weiteren "Arbeitsvertrag". Damit war es aber vorbei, als er sich aus der Plassenburg abseilte und ins bambergische Kloster Marienweiher flüchtete. Dort wurde er von einem "Markgräfler" wieder herausgelockt und nach Kulmbach zurückgebracht.

Auch Bitten um einen nochmaligen Neustart in Frauenaurach und der Hinweis, dass er dort einmal den Markgrafen bei einem Jagdaufenthalt als Arzt vor dem Tod bewahrt habe, stimmten das Gericht nicht milde. Zuletzt war noch die Silberkammer der Plassenburg leer geräumt worden, und Christian Wilhelm Krohnemann hatte immense Schulden angehäuft. Obendrein wurde er des Ehebruchs mit einer Bediensteten überführt.

Wegen Diebstahls und Betrugs verurteilte man ihn zum Tode durch den Strang, und am 27. April 1686 wurde er in Kulmbach hingerichtet. Ein Gnadenerlass, den die Markgräfin bei ihrem Gatten erwirkt hatte, traf eine halbe Stunde zu spät ein. Es wird gemunkelt, Christian Ernst könnte den berittenen Boten zu einem gemächlicheren Trab animiert haben.

Der Landesfürst, der bei der Aufnahme von französischen Glaubensflüchtlingen ein großes Herz bewies, stellte alsbald mit Johann Georg Fischer aus Hohberg einen neuen Alchemisten ein, der laut Autor Fikenscher dem Markgrafen wiederum "Schaden zufügte".

"Der Teufel hatte

seine Hand im Spiel"

"Großer Chemiker und

namhafter Adept"

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