Dieser Erlanger hat Covid-Patienten ersticken sehen

14.4.2021, 14:13 Uhr
Domenico Catalano, hier mit seiner Kollegin Elizabeth Juma vor der Pandemie, arbeitete drei Monate lang auf einer Covid-Station des Uniklinikums in Erlangen.

Domenico Catalano, hier mit seiner Kollegin Elizabeth Juma vor der Pandemie, arbeitete drei Monate lang auf einer Covid-Station des Uniklinikums in Erlangen. © Foto: Franziska Männel/Uniklinikum

Als zuhause in Calabrien sein Großvater schwer erkrankte und starb, da wusste Domenico Catalano endlich, was er einmal werden wollte. "Die Fürsorge und die Herzlichkeit, mit der Pflegerinnen und Pfleger sich um meinen Großvater gekümmert hatten, die hat mich sehr beeindruckt", sagt der heute 30-Jährige. Der Großvater war stets wie ein zweiter Vater für ihn, sagt Catalano, ihn sterben zu sehen, "das hat mich schwer getroffen".

Diese Fürsorge und Herzlichkeit, die hat er – nach einem Sprachkurs und einen Umzug 2016 nach Erlangen – selbst übernommen. Domenico Catalano ist Krankenpfleger geworden, er arbeitet derzeit in der Onkologie der Strahlenklinik. Ein imposanter Neubarockbau ist das in der Universitätsstraße, 1893 erbaut sitzt heute eine der modernsten Strahlentherapien in Deutschland darin. Wenn er hier durch den hohen Flur von Patientenzimmer zu Patientenzimmer geht, sagt Catalano, erkennt er die Klinik wieder, in der einst sein Großvater lag. Ja, Domenico Catalano hat, wie das so viele Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger haben, seine Berufung gefunden.

Plötzlich auf die Covid-Station

Von November bis Februar aber, da musste Catalano seine geliebte Station für drei Monate verlassen. "Ich wollte das erst nicht", sagt er, "ich kenne hier die Abläufe, die Kollegen – wir sind ein tolles Team."

Doch der junge Mann mit den schwarzen kurzen Haaren, den dunklen Augen, zwei Ohrringen und den Tattoos auf dem rechten Arm, er wurde woanders gebraucht: Die Corona-Pandemie wälzt sich weiter übers Land, drei Covid-Stationen hatte die Uniklinik eingerichtet, um Patienten, die schwer an Sars-Cov-2 erkrankt waren, zu beatmen, zu behandeln und zu pflegen. Eine dieser Stationen war nun Domenico Catalanos Arbeitsplatz. Vom ersten bis zum letzten Tag, sagt er, waren alle 14 Patientenbetten belegt.

Piepsende Monitore, schnaufende Beatmungsmaschinen

Zwar gab es auch mittelalte und junge Menschen unter den Erkrankten, in der Station von Domenico Catalano aber lagen ausschließlich Hochbetagte. Er erkannte dort, zwischen piepsenden Monitoren und schnaufenden Beatmungsmaschinen, nicht nur einmal seinen Großvater wieder, wenn er – diesmal in Schutzkleidung – in die Patientenzimmer kam.


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Die Aufgaben waren nicht viel anders als auf den übrigen Stationen: Geräte überwachen, Medikamente geben, Patienten pflegen. Doch all das sollte wenn möglich im beziehungsweise am Bett passieren – eingepackt von Kopf bis Fuß in Spezialkleidung, damit er sich ja nicht anstecken kann. "Das hat einerseits Kraft gekostet, andererseits haben wir uns schnell daran gewöhnt." Anfangs war auch noch Angst vor einer möglichen Infektion dabei. "Vielen Kolleginnen und Kollegen ging es ähnlich, kaum jemand wollte zunächst auf diese Stationen", sagt Domenico Catalano.

Angst und Hilfesuchen

Doch die Klinikhygiene schaffte Vertrauen und Sicherheit und, viel wichtiger noch, tagtäglich sah Domenico Catalano an den Betten der schwer gezeichneten Patienten, in ihren angsterfüllten Blicken und ihren hilfesuchenden Händen, wie sehr er hier gebraucht wurde.

"Wissen Sie", sagt Domenico Catalano, "wenn ich meine Arbeitskleidung überstreife, dann bin ich wie ein anderer Mensch. Dann denke ich nicht mehr an Viren und Bakterien, dann habe ich keine Angst mehr – dann habe ich nur noch die Patienten im Blick."

Eine weiße Hose, ein weißer Kittel, die wie eine mentale Rüstung wirken. Sie helfen Domenico Catalano dann auch, das Leid, den Schmerz, die Bilder nicht mit nach Hause zu nehmen zu seiner Frau, ebenfalls Krankenpflegerin, die er vor ein paar Jahren im Sprachkurs kennenlernte.

Das funktioniert freilich nicht immer. Domenico Catalano hat auf der Covid-Station Menschen sterben, Patienten ersticken sehen. Frauen und Männer meist über 80, alle mit Vorerkrankungen, die ihn in den Tagen und Wochen zuvor immer wieder die gleichen Fragen gestellt haben: Wann können sie den Ehepartner, die Kinder, die Familie sehen? Warum nur dürfen sie nicht besucht werden? "Das", sagt Domenico Catalano, "war nur möglich, wenn die Patienten nicht mehr zu retten waren. Vorher war es zu gefährlich."

Ein Brief an Weihnachten

Und so wandelte sich auch sein Beruf in diesen drei Monaten von dem eines Krankenpflegers in den des einzigen Freundes, eines Vertrauten – in den einzigen oft, den die verängstigten, gebrechlichen, schwer kranken Menschen sehen und mit dem sie sprechen konnten. Dem sie erzählen konnten und der ihnen erzählte – dass alles gut wird, dass sie tapfer seien und er unendlich stolz auf sie sei.

"Mindestens zu 75 Prozent", sagt Catalano, "ging es darum, den Menschen Mut zu machen, mit ihnen zu sprechen, ihre Angst zu nehmen." Manchmal, sagt er und lächelt, gelang es sogar, mit ihnen zu lachen. Und manchmal war sein Gesicht unter der Maske, unter der Kapuze hinter dem Plastikschutz das letzte, das sie auf dieser Welt sahen. "Viele haben es geschafft, gesund zu werden. Viele aber leider auch nicht."

Voller Liebe, voller Herzlichkeit

Einmal, an Weihnachten 2020 – das wird er nie vergessen, sagt er – drückte ihm eine Frau einen handgeschriebenen Brief an ihre Mutter in die Hand mit der Bitte, ihn vorzulesen. Und so stand er in seiner Schutzkleidung am Bett der alten Dame und las Zeilen voller Liebe, voller Sehnsucht, voller Herzlichkeit vor. "Diese drei Monate auf der Covid-Station", sagt Domenico Catalano, dessen Augen nun doch ein wenig feucht geworden sind, "waren für mich als Pfleger und als Mensch unglaublich wertvoll. Ich habe viel gelernt." Über das Leben. Und über das Sterben.

Seiner Familie in Calabrien, 1800 Kilometer von Erlangen entfernt, erzählte Domenico Catalano erst nach seinem letzten Arbeitstag auf der Covid-Station, wo er die vergangenen drei Monate gearbeitet hatte. Die Mutter schimpfte ihn am Telefon, wie hatte er ihr das nur verschweigen können? "Sie hat das erst nicht verstanden", sagt er, "aber ich habe das nur für sie getan. Damit sie sich nicht um mich sorgt."