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Ein Haus in Erlangen, in dem Frauen wieder lachen lernen

Das autonome Frauenhaus blickt mit einer Ausstellung in der Stadtbibliothek auf 40-jähriges Bestehen zurück - 19.10.2018 15:00 Uhr

Seit 40 Jahren setzen sich die Mitarbeiterinnen des autonomen Frauenhauses in Erlangen gegen Gewalt an Frauen und ihren Kindern ein. Jetzt blicken sie mit einer Ausstellung in der Stadtbibliothek in Bildern, Texten und Installationen auf diese Zeit zurück. © Harald Sippel


Manche Dinge beginnen ganz einfach. Und vielleicht auch ein bisschen zufällig. Die Idee für das Erlanger Frauenhaus entstand während einer Autofahrt. Im Radio lief eine Sendung über eine Frau, die in London gerade ihr Haus geöffnet hatte für Frauen, die in ihrem eigenen Zuhause — in ihren Ehen — misshandelt wurden. Damit war in London das erste Frauenhaus gegründet. Und eine Idee für Erlangen geboren.

Die wurde dann von einer Initiative von 20 jungen Frauen, darunter die Hörerinnen der Radiosendung, umgesetzt. Zwei Jahre lang kämpften sie bei der Stadt darum, bis sie ihr Vorhaben verwirklichen durften. Schließlich bekamen sie ein Zweieinhalb-Zimmer-Häuschen ohne Küche, ohne Bad, ohne Heizung — und lediglich 12 000 Mark zur Instandsetzung.

"In Verwaltung und Stadtrat wusste man eigentlich nicht recht was anzufangen mit den etwa 20 engagierten Frauen", erinnert sich Ursula Rechtenbacher. In der Ausstellung in der Stadtbibliothek sind Zeitzeugenaussagen wie die der früheren Sozialbürgermeisterin und Fotos aus vier Jahrzehnten zu sehen und nachzulesen. Es ist eine Dokumentation der Geschichte des Erlanger Frauenhauses und zugleich auch eine Geschichte der Frauenbewegung

Die Bestätigung, dass Bedarf für einen Zufluchtsort für Frauen da war, kam sofort: Das Haus war voll belegt — und das in einer Zeit, in der die Meinung vorherrschte, dass Gewalt in Beziehungen irgendwie in Ordnung war.

Das Frauenhaus in Erlangen war eines der ersten in Deutschland und das erste in Bayern, es entstand aus der feministischen Frauenbewegung, als Frauen selbstbewusst ihr "Eigenes" erstritten, als sie Frauenbuchläden und Frauenzentren gründeten und sich für die Rechte von Frauen — ihre eigenen Rechte — einsetzten, und natürlich konnte das Erlanger Frauenhaus nur eines sein: autonom.

Das ist es bis heute geblieben. Deshalb passt es auch so gut, dass in dem Jahr, in dem in Deutschland "100 Jahre Frauenwahlrecht" gefeiert wird, in Erlangen die Institution Frauenhaus ebenfalls mit einem runden Jubiläum aufwartet. Denn so selbstverständlich, wie das Frauenwahlrecht heute ist, so unvorstellbar ist es, dass Männer tatsächlich einmal den Frauen nicht zugestanden zu wählen. Genauso verhält es sich mit vielen anderen Formen der Selbstbestimmung, die Frauen sich erstreiten mussten: Erst ab 1961 durften in (West)Deutschland Ehefrauen zum Beispiel ohne die Unterschrift des Ehemannes bei der Bank ein Konto eröffnen. Erst seit 2001 dürfen sie sich gegen gewalttätige Partner und Ehemänner wehren, denn seitdem gibt es das Gewaltschutzgesetz.

Doch was hat das jeweilige gesellschaftliche Frauenbild mit der Tatsache zu tun, dass Frauen sich sehr viel häufiger als Männer in Beziehungen Gewalt ausgesetzt sehen — dass zum Beispiel in Deutschland jede vierte

Frau im Lauf ihres Lebens eine Gewalterfahrung in ihrem unmittelbaren Umfeld macht?

Wer sich in der Ausstellung das Bild mit der visualisierten "Gewaltspirale" anschaut, die das übliche Muster solcher Beziehungen ausmacht, wird sehen: Gewalt beginnt mit Kontrolle — diese und damit verbunden die Unterordnung der Frau wird von Männern dort eingefordert, wo ein Ungleichgewicht herrscht und Frauen weniger Rechte als Männer haben.

Das Verständnis für die engagierten Frauenhaus-Betreiberinnen und ihr gesellschaftliches Anliegen ist — und das ist die gute Nachricht — seit der Gründung vor 40 Jahren deutlich gestiegen. 1978 wurde ihr Antrag auf Gemeinnützigkeit noch abgelehnt, während ausgerechnet einem Golfclub genau dies attestiert wurde. Zwei Jahre später wurde das Frauenhaus dann doch als gemeinnützig anerkannt, es tauchte erstmals im städtischen Haushalt auf. Acht der Gründerinnen führten danach das Haus.

Dreimal zog das Frauenhaus seit seiner Gründung um und vergrößerte sich räumlich. Denn voll belegt mit Frauen und Kindern ist es vom ersten Tag an fast immer gewesen. Alle diese Schutz suchenden Frauen haben eines gemeinsam: Sie flüchten vor der Gewalt der Männer. Ihrer Männer. Vor sexualisierter Gewalt, vor psychischer Gewalt, vor körperlicher Gewalt. Manche von ihnen werden so schwer verletzt, dass sie im Krankenhaus landen. Zurück in ihr Zuhause können sie nicht, ohne sich weiterer Gewalt auszusetzen. Es sind Frauen jeden Alters, aus jedem Milieu und vielen Kulturkreisen, das Frauenhaus ist ein Mikrokosmos und direktes Abbild der Gesellschaft.

Längst ist also klar, dass es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, von Gewalt bedrohten Frauen zu helfen. Trotzdem wird immer wieder gefordert, dass noch mehr getan werden muss und dass zum Beispiel die Anzahl der Frauenhausplätze gerade auch in Bayern nicht ausreicht. Der Freistaat jedenfalls rangiert im bundesweiten Vergleich bei den Ausgaben für Frauenhäuser auf dem vorletzten Platz. Politiker wie die SPD-Landtagsabgeordnete Alexandra Hiersemann kritisieren regelmäßig die mangelnde finanzielle Ausstattung durch den Freistaat.

Die größte Neuerung für das Erlanger Frauenhaus kam 2009. In diesem Jahr konnten die Frauen in einen Neubau ziehen. 1,3 Millionen Euro kostete er, den größten Teil der Finanzierung übernahm die Stadt. Den Eigenanteil in Höhe von zehn Prozent konnte das Frauenhaus stemmen, weil die Erlangerinnen und Erlanger einen Akt der Solidarität demonstrierten. Sie spendeten Geld und bemalten für 100 Euro Fliesen, die heute das Treppenhaus des Gebäudes schmücken.

Die Frauen, die hier eine vorübergehende Zuflucht finden, führen ein möglichst selbstbestimmtes Leben, es gibt aber Gemeinschaftsräume, und der Austausch wird als wichtig erachtet. Die Mitarbeiterinnen, unter denen inzwischen auch drei engagierte junge Nachwuchskräfte sind, begleiten sie auf ihren Wunsch hin zu Ämtern, ins Gericht, zu ihrem Schutz aber auch in die Arbeit oder zu Kindergärten. Wichtig ist zudem die Beratung. "Viele Frauen sind ziemlich isoliert und sehr in Unkenntnis über die Rechte, die sie haben", sagt Mitarbeiterin Christine Wittmann. 

EVA KETTLER

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