Einstmals Provokateure und Weltverbesserer in Erlangen

27.3.2018, 10:00 Uhr
Nachdem vor 40 Jahren der erste Grüne Stadtrat Deutschlands in den Erlanger Stadtrat gewählt wurde, lud aus diesem Anlass Wolfgang Lederer die alten Recken zum Erinnerungsfoto (v.li): Wolfgang Lederer, Heiner Grillenberger, Peter Gössel, Peter Viebig, Rainer Huhle, Thea Leicht, Jutta Jäger, Christa Rauenbusch, Gerlinde Heiß, Gerd Stiebert, Peter Pluschke, Werner Burkel, Dieter Laumer und Günther Joschko.

Nachdem vor 40 Jahren der erste Grüne Stadtrat Deutschlands in den Erlanger Stadtrat gewählt wurde, lud aus diesem Anlass Wolfgang Lederer die alten Recken zum Erinnerungsfoto (v.li): Wolfgang Lederer, Heiner Grillenberger, Peter Gössel, Peter Viebig, Rainer Huhle, Thea Leicht, Jutta Jäger, Christa Rauenbusch, Gerlinde Heiß, Gerd Stiebert, Peter Pluschke, Werner Burkel, Dieter Laumer und Günther Joschko. © Harald Sippel

Dass die Grüne Liste überhaupt als Gruppierung dieses Namens in den Stadtrat einzog – zwei Prozent der Stimmen reichten damals für ein Mandat – , war keineswegs von vornherein ausgemacht. Die GL war nämlich ein ziemlich bunter Haufen mit starken linken Geburtsmerkmalen, weshalb auch der Name "Sozialistische Einheitsliste" nur knapp scheiterte. Schließlich gehörten zu den wichtigsten Gründern der GLE jene Vertreter aus der linken Studentenszene, die erfolgreich der Erosion der vorher dominanten sogenannten K-Gruppen widersetzt und als "Spontis" ziemlich fröhlich überlebt hatten.

Günther Joschko und Heiner Grillenberger mit dem damaligen Kandidaten auf dem Titel der „Was Lefft“.

Günther Joschko und Heiner Grillenberger mit dem damaligen Kandidaten auf dem Titel der „Was Lefft“. © Harald Sippel

Dieses Geburtsmerkmal blieb der Grünen Liste, die sich auch aus so unterschiedlichen Initiativen rekrutierte wie den Stadtindianern und dem Fränkischen Bundschuh, weiter erhalten. Ihr Ansatz blieb basisdemokratisch, allen Hierarchien abhold (das geht sogar so weit, dass ein in der Kommunalverfassung gar nicht vorgesehenes Rotationsprinzip gepflegt wird), geschlechtergerecht und emanzipatorisch. Und die GL brachte einen frischen und oft ziemlich despektierlichen Ton in die Kommunalpolitik, der auch Satire, Sarkasmus und oftmals sinnfreiem Humor eine Chance gab. Figuren wie der Stadtrats-Novize Wolfgang Lederer (heute Lederer-Kanawin), Peter Pluschke, aber auch der Fahrradpfleger Heiner Grillenberger und der oftmals kauzige Paul Pömsl standen ebenso für spöttischen Humor wie – Jahrzehnte später – der Polizist und Umweltaktivist Helmut Wening. Aber auch ernste Naturen wie der (bis heute) streitbare Universitätslehrer Theo Ebert und die stets abwehrbereit und skeptisch wirkende Lehrerin Ada Augustin zeichneten das Personal-Tableau einer GL aus, das den Stadtrat immer häufiger nicht nur als antiautoritäre Spaß-Veranstaltung betrachtete.

Umwelt als Thema

Das lag daran, dass die GL immer auch ihren Zielen Umwelt und gesunden Lebensverhältnissen verpflichtet blieb. Das drückte sich in Forderungen nach einer autofreien Innenstadt aus, richtete sich gegen Atomkraftwerke und Strom daraus, machte Front gegen Vernichtung preiswerten Wohnraums und setzte sich für eine maßvolle Stadtarchitektur ein.

Anders ausgedrückt: die Grüne Liste hatte konkrete kommunalpolitische Vorstellungen und wurde zusehends zu einem denkbaren und schließlich realen (Zweck-) Bündnispartner für andere Parteien. Dass der für Wolfgang Lederer nach nur einem Jahr "Amtszeit" nachrückende Umweltaktivist Peter Pluschke im Jahr 2008 Nürnbergs erster Umweltreferent wurde, ist da sicher kein Zufall.

Nicht unterschätzt werden darf die Unterstützung der GL durch die damalige linksalternative Stadtzeitung "Was Lefft", die in der Erlanger "Szene" vielgelesen war. Das Blatt war Sprachrohr und Ideenschmiede zugleich und hielt die Gruppierung auch gegenüber den nicht-organisierten Rändern offen. Und sie unterstützte die Wahlkampagnen mit Sonderausgaben, in denen sich die an der GL beteiligten Gruppen zu Wort melden konnten.

Mit der Gründung der Grünen als Bundespartei gehen auch in Erlangen Grüne Liste und Partei-Grüne ein für neue Mandate günstiges Zweckbündnis ein – eines, das keineswegs immer von tiefer Zuneigung geprägt war und ist, da die GLE sich ihr Misstrauen gegenüber zu viel Parteidisziplin, hierarchisches Denken und bürgerlichen Habitus erhalten hat.

Und bis heute existiert die GL als eigenständige Organisation neben der Ortsgruppe der Bündnis-Grünen. Dass dies mehr ein Nebeneinander denn ein Miteinander ist, zeigte sich bei einem "Veteranentreffen" der GL: man blieb lieber unter sich.

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