Erlangen: Bayerns Innenminister bei "Euthanasie"-Gedenkkundgebung

10.5.2021, 11:30 Uhr
Bei der Gedenkkundgebung zur NS-„Euthanasie“  neben der Herz-Jesu-Kirche in Erlangen sprach auch Innenminister Joachim Herrmann. Er hob hervor, dass das Innenministerium jener Zeit eine historische Mitschuld an den Gräueltaten trage.

Bei der Gedenkkundgebung zur NS-„Euthanasie“ neben der Herz-Jesu-Kirche in Erlangen sprach auch Innenminister Joachim Herrmann. Er hob hervor, dass das Innenministerium jener Zeit eine historische Mitschuld an den Gräueltaten trage. © Harald Sippel

"Gemeinsam gedenken wir heute der Opfer eines besonders schrecklichen Kapitels der Nazi-Gewaltherrschaft. Wir gedenken der Opfer der nationalsozialistischen ,Euthanasie‘-Morde in ganz Deutschland, europaweit, aber eben ganz speziell auch hier in Erlangen", sagte Innenminister Joachim Herrmann bei einer Kundgebung am Samstag, 8. Mai 2021, neben der Herz-Jesu-Kirche. "Damit halten wir die Erinnerung an die Betroffenen lebendig und bekennen, dass die Würde jedes einzelnen Menschen für uns Auftrag und Verpflichtung ist."

Der CSU-Politiker war, ebenso wie Oberbürgermeister Florian Janik, als Redner zu der Gedenkkundgebung gekommen, die das Aktionsbündis "Gedenken gestalten – HuPfla erhalten" jetzt zum zweiten Mal veranstaltete.

Transport in Tötungsanstalten

Im jahr 2020 hatte die Kundgebung am 18. Januar stattgefunden, dem Tag, an dem sich zum achtzigsten Mal der Beginn der sogenannten T4-Aktion jährte. Aus der bayerischen Heil- und Pflegeanstalt (HuPfla) Eglfing-Haar waren damals psychisch kranke und behinderte Menschen in die Tötungsanstalt Grafeneck in Baden-Württemberg transportiert worden.

Deutschlandweit wurden bei der T4-Aktion 70.234 Menschen in Tötungsanstalten umgebracht, aus der HuPfla in Erlangen waren es 908 Patienten. Ab 1942 wurde mit dem sogenannten "Hungerkost"-Erlass das Töten in den Anstalten selbst fortgesetzt. Heute wird von insgesamt bis zu 300.000 Opfern gesprochen.

Erst in jüngster Zeit werden diese Menschenrechtsverletzungen umfassender aufgearbeitet. Und sie werden auch als Auftrag für die Zukunft verstanden: In Erlangen soll auf dem Gelände der Universitätsklinik, neben modernen Forschungsgebäuden, ein Gedenk- und Lernort unter Einbeziehung eines Teils des "Kopfbaus" und des Direktionsgebäudes der ehemaligen HuPfla entstehen. Dass dies ein Kompromiss ist, der im Streit errungen wurde, wurde bei der Veranstaltung am Rande gestreift.

Damals zuständig für Vollzug der Gesundheitspolitik

Pandemiebedingt war die diesjährige Kundgebung auf den 8. Mai verschoben worden, den Tag, an dem 1945 die NS-Diktatur kapitulierte, den Tag des "Nie wieder", wie OB Janik sagte. Bei den Krankenmorden handle es sich leider keineswegs nur um ein Randphänomen der NS-Barbarei, erklärte Joachim Herrmann. Er betonte, dass er nicht nur als Erlanger Bürger, sondern ausdrücklich auch als Innenminister an der Veranstaltung teilnehme.

Denn auch das bayerische Innenministerium trage eine historische Mitschuld an den Gräueltaten, da es damals für den Vollzug der bayerischen Gesundheitspolitik zuständig gewesen sei. Von dort aus seien Deportationen von kranken und behinderten Menschen organisiert worden, 1942 sei aus dem Innenministerium der "Hungerkost"-Erlass gefolgt.

Insgesamt seien in Bayern 20.000 psychisch kranke Menschen dem NS-"Euthanasieprogramm" zum Opfer gefallen. "Diese grausame und kaum zu ertragende Schattenseite unserer deutschen Vergangenheit erfüllt uns alle heute mit tiefer Scham und Trauer", so Herrmann. "Sie ist für viele Angehörige bis heute eine unvorstellbare Belastung."

Angehörige werden gehört

Einige von ihnen waren zur Gedenkkundgebung gekommen, darunter Silas Ubrich, der momentan eine Angehörigengruppe für den Raum Nordbayern aufbaut. Ihn begrüßte Herrmann persönlich, "als Angehöriger einer betroffenen Familie geben Sie dem Leid ein ganz konkretes menschliches Gesicht." Den Angehörigen sei wichtig, dass das Schwächste in unserer Gesellschaft geschützt werde, sagte Ubrich.

Johannes Mann hob als Sprecher des Aktionsbündnisses hervor, dass Mord nicht verjähre und dass man den Opfern und ihren Angehörigen die schonungslose Aufklärung der Taten schulde.

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