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Erlangen: Fehlverhalten kostet Leben

Feuerwehr testet Fahrt durch die Innenstadt: "Gewisses Unbehagen" wegen rücksichtsloser Autofahrer. - 11.10.2019 06:00 Uhr

Falschparker wie in der Holzgartenstraße bekamen von dem Chef des Sachbereichs Verkehr bei der Erlanger Polizei Günther Neubauer eine Verwarnung. © Klaus-Dieter Schreiter


Die am vergangenen Montag durch einen Falschparker in der Inneren Brucker Straße jäh unterbrochene und damit erheblich verzögerte Einsatzfahrt des Löschzuges der Erlanger Feuerwehr und die Berichterstattung darüber in den Erlanger Nachrichten haben auch Polizei und Rettungsdienst auf den Plan gerufen (wir berichteten).

Gemeinsam haben sie darum mit ihren Einsatzfahrzeugen eine "Testfahrt" durch die Innenstadt unternommen und dabei festgestellt: Es gibt etliche Bereiche, die zugeparkt und darum für die Einsatzfahrzeuge nur schwer zu erreichen sind. Die Erlanger Nachrichten haben diese "Testfahrt" begleitet.

Ein "gewisses Unbehagen" löse die zunehmende Rücksichtslosigkeit vor allem der Autofahrer bei den Rettungskräften aus, sagte Brandamtsrat Christian Seitz, der sich als Sachgebietsleiter für die Einsatzvorbereitung und die EDV mit seinem Team auch noch um die Kommunikation und die Medienarbeit kümmert. Er hat diese Testfahrt durch die Innenstadt organisiert und weiß genau, wo die kritischen Stellen für die Einsatzfahrzeuge sind.

Die "Testfahrt" geht darum zunächst von der Feuerwache an der Äußeren Brucker Straße zur Inneren Brucker Straße, wo der Löschzug am vergangenen Montag stecken geblieben war. Dieses Mal ist es dort zwar wieder eng, aber es geht überraschend zügig hindurch.

Der Chef des Sachbereichs Verkehr bei der Erlanger Polizei, Günther Neubauer, der diese Fahrt durch die Innenstadt begleitet, präsentiert dabei beeindruckende Zahlen. Von Anfang des Jahres bis diese Woche seien allein in der Inneren Brucker Straße 1856 Fahrzeuge wegen Falschparkens vorgemerkt worden, 1307 habe die Kommunale Verkehrsüberwachung (KVÜ), die in der Innenstadt für die Parkraumüberwachung zuständig ist, schließlich verwarnt.

Die Verkehrsüberwacher würden einen "hervorragenden Job" machen, lobt Neubauer die KVÜ. Trotzdem behindern Falschparker immer wieder eine freie Durchfahrt für die Erlanger Retter. Dass das nicht nur Autofahrer sind, zeigt sich schnell: An der Ecke Südliche Stadtmauerstraße / Holzgartenstraße ist ein Fahrrad so ungünstig an ein Verkehrsschild angeschlossen, dass die Drehleiter kaum um die Ecke kommt.

Selbst nachdem Günther Neubauer das Zweirad etwas gedreht hat, muss der erfahrene Drehleiterfahrer Heiner Herzog all sein Können aufbieten, um es in die Holzgartenstraße zu schaffen. "Das hier ist doch harmlos", grinst er.

Aber wenn eine solche Situation bei einem echten Einsatz auftrete, wo es um Menschenleben gehe, man schwere Einsatzkleidung trage und unter Stress sei, sei das schon nicht mehr so einfach.

Wenige Meter weiter will Herzog seine Drehleiter aufbauen, aber das ist kaum möglich. Die verbleibende Fahrbahnbreite ist einfach zu gering, um die hydraulischen Stützen ganz auszufahren. Zudem steht ein Fahrzeug verkehrswidrig und wird auch gleich von der Polizei verwarnt. Die Fahrt zurück über die Obere Karlstraße wird dann eine echte Herausforderung. Die Drehleiter schafft das nur, weil die Spiegel eingeklappt werden, und Christian Seitz seinen Fahrer durch Handzeichen einweist. "Im Ernstfall", sagt er, "haben wir diese Zeit nicht, da kommt es auf jede Sekunde an".

Eigentlich, erläutert Günther Neubauer, dürfen in der Oberen Karlstraße die Autos beidseitig Parken. Jedoch muss eine Durchfahrtsbreite von 3,50 Meter vorhanden sein. Er misst nach und ist selbst erstaunt: Es sind nur 2,60 Meter, durch die Heiner Herzog die Drehleiter mit viel Geschick und eingeklappten Spiegeln bugsiert hat.

Dann steht ein Paketwagen im Weg, dessen Fahrer seelenruhig seine Pakete wegträgt. Als er Drehleiter und Rettungswagen kommen sieht, dreht er schnell ab und verschwindet in einem Geschäft. Erst nach Minuten ist die Straße wieder frei. "Für den Autofahrer ist das subjektiv eine kurze Zeit, die er dort verkehrswidrig steht, für uns aber zählt jede Sekunde", sagt Christian Seitz.

Das bestätigen auch der Rettungsdienstleiter des BRK, Thomas Heideloff, und sein Notfallsanitäter Benny Landes, der den Rettungswagen (RTW) fährt. Er sollte nun eigentlich zügig in die Untere Karlstraße einfahren. Doch selbst mit diesem relativ schmalen Fahrzeug ist das nicht möglich. Fahrräder versperren den Weg. Heideloff, Neubauer und Seitz räumen gemeinsam die Drahtesel auf die Seite, bis es der RTW schafft.

Doch für die Drehleiter ist es immer noch zu schmal. Das erkennt auch Harald Einwag, der im Amt für Stadtentwicklung und Stadtplanung für den Straßenverkehr zuständig ist. Dabei war diese Ecke erst nach der Testfahrt im Oktober 2018 umgebaut worden, um den Rettern freie Fahrt zu ermöglichen. Einwag wird sich nun überlegen, wie man das Fahrradgewirr dort in den Griff bekommt.

Schließlich geht es bei dieser Testfahrt genau darum, solche Probleme zu erkennen und sie zu lösen. Nach der vor einem Jahr durchgeführten Testfahrt habe es bereits erhebliche Verbesserungen gegeben, bestätigt Christian Seitz. Auch wenn man natürlich uneinsichtige Autofahrer, die bei dieser Testfahrt einmal wieder die freie Fahrt durch die Schiffstraße versperren, weil sie in der zweiten Reihe parken, und dann auch noch das Diskutieren mit Polizei und Feuerwehr anfangen, wohl niemals in den Griff bekommen wird.

"Fehlverhalten der Menschen kann Menschenleben kosten", macht Thomas Heideloff deutlich. Er und auch Christian Seitz fordern darum die Bürger auf, mehr Problembewusstsein beim Autofahren und Parken zu entwickeln. Günther Neubauer meint, die Verkehrsteilnehmer sollten einfach mehr Mitdenken.

"Es hat schon seinen Grund, wenn an einer Straße ein Halteverbot steht", sagt er. Das zu missachten sei zwar nur eine Ordnungswidrigkeit, jedoch müsse man sich mal überlegen was man anrichte, wenn man einem Rettungsfahrzeug oder der Feuerwehr die freie Fahrt zu einem Einsatz verwehre. Und Christian Seitz mahnt dann noch: "Jeder sollte sich mal überlegen, wie es ihm wohl gehen würde, wenn die gerufenen Retter zu spät zu ihm kämen".

KLAUS-DIETER SCHREITER

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