Erlangen: Immer mehr Kinder leiden unter Schlafmangel

8.10.2015, 12:00 Uhr
Sich die Nächte am Tablet oder Handy um die Ohren zu schlagen, bleibt nicht ohne Folgen.

© Foto: colourbox.de Sich die Nächte am Tablet oder Handy um die Ohren zu schlagen, bleibt nicht ohne Folgen.

Im Vorfeld der Tagung zum Thema „Inklusion in Schule und Kindergarten“, die morgen und am Samstag in Erlangen stattfindet, haben wir mit dem Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums gesprochen. Er hält dort einen Vortrag mit dem Titel „Welche Schule braucht unser Hirn?“.

Chronischer Schlafmangel, sagt Prof. Gunther Moll, sei die häufigste psychiatrische Störung geworden. Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen, die in der Fachklinik behandelt werden, leiden darunter. Lediglich jedes zehnte Kind habe genügend Schlaf, 80 Prozent holen den Schlaf an den Wochenenden und in den Ferien nach.

Der Schlafmangel kommt nicht von ungefähr. Oftmals resultiert er aus einer Computerspiel-Abhängigkeit. „In der Spielwelt finden die Jugendlichen eine positive Anerkennung“, sagt Moll. Besonders attraktiv sind für Jugendliche vernetzte Computerspiele – und gleichzeitig besonders fatal. Denn da die Spieler vom Schreibtisch beziehungsweise Computer aus miteinander kommunizieren, gibt es für sie überhaupt keinen Grund mehr, das Zimmer zu verlassen. Und anders als beim Fernsehen gibt es keinen Sendeschluss.

Was das Ganze mit Schule zu tun hat? Es ist Ausdruck eines Phänomens, das unter dem Begriff „Schulvermeidung“ firmiert. Dieser Begriff unterscheidet sich vom „Schulschwänzen“. „Die Schulschwänzer, die vormittags in der Fußgängerzone unterwegs sind, lernen wir nicht kennen“, sagt Moll. Viele Patienten der Kinder- und Jugendpsychiatrie dagegen sind „Schulvermeider“. Sie haben Probleme mit der Schule. Oft schlägt sich dies in körperlichen Beschwerden nieder, oft sind sie deswegen schon lange in ärztlicher Behandlung, bis erkannt wird, dass etwas anderes dahinter steckt. Manche ziehen sich in sich zurück, andere sind nach außen hin trotzig oder aggressiv.

„Das Hauptsymptom ist Angst“, sagt Moll. Diese Angst begleite die Kinder und Jugendlichen ständig. Die Gründe für die Angst seien unterschiedlich. Überwiegend bei kleineren Kindern handle es sich mitunter um Trennungsangst – die Angst, dass beispielsweise der Mutter in Abwesenheit des Kindes etwas zustößt. Bei den älteren Kindern würden die Mitschüler, die Lehrer oder auch der Schulstoff Angst auslösen. Wobei den Mitschülern besonderes Gewicht zukommt: Die Angst vor der Bewertung durch andere sei sogar ausgeprägter als die Angst vor schlechten Noten.

„Von den Kindern und Jugendlichen, die wir hier sehen, hat bestimmt die Hälfte Probleme im schulischen Bereich“, sagt Molls Stellvertreter Oliver Kratz. Und die Zahl derer, die mit solchen Problemen kommen, steige langsam, aber stetig an. „Das von uns erwartete Plateau ist nicht eingetreten.“

Die Klinik verzeichnet eine Zunahme der Anfragen, die Wartezeit für einen Erstkontakt kann schon mal drei Monate betragen, denn die Ressourcen der Klinik, so Kratz, seien nicht ausgeweitet worden. Es gibt nach wie vor 32 Stationsplätze und 26 Plätze in der Tagesklinik. Qualitativ seien die Anfragen komplexer geworden, die Kinder im Schnitt kränker. Sie sind zwischen sechs und 19 Jahre alt und kommen aus allen Schularten. Dabei, so der leitende Oberarzt, gebe es einen „nicht ganz kleinen Anteil von Kindern, die in den Berufsschulen ins Stolpern geraten“.

„Ich bin todunglücklich darüber, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrie immer mehr zu einer Reparaturwerkstatt wird“, sagt Prof. Moll. Mit seinem Plädoyer für eine veränderte Schule ist er in den lokalen Wahlkampf gezogen, sitzt nun für die Freien Wähler im Stadtrat. „Die Lösungen sind einfach, das ist das Verrückte“, sagt er auch heute noch. „Warum verändern wir nicht die Schule und vermindern die Inanspruchnahme der Psychiatrie?“

Es sei ein Völkerrecht, dass alle Kinder gemeinsam in die Schule gehen, verweist er auf die UNO-Kinderrechtskonvention. Nach der Grundschulzeit, in der Kinder in einer Schule seien – mit jeweils zwei Lehrern pro Klasse — , müsse der Staat eine Vielzahl von weiterführenden Schulen vorhalten. Die Selektion dürfe nicht nach dem Geldbeutel der Eltern, sondern müsse nach den Begabungen vorgenommen werden — „eine Differenzierung nach den Begabungen in die Vielfalt hinein“.

Die „ideale Schule für das Gehirn“ wiederum – gemäß dem Titel seines Vortrags bei der Inklusionsveranstaltung – sei eine Schule, die nach dem Belohnungssystem vorgeht. „Das heißt, es bringt nichts, wenn Schüler im Unterricht sitzen und nur zuhören. Jedes Kind muss selbst auf die Lösung kommen“, sagt der Psychiater.

Probleme schon in Kindergärten

Qualitativ anspruchsvoll müsse Schule sein. Von diesem Ziel ist sie in Molls Augen noch weit entfernt. Mehr noch: Die Probleme beginnen bereits vor dem Schulalter. In der Erlanger Kinder- und Jugendpsychiatrie wird nicht nur die Warteliste für Schüler länger.

Es kommen auch immer mehr Anfragen von Kindergärten. Hier gibt es zunehmend mehr Kinder, die durch aggressives Verhalten auffallen. Zweifellos, so Kratz, bestehe inzwischen psychiatrischer Handlungsbedarf bei Kindergartenkindern. „Aber wir sind zahlenmäßig schon mit den Schulkindern mehr als ausgelastet.“

Eine Wachstumsperspektive gibt es aber doch. Prof. Moll hat beim Hochschulplanungsausschuss einen Antrag auf acht zusätzliche Betten für Menschen mit Traumafolgestörungen eingereicht – nicht zuletzt in Anbetracht des Zustroms von Flüchtlingen. „Aber auch ohne Flüchtlinge muss man in diesem Bereich dringendst sehr viel mehr tun“, betont er.

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