Erlangen: "Sehnsuchtsort" im Botanischen Garten

28.6.2016, 15:00 Uhr
„Lost in sphere“ von Kerstin Himmler: Rehlein in Pink und mit Gasmasken locken ins Unterholz.

© Harald Sippel „Lost in sphere“ von Kerstin Himmler: Rehlein in Pink und mit Gasmasken locken ins Unterholz.

Irritationen im „Pflanzen-System“. Dort, im östlichen Teil des Botanischen Gartens, wandert der entspannte Blick über die Beete und anschließend hindurch zwischen Blumen und Sträuchern. Plötzlich taucht schemenhaft eine Wand im Grün auf. Einen Schritt weiter sind an unpassender Stelle auf einmal Teile des Geästs eines Baums zu sehen. Visuelle Irritationen, die die Arbeit „hortus conclusus“ von Stefan Bressel verursacht.

Der Erlanger, der seit geraumer Zeit zwischen Frankfurt und Palermo pendelt, hat Spiegelobjekte in diesem Bereich des Gartens verteilt. Er spielt dabei mit den Prinzipien der Tarnung. Verwendet für seine Spiegel Formen, wie sie bei den Tarnmustern von Uniformen zu sehen sind. Doch hier verschmelzen nicht nur die Objekte miteinander, sondern es werden regelmäßig – je nach Blickwinkel des Betrachters – Kontraste erzeugt.

Das Verwirren des Besuchers ist durchaus erwünscht. Die von Martina Sutter-Kress kuratierte Ausstellung „Sehnsuchtsort“ spielt mit der Besonderheit einer Idylle mitten in der Stadt. Denn was scheinbar so natürlich gewachsen ist und Flaneure einlädt, wird ja eigentlich als „Demonstrations- und Arbeitsmaterial“ der Friedrich-Alexander-Universität verwendet und ist zudem „Lehrobjekt für Studenten und Schüler“. Da wird es Zeit, dieses so selbstverständlich gewordene Idyll wieder einmal in einen Ort des Sehens, Staunens und der Überraschungen zu verwandeln.

Dies geschieht etwa mit der Arbeit „Lost in the sphere“ von Kerstin Himmler. Mit schrillem Pink lockt sie mit zwei Rehlein ins Unterholz. Doch was aus der Entfernung niedlich wirkt, entpuppt sich als kleine Horror-Show. Die beiden Kunststoff-Bambis tragen ABC-Masken, die herunterhängenden Schläuche stellen den Kontakt zu Fliegenpilzen her.

Die aus den Fugen geratene Welt versucht „World Flag“ von Monika Goetz zu retten. Da die Fahne leider meist auf Grund des fehlenden Windes nicht weht, sondern schlaff am Mast hängt, sei aufgeklärt: Die Künstlerin „löst virtuell die Ländergrenzen auf, indem die Flaggen aller 196 offiziell anerkannter Staaten übereinander kopiert wurden und nur eine einzige zart bunt changierende poetische Fahne übrig bleibt“. Eine schöne Utopie der Gemeinsamkeit, der leider in Erlangen meist die Natur einen Strich durch die Rechnung macht.

„In Sammet und Seide“ hüllt Barbara Engelhard den Pavillon. Ein bunter Kontrast zum dunklen Farn- und Schattenstauden-Bereich. Vom Zweck des Gießens befreit Andreas Rohrbach das Wasser in „Emanationen“. Filigrane Stangen durchbohren massive Steine und sorgen für Wassernebel, der je nach Sonneneinstrahlung in Farbspiele getaucht ist. In einem versteckten Eck beschäftigt sich die Erlangerin Annette Voigt mit den „Großen Helden der Arbeit“, die Spuren hinterlassen haben: Werkzeuge, die aus dem Reich der Fantasie hierhergebeamt wurden.

Mit „Vernetzungen“ beschäftigt sich groß und auffällig die textile Großstruktur aus der Serie „networks“ von Irene Anton.

Sie lockt zwischen Kinderklinik und Virologie die Passanten in die Ausstellung, öffnet die Augen für „Sehnsuchtsorte“ – und vernetzt den Botanischen Garten mit der Bildenden Kunst. Also auf zu dieser lohnenden Entdeckungstour.

Der Botanische Garten ist täglich von 8 bis 17.30 Uhr geöffnet.

www.botanischer-garten.uni-erlangen.de

www.sutterkressprojekte.de

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