Montag, 23.11.2020

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Erlangen und Höchstadt: Zustimmung für Corona-SOS aus Fürth

Krankenhäuser fordern ebenfalls schnelles Handeln von Minister Spahn - 17.11.2020 11:00 Uhr

Im Erlanger Universitätsklinikum ist die Corona-Lage angespannt. Derzeit behandelt das Haus insgesamt 47 Covid-19-Patienten.

16.11.2020 © Harald Sippel


Die Covid-Patienten werden mehr, die Lage spitzt sich zu – das spüren auch die Kliniken in Erlangen und Umgebung. Noch ist das Limit zwar nicht überall erreicht, doch dem SOS-Ruf der Fürther Kollegen an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stimmen in einer Umfrage dieses Medienhauses die hiesigen Krankenhäuser mehr oder weniger offen zu.

Die Idee ist einfach und effektiv: In einem, auch über verschiedene Social Media-Kanäle, verschickten Brandbrief fordert Manfred Wagner, Krisenstabsleiter und Pandemiebeauftragter des Klinikums Fürth, Gesundheitsminister Spahn zum sofortigen Handeln der Bundesregierung auf. Sollten wichtige Entscheidungen weiter auf sich warten lassen, stünde der Kollaps der Gesundheitsversorgung bevor, und das nicht nur in der Kleeblattstadt.

So müssten jetzt aufschiebbare Eingriffe abgesagt und Personal umgeschichtet werden, erläutert Wagner und appelliert an den Berliner Ressortchef: "Verfügen Sie, den Regelbetrieb in den Kliniken zu reduzieren und sichern Sie die Krankenhäuser dafür finanziell ab."

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Vom Ambulatorium zur Hightech-Medizin: 200 Jahre Uniklinik Erlangen

Das Krankenhaus mit heute über 7400 Mitarbeitern, Hightech-Medizin und jährlich mehr als 500.000 ambulanten und stationären Patienten feiert in diesen Tagen 200. Geburtstag. Gegründet wurde ein so genanntes Clinicum Chirurgicum in der Wasserturmstraße 14 — mit gerade einmal acht Betten.


Sonst drohten die Pflegenden, Ärzte und andere Berufsgruppen in den Kliniken unter dieser Last zusammenzubrechen. Der Brief stößt auf riesige Resonanz und wurde innerhalb von nur wenigen Tagen im Netz geteilt und gelikt, was das Zeug hält.

Auch der Geschäftsführer des Malteser Waldkrankenhauses St. Marien, Carsten Haeckel, kennt den Inhalt — und geht mit ihm konform. "Wir unterstützen die Initiative des Fürther Kollegen absolut und uneingeschränkt."

Es sei höchst dringlich, dass in der Angelegenheit eine Regelung gefunden werde, betont er. "Ehrlich gesagt, hätte man die auch schon in den vergangenen Wochen und Monaten finden können, weil man ja auch schon seit März von einer zweiten Welle spricht, das kommt alles andere als überraschend."

Der jetzige Zustand sei "extrem unangenehm": "Als beim vergangenen Mal die Vergütungsregelung definiert wurde, waren wir längst nicht in einer Situation wie jetzt, nun sind wir sogar einen Tick darüber, und trotzdem gibt es noch keine Bestimmungen." Die Kliniken seien jetzt mitten in der Corona-Welle und es sei völlig unklar, wie die Finanzierung laufe: "Das ist schon enttäuschend".

Tatsächlich hatten Bundestag und Bundesrat im März das so genannte Covid-19-Krankenhausentlastungsgesetz mit beschränkter Laufzeit auf den Weg gebracht.

Bonus für jedes freigehaltene Bett

Die Regelung sah vor, dass ein Krankenhaus für jedes neu zur Verfügung gestellte Intensivbett einen Bonus von 50 000 Euro und für jedes freigehaltene Bett durch Verschiebung planbarer Operationen 560 Euro pro Tag erhielt. Auch wenn Spahn nun erneut eine Entlastung der Kliniken in Aussicht stellt — Konkretes gibt es bisher dazu nichts.

Planbare Eingriffe verschoben

Für das Waldkrankenhaus bedeutet das allein in diesen Tagen nach Schätzungen des Geschäftsführers Haeckel einen Ausfall von ein bis zwei Millionen Euro. Denn seit Montag vergangener Woche werden bereits planbare Eingriffe verschoben, und noch ist kein Ende in Sicht.

Schon in der vergangenen Woche hatte die Einrichtung wegen der Corona-Pandemie rund 20 planbare Eingriffe abgesagt.

Infizierte und unter Quarantäne stehende Mitarbeiter führten zu einem Personalengpass, der diesen Schritt nötig gemacht hatte und immer noch macht. "Auch jetzt werden wir wieder eine ähnliche Zahl an aufschiebbaren Eingriffen absagen", so Haeckel. So werde der Klinikbetrieb in dieser und voraussichtlich der nächsten Woche (KW 47 und 48) eingeschränkt bleiben.

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Noch immer fehlen rund fünf auf das Corona-Virus positiv getestete und etwa 25 in Quarantäne befindliche Beschäftigte. "Die ersten kommen langsam wieder in die Arbeit zurück", sagt Haeckel, "aber es dauert eben und betrifft schließlich eine größere Anzahl an Mitarbeitern." Zumal noch weiteres Personal wegen anderer Krankheiten ausfällt.

Die Arbeit und Auslastung indes steigt zunehmend an: Derzeit behandelt die Klinik 20 bis 25 Covid-Patienten, die sich auf Isolierstationen befinden, ein Patient liegt auf einer Intensivstation (Stand: Montag, 16. November).

Am Erlanger Universitätsklinikum kennt man das Problem, das der Mediziner Manfred Wagner kritisiert, ebenfalls nur zu gut. "Die vom Klinikum Fürth beschriebene Situation trifft auf alle Krankenhäuser zu und damit natürlich auch auf das Uni-Klinikum Erlangen", erläutert Sprecher Johannes Eissing.

Uniklinik: "Stumböen fegen durch das Haus"

Die Lage sei jedenfalls angespannt. "Wir können nicht mehr von der Ruhe vor dem Sturm sprechen, da bereits erste Sturmböen durch das Haus fegen", sagt er. Ebenfalls am Stichtag 16. November hat die Uni-Klinik mit 47 Covid-19-Patienten, davon 14 auf der Intensivstation, den bislang höchsten Stand an Covid-19-Patienten, und die OP-Kapazitäten bereits um rund ein Fünftel reduziert.

Maximal zehn Intensivbetten in Höchstadt

Das Kreiskrankenhaus St. Anna in Höchstadt hat mit fünf Patienten auf einer extra Covid-Isolierstation und drei Nicht-Covid-Patienten in einem abgegrenzten Bereich seine Grenzen erreicht. Regulär hat das Haus sechs Intensivbetten, die "auf Bitte von Herrn Spahn" im März und April auf zehn erhöht wurden, berichtet der kaufmännische Leiter Thomas Menter. Noch müssten keine Eingriffe verschoben werden, um Betten für Covid-Patienten freizuhalten.

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Was aber ist mit möglichen finanziellen Verlusten durch vorgehaltene Betten? "Dazu darf ich mich nicht äußern", sagt Menter.

De facto sei es aber so, erklärt er dann doch: Wenn die Maßnahmen des Teil-Lockdowns nicht greifen und die Situation eskaliert, gibt es womöglich verordnete Ersatzmaßnahmen wie eben OP-Zurückstellungen. "Dann haben wir wieder Umsatzverluste und hier sollte dann natürlich eine Ausgleichsregelung erfolgen", sagt Menter.

SHARON CHAFFIN

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