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Erlanger Gesundheitsamt in der Kritik: Nun spricht der Leiter

Frank Neumann äußert sich zu Vorwürfen in der Corona-Bekämpfung - 13.11.2020 12:30 Uhr

Das Gesundheitsamt ist im Landratsamt in Erlangen untergebracht.

08.10.2018 © Harald Sippel


Herr Neumann, bei unserem letzten Interview Ende Juni schien die Corona-Lage unter Kontrolle. Hätten Sie gedacht, dass die Lage so schnell umschlägt?

Wir waren auf jeden Fall vorbereitet auf eine Plateau-Bildung durch die Reisetätigkeit. Dass die Zahlen der Infizierten aber innerhalb kürzester Zeit so stufenartig ansteigen, sogar von einem auf den anderen Tag, war doch eher ungewöhnlich für Erlangen und Erlangen-Höchstadt. Das hatten wir nicht einmal im März oder April.

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Sie nennen die Urlaubsrückkehrer. Es hatten ja viele vor Ansteckungen durch Reisen und einer zu schnellen Rückkehr ins öffentliche Leben gewarnt. Sind die drastischen Zahlen jetzt die Rechnung dafür?

Das kann man so nicht ganz sagen. Denn der Anstieg war Mitte Oktober ziemlich rapide. Ob man das auf die Reisen Anfang August zurückführen kann, lässt sich nicht genau sagen. Doch das Plateau vor dem steilen Anstieg kann man schon mit auf die Reisetätigkeit zurückführen.

Woran aber liegt dann der steile Anstieg auch bei uns?

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Für den richtig steilen Anstieg seit Mitte Oktober haben wir keinen speziellen Ort oder Hot Spot, von dem sich das Virus ausgebreitet hat. Wir konnten auch kein Event eruieren, das für die schnelle Verbreitung in Frage kommt.

Die Verbreitung geht eher in die Fläche.

Wir haben eine flächige Ausbreitung.

Das ist aber das Gefährlichere.

Das ist schwerer zu kontrollieren, das ist klar.

Und was machen Sie dann?

Wir bekommen die Indexpersonen, also die nachweislich auf das Coronavirus positiv getesteten Personen, gemeldet. Das geht über ein digitales Fax und nicht wie oft dargelegt über eines, das noch mit Papier funktioniert. Die betreffenden Personen werden dann alle erfasst und isoliert, was einen immensen Aufwand darstellt.

Werden denn alle Kontakte nachverfolgt oder kommen Sie angesichts der Zahlen nicht mehr hinterher?

Der Humanmediziner Frank Neumann ist seit November 2015 Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes Erlangen.

11.11.2020 © Harald Sippel


Prinzipiell haben wir bei uns im Amt eine ganz klare Priorität eingeführt, da wir nicht mehr alles leisten können, was das Gesundheitsamt normalerweise zu leisten hat. Da sind die Indexpersonen natürlich Nummer eins, dann kommen die Kontaktpersonen. Auch das gesamte Corona-Management ist ganz weit oben. Das ganze Stammpersonal des Gesundheitsamtes ist involviert. Alle gemeldeten Indexpersonen konnten bisher isoliert werden.

Ist das alles mit Ihrem vorhandenen Personal und den zusätzlichen Kräften etwa aus der Polizei zu leisten?

Wir haben dankenswerterweise auch die Bundeswehr mit mehreren Personen im Gesundheitsamt und die unkomplizierte Unterstützung der Polizei hilft uns ebenfalls weiter. Wenn die Lage so bleibt, wie sie ist, sind wir mit den Beschäftigten der Stadt, den Contact Tracing Teams, den adHoc-Kräften und unserem Personal gut aufgestellt. Ein Engpass stellt das medizinische Fachpersonal dar. Hier liegt eine wirklich schon sehr lange bestehende extrem hohe Arbeitsdichte und Arbeitsbelastung vor.

Die Gesundheitsämter stehen ja derzeit bundesweit unter Beschuss, sie würden beispielsweise Personen nicht schnell genug oder gar nicht anrufen, heißt es. Wie gehen Sie mit solcher Kritik um?

Wir reagieren darauf. Mit konstruktiver Kritik pflegen wir einen sehr professionellen Umgang. Aber es gibt viele Ungerechtigkeiten, mit denen wir schlechter umgehen können. Da ist es mir wichtig, dass man zur Fachlichkeit in der Diskussion zurückgeht und sich die Bevölkerung mehr an objektiven Fakten orientiert und nicht mit Panik reagiert.

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Was meinen Sie genau?

Es wird ja sehr oft eine Einzelmeinung kommuniziert, bisweilen leider auch von der Presse. Dabei werden dann keine fachlich substanziellen Gründe angeben, warum man so agiert und nicht anders.

Meinen Sie die Kritik, dass jemand nicht angerufen oder benachrichtigt wurde?

Ja, zum Beispiel. Viele Leute meinen auch, weil man eine Kontaktperson kennt, ist man auch zwangsläufig Kontaktperson. Das ist aber nicht richtig. Wir haben kein Schneeballsystem: Um überhaupt Kontaktperson der Kategorie eins zu sein, muss man auch wirklich Kontakt zu einer Indexperson gehabt haben. Es ist immer der Kontakt in Bezug auf eine Indexperson ausschlaggebend. Das wissen viele nicht und führt deshalb oft zu Unsicherheiten. Außerdem brauchen wir belastbare Dokumentationen, also Labormeldungen, damit wir reagieren können.

Sie hatten vor einigen Monaten die mangelnde Anerkennung der Gesundheitsämter genannt. Hat sich das geändert?

Es ist für viele schwierig, einzuschätzen, was wir hier leisten. Am Samstag war eine Ärztin bis Nachts halb zwölf im Amt, mit durchgehender Arbeitsleistung. Am Sonntagfrüh hat mich meine Nachbarin gefragt, ob ich gefeiert hätte, weil ich so schlecht aussehe. Ich habe geantwortet: Nein, ich habe gearbeitet. Viele sagen dann: Was, Du musst am Wochenende arbeiten? Diese Äußerungen kann ich in der aktuellen Lage nicht nachvollziehen.

Was war in der ersten Pandemie-Welle die größte Herausforderung?

Das immense Arbeitsaufkommen und dessen Bewältigung, auch die zum Teil sehr widersprüchlichen Informationen waren zum Teil sehr belastend. Und auch die Reaktionen dem Gesundheitsamt gegenüber.

Sie meinen die Kritik am Amt?

Ja, auch der Ton, wie unsere Mitarbeiter zum Teil am Telefon von den Angerufenen beschimpft und beleidigt worden sind. Das hat sich jetzt aber größtenteils geändert. Bei vielen ist die Kooperationsbereitschaft groß, aber es gibt natürlich auch welche, die eine klassische Gegenhaltung einnehmen.

Wie äußert sich das?

Das sind Menschen, die Testresultate, Isolationsmaßnahmen und das Corona-Management komplett in Frage stellen. Das ist für unsere Mitarbeiter eine extrem mentale Belastung, es ist oft sehr anstrengend, wenn eine solche Reaktion kommt, obwohl man ja das Beste für die Betroffenen will. Viele Mitarbeiter stellen ihr Privatleben in den Hintergrund, um hier ihre Arbeit leisten zu können.

Auf welchen Herbst und Winter müssen wir uns einstellen?

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Die Lage wird sich nicht rapide ändern. Man muss der Situation mit eigenem verantwortungsbewussten Handeln begegnen. Jeder muss sich an die vorgegebenen Maßnahmen halten: Kontaktminimierung auf das Notwendigste und Abstandhalten. Das sind die Schlüssel zum Erfolg.

Was ist mit den anderen Aufgaben? Ihre Mitarbeiter sind ja jetzt alle mit der Pandemie befasst. Aber TBC etwa wird es ja weiter geben.

Ich bedauere schon, dass die klassischen Aufgaben des Gesundheitsamtes zurzeit nicht oder nur reduziert wahrgenommen werden können. Wir haben eine ganz klassische Prioritätenliste von eins, zwei, drei. Eins bleibt die Pandemie-Bekämpfung und der Infektionsschutz. Auch der Trinkwasserschutz ist mit einer höheren Priorität versehen. Andere Sachen, die nicht so wichtig sind, kann man erst machen, wenn alles andere aufgearbeitet ist. Wir mussten jetzt leider auch die Schuleingangsuntersuchung zurückstellen, weil wir die Fachkräfte der Sozialmedizin für die Pandemie brauchen.

 

 

 

INTERVIEW: SHARON CHAFFIN Vita:

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