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Erlanger Kantor erläutert: Was Purim mit Fasching verbindet

Auch beim jüdischen Fest verkleiden sich die Menschen - 21.02.2021 13:30 Uhr

Am Purim Fest verkleiden sich Juden (das Bild stammt aus der Vor-Corona-Zeit), um anders zu denken und anders zu sein.

19.02.2021 © Archiv/imago


Yonatan Amrani erklärt das Purim Fest.

19.02.2021 © Klaus-Dieter Schreiter


Am Donnerstag, den 25. Februar, und am Freitag, 26. Februar, werden wir, wie andere jüdische Gemeinden auf der ganzen Welt, das Purim Fest in der jüdischen Gemeinde in Erlangen feiern. Wir werden uns alle im Geiste der heutigen Zeit über Zoom versammeln, das Buch Esther lesen, das Kostüm des anderen betrachten und uns gegenseitig einen schönen Feiertag wünschen.

Purim wird seit etwa 2500 Jahren von jüdischen Gemeinden gefeiert. Vom fünften Jahrhundert v. Chr. bis zur Gegenwart. Das Buch Esther, das Teil der Bibel ist, erzählt uns die ganze Geschichte. Es gab einen König namens Ahasveros, der das Persische Reich anführte und über 127 Länder regierte, von Indien im Osten bis Kush im heutigen Nordsudan im Westen.

Haman, der hochrangige Minister am königlichen Hof, überredete Ahasveros, alle Juden seines Königreichs auszurotten, weil ein Jude namens Mordechai sich weigerte, sich vor Haman zu verneigen. Haman realisierte jedoch, dass Mordechai mit dem jüdischen Volk verbunden war, dass deren Religion und Lebensweise unterschiedlich waren, und Haman war nicht bereit, dies zu akzeptieren.

Aber wie bei jeder klassischen Hollywood-Geschichte gab es ein Happy End. Königin Esther, die heimliche Nichte Mordechais, überredete den König, das Dekret zu widerrufen.

Juden mussten um ihr Leben kämpfen

Da der Befehl jedoch bereits erteilt worden war, mussten die Juden immer noch um ihr Leben kämpfen. Und seitdem wird Purim unter dem Motto "Umgedreht" gefeiert. Nicht nur, weil das Dekret vom Schlechten zum Guten "umgedreht" wurde, sondern weil die Juden ihre Haltung "umgedreht" haben. Aus einer passiven Bittstellerhaltung dem König gegenüber wurde ein aktives Handeln gegen alle, die ihnen schaden wollten.

Die wichtigsten Bräuche sind:

"Mischloach Manot"- das Verteilen kleiner Geschenke (Süßigkeiten, Lebensmittel, Wein, etc.) in Erinnerung an die Solidarität der Juden untereinander in der damaligen Zeit. Heute ist es auch eine Gelegenheit, die Back- oder Kochkünste unter Beweis zu stellen und ihren Nachbarn, Bekannten oder Familienmitgliedern das Beste von ihren hausgemachten Produkten zu geben.

Außerdem ist es üblich, den Armen Geld zu spenden, "Matanot La’evjonim". Es gibt auch das Gebot, ein Fest zu feiern, eine Feier, bei der mit gutem Essen und Trinken der Feiertag zelebriert wird und das Gebot sich "zu betrinken" verfolgt wird.

Purim ist der einzige Tag, an dem man sich betrinken darf und soll. Man soll sich so weit betrinken, dass man den Unterschied zwischen Gut (Mordechai) und Böse (Haman) nicht mehr erkennt, damit man versteht, dass dieser Dichotomie eine Gemeinsamkeit zu Grunde liegt — ein Mensch.

Gleiche Jahreszeit wie Fasching

Aber der Brauch, der am meisten mit Purim verbunden ist, ist das Verkleiden. Da Purim in der gleichen Jahreszeit wie Fasching gefeiert wird, ist Purim ein weiteres Beispiel für den gegenseitigen Einfluss der christlichen und jüdischen Feiertage.

An Purim (natürlich an normalen Tagen und nicht während Corona) füllen Kinder und Erwachsene in Kostümen die Synagogen, Schulen und Kindergärten. Natürlich gibt es auch Kostümwettbewerbe und Paraden in vielen Städten in Israel. Die berühmtesten und beliebtesten Purimumzüge finden in Cholon und Tel Aviv statt. Auch wenn diese Umzüge nicht so groß und berühmt sind, wie der Rosenmontagsumzug in Köln, so sind die dennoch laut und bunt.

Rolle schränkt oft ein

Man verkleidet sich einmal im Jahr gemäß dem Motto sich "umzudrehen" und um anders sein zu können. Und mehr noch, anders zu denken und sich anders verhalten. Unsere alltägliche Herausforderung uns gemäß unserer Rolle, die wir in Familie, Beruf und sozialem Umfeld haben, zu verhalten ist groß.

Denn diese Rolle schränkt uns oft auch ein. An Purim bekommen wir die Gelegenheit, uns durch Verkleiden von unserer alltäglichen Rolle zu befreien und in eine neue Rolle zu schlüpfen.

Maske mit besonderer Bedeutung

Dieses Jahr kommt der Maske, noch eine ganz andere Bedeutung zu. Aber wenn die FFP2 Maske, die einzige Maske ist, die wir kennen, müssen wir uns dennoch verkleiden und eine andere Rolle einnehmen, um zumindest einen Tag die Rollen tauschen zu können.

In diesen Zeiten zwischen Home-Schooling, Homeoffice und social distancing ist es umso wichtiger, diesen einen Tag lang eine Maske zu tragen, die es uns ermöglicht zu sein, ein bisschen mehr wir selbst zu sein und nicht nur das, was von uns erwartet wird. Hoffentlich können wir 2022 Purim oder Fasching frei und ohne Einschränkungen feiern, wie in jedem anderen normalen Jahr.

Die aktuellen Gottesdienstzeiten finden Sie hier:

www.dekanat-erlangen.de

www.erlangen-evangelisch.de

www.nordbayern.de

Yonatan Amrani, Kantor der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen

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