10°

Sonntag, 20.09.2020

|

Erlanger Kolumne: In der sinnvollen Mitte

Persönliche Gedanken des katholischen Dekans Michael Pflaum zum Wochenende. - 09.08.2020 06:00 Uhr

Mundschutz tragen - auch als Zeichen der Nächstenliebe.


Liebe Leserinnen und Leser! Tugend findet sich für den Philosophen Aristoteles immer in der Mitte zwischen zwei Extremen. Mut zum Beispiel ist die Mitte zwischen Feigheit und Waghalsigkeit. In der jetzigen Zeit der Corona-Pandemie brauchen wir wieder diese gesunde und tugendhafte Mitte. Übertriebene Angst ist für den Einzelnen und die ganze Gesellschaft genauso ungesund wie eine verantwortungslose "Ist mir doch egal"- Haltung. Ganz konkret heißt das zum Beispiel, dass ich mich traue, mit dem Zug zu fahren und dass ich im Zug meinen Mund-Nasen-Schutz aufhabe.

Die Mitte ist nicht nur tugendhaft, sie erfüllt auch die Nächstenliebe. Der Überängstliche kreist nur um die Angst, dass er selber krank werden könnte. Und der Übermütige folgt seinem Wunsch nach Spaß oder seiner Idee von Autonomie. Beide denken damit eigentlich egoistisch. Wenn ich mich aber in Coronazeiten sowohl verantwortungsvoll als auch unverzagt, der jeweiligen Situation passend, verhalte, denke ich nicht nur an mich.

Beide Extreme gefährden unsere Gesellschaft. Man darf nicht tollkühn mit der Virusgefahr umgehen, sonst steigen die Zahlen wie zum Beispiel in Amerika. Aber es gibt auch Menschen, die zu ängstlich sind, sich immer noch zu sehr zurückziehen.

Gegenseitig ermutigen

Dekan Michael Pflaum

© Foto: privat


 Wir dürfen uns gegenseitig zu dieser verantwortungsvollen und unverzagten Haltung auch ermutigen. Als ich vor kurzem im Supermarkt einkaufte, sah ich eine Frau, die ihren Mund-Nasen-Schutz nicht auf hatte. Ich sprach sie an mit den Worten: "Entschuldigen Sie, haben Sie eine Sondergenehmigung?" Die Frau schaute mich verwirrt an: "Was meinen Sie?" "Naja, Sie laufen ohne Mund-Nasen-Schutz im Supermarkt herum!" Die Frau entschuldigte sich sofort und kramte schnell nach ihrem Mund-Nasen-Schutz in ihrer Handtasche und legte ihn an. Also auch hier ist die Mitte am besten: Zwischen Nichts-Sagen und Anblaffen kann man höflich den anderen bitten, seinen Mund-Nasen-Schutz anzuziehen.

Für die sinnvolle Mitte im Handeln muss man auch seinen eigenen Verstand einschalten und kann nicht stur den vorgegebenen Regeln folgen. Zum Beispiel wurden die Corona-Vorgaben für die Gottesdienste gelockert: Man muss den Mund-Nasen-Schutz nun nur dann aufziehen, wenn man sich bewegt. Die Vorgabe von München klärt aber nicht, was man beim Singen machen soll. Chormitglieder müssen in Proben mindestens zwei Meter Abstand halten. Und in der Kirche ist der Abstand 1,5 Meter und wir singen ohne Mund-Nasen-Schutz? Viele Gemeinden bitten deswegen aus kluger Vernunft, beim Singen den Mund-Nase-Schutz aufzuziehen, auch wenn das nicht vorgeschrieben ist.

Gesunde Selbstliebe

Gesunde Selbstliebe und Nächstenliebe ist also besonders in Corona-Zeiten nur mit klugem tugendhaftem Denken und Handeln umsetzbar, das die Extremen vermeidet. Das gilt im Alltag genauso wie in den großen gesellschaftlichen Entscheidungen!

 

Die aktuellen Gottesdienstzeiten finden Sie unter www. dekanat-erlangen.de, unter www. erlangen-evangelisch.de sowie www.nordbayern.de

 

Vergangene Woche schrieb an dieser Stelle der evangelische Dekan Peter Huschke.

Ihr Dekan Michael Pflaum

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Erlangen