Montag, 26.10.2020

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Erlanger Punkband Suicides lärmt weiter

Ein Gespräch mit dem Urgestein und Sänger der Gruppe, Mike Neun - 08.08.2014 10:00 Uhr

„Viele haben ja gedacht, das ganze Ding stirbt irgendwann wieder“, sagt Mike Neun (2. v. l.), Sänger der Punkrock-Band „Die Suicides“. Doch weit gefehlt, es gibt Nachwuchs — und die „Alteingesessenen“ machen weiter.

© Foto: privat


Herr Neun, in der Vergangenheit hieß es oft, Die Suicides seien die erste Punkband Deutschlands gewesen.

Mike Neun: Wer da tatsächlich der Erste war, weiß ich auch nicht. Aber wir waren damals tatsächlich von Beginn an mit dabei. Die Entdeckung des Punk um das legendäre Jahr 1977 herum war in Deutschland, Österreich und der Schweiz überall die selbe, und auch wir haben da im Alter von 13/14/15 im beschaulichen Erlangen begeistert mitgemacht. Los ging alles 1976 in meinem Kinderzimmer, wo wir Radio London gehört haben. 1977 haben wir dann eine Band gegründet. Unser erstes Konzert fand in einem Kindergarten in der Boschstraße statt, dafür haben wir kleine Din-A4-Poster gebastelt und überall in der Stadt aufgehängt. Es war dann auch ziemlich voll, und wir waren ziemlich scheiße (lacht).

Wie kommt man als Erlanger so früh an den Punk beziehungsweise wie der Punk nach Erlangen?

Neun: Wir waren musikinteressiert und fanden die damals angesagte Musik schrecklich. Unsere ersten Einflüsse waren The Sweet und Suzi Quatro. Einzige Informationsquelle war das Magazin „New Music Express“ (NME), für das wir immer zusammengelegt und uns die neueste Ausgabe gemeinsam gekauft haben. Insoweit waren wir schon recht gut informiert, was draußen in der Welt abging. Ein Kumpel hat außerdem bei Radio London mitgeschnitten, wo schon damals die Ramones liefen und gerade die Sex Pistols dazu kamen. Gleichzeitig hieß es im NME: „Jeder kann das jetzt, keiner braucht sich mehr zu schämen wegen seiner Musik!“ Und da sind wir gleich mit draufgesprungen. Wir hatten keinerlei Berührungsängste und keine Vorbehalte, ob wir ausgepfiffen oder verhauen werden.

Was ist fast 40 Jahre später davon übriggeblieben?

Neun: Einmal Punk, immer Punk! Viele haben ja gedacht, das ganze Ding stirbt irgendwann wieder. Wobei Punk ja eh eine Erfindung der Presse war. Eigentlich war das Garagen-Rock und ein bewusster Gegensatz zu Bands wie Genesis oder David Bowie, die unser Feindbild waren. Und eben immer der Ansatz, dass jeder so etwas machen kann. Was davon übrig geblieben ist, sieht man: Es gibt immer noch junge Punkbands, die mehr oder weniger das gleiche machen. So viele Möglichkeiten gibt es ja nicht mit nur zwei oder drei Akkorden.

Stefan Schwarzmann, der ein paar Jahre lang bei den Suicides hinterm Schlagzeug saß, trommelt heute erfolgreich bei der deutschen Heavy Metal-Legende Accept.

Neun: Wir hatten schon früh immer auch Leute bei uns, die keine Punks waren – was für uns ganz gut war. So waren wir immer die bessere Punkband, weil wir ja echte Musiker hatten! Das war manchmal ganz seltsam, aber wir klangen gut und wurden viel gebucht. Der Stefan kam aus dem Metal zu uns, in einer Zeit, als seine Heavy-Bands nicht so gebucht waren. Der wollte schon immer mal so etwas machen und hat versucht, uns beim Metal-Publikum bekannt zu machen, was aber auch nicht geklappt hat. Doch wir waren schon immer ein kommunistischer Verein, bei dem sich jeder einbringen durfte.

Aufgelöst haben Die Suicides sich nie. Veränderungen gab es aber schon.

Neun: Die Gigs sind weniger geworden, man wird älter. Egal. Wir machen das heute ja eh nur noch zum Spaß. Wir sind zwar nie die großen Popstars geworden, aber wir sind relativ bekannt. Die Leute, die uns mögen, kommen immer noch zu unseren Konzerten. Zwischendurch haben wir noch mal eine neue Platte angedacht, so eine Art „From The Vaults“ – weil wir sehr viel Zeug in der Schublade haben, das nie veröffentlicht wurde. Die Sachen sind eigentlich fertig und auch vorbereitet. Mal schau’n.

Verfolgen Sie die junge Punkszene?

Neun: Wenig. Ich kenne die Dead City Rockets, die kürzlich mit uns in Nürnberg aufgetreten sind. Die sind bundesweit ganz gut unterwegs und halten in den noch verbliebenen kleinen Live-Clubs die Fahne hoch.

Ob Fiddler’s Green, J.B.O. oder die Merlons – jahrelang kam fast alles an überregional erfolgreicher „Musik made in Nordbayern“ aus Erlangen.

Neun: Zufall. Aber Fakt ist: Es gab hier wirklich eine Szene. Zwar waren nicht alle Punks, aber der Szene dann doch irgendwie anhänglich. Wolfram Kellner von J.B.O. war mal für ein halbes Jahr Aushilfstrommler bei den Suicides. Oder Peter Müller von Fiddlers Green hat lange bei unserer Reggae-Ablegerkapelle The Toxic Avenger Band gespielt. Diese harte Konkurrenz, die es in vielen Städten gab, gab es in Erlangen irgendwie nie. Man hat sich immer gegenseitig ausgeholfen.

Sie veranstalten auch das „Weekend of Fear“, ein kleines unabhängiges Horrorfilm-Festival, das jeden Mai in Erlangen stattfindet.

Neun: Das haben ein Kumpel und ich aus München übernommen, wo es aber nur zwei Mal stattgefunden hat. Wir wollten das fortführen. Auch hier haben wir den großen Sprung nie geschafft, sind aber etabliert und müssen nicht groß Kompromisse machen.

Neben Punkrock und Horrorfilmen sind Sie auch Vorsitzender vom „Kleeblatt Erlangen“. Warum zieht man einen Greuther Fürth-Fußball-Fanclub in Erlangen auf?

Neun: Na, diese Frage musste jetzt wohl kommen. Ganz einfach: Das ist familiär bedingt. Mein Großvater und mein Vater waren schon immer Kleeblatt-Fan und auch mein Bruder, der vor längerer Zeit auf die Azoren ausgewandert ist. Und ich eben auch. In Erlangen gibt’s ja nix. Ein FC Siemens sollte irgendwann mal gegründet werden, aber dazu kam es nie. Das passt schon so. Das Kleeblatt ist Tradition und nicht so überlaufen.

Interview: STEFAN GNAD

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