Erlanger Umland: "Den 5G-Ausbau zurückstellen"

28.3.2021, 12:30 Uhr
Ob autonomes Fahren, eine noch erheblich stärkere Digitalisierung und Vernetzung bei der industriellen Fertigung oder Smart Home: Mit der neuen 5G-Technologie sollen zahlreiche Innovationen und Verbesserungen möglich sein. Die Auswirkungen der Strahlenbelastung sind freilich umstritten.

Ob autonomes Fahren, eine noch erheblich stärkere Digitalisierung und Vernetzung bei der industriellen Fertigung oder Smart Home: Mit der neuen 5G-Technologie sollen zahlreiche Innovationen und Verbesserungen möglich sein. Die Auswirkungen der Strahlenbelastung sind freilich umstritten. © Lionel Bonaventure/AFP

Die Bürgerinitiativen Mobilfunk Erlangen, "Stopp 5G – Franken" mit Ortsgruppen in Neunkirchen am Brand und Erlangen sowie die "Interessengemeinschaft vom Mobilfunk betroffener Bürger Kleinsendelbach-Steinbach-Schellenberg" haben sich zusammen mit vielen weiteren 5G-Initiativen aus ganz Deutschland in einem offenen Brief des Bündnisses für verantwortungsvollen Mobilfunk in Deutschland unter anderem an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Ministerien in Bund und Land, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und die Strahlenschutzkommission gewandt, um vor den Gefahren des neuen Mobilfunkstandards 5G zu warnen.

Werden Risiken verharmlost?

Die hiesigen Initiativen kritisieren wie ihre Mitstreiter, dass die von der Bundesregierung gestartete Offensive "Deutschland spricht über 5G" die damit verbundenen Risiken verharmlose, beschönige oder ignoriere. Sie beziehen sich auf zahlreiche wissenschaftliche Studien zu Mobilfunk, die auf mögliche gesundheitliche Schädigungen wie unter anderem Krebs, Beeinträchtigungen der Erbsubstanz, Förderung von Demenz, verringerte Fruchtbarkeit, Schlaflosigkeit, Burnout, Kopfschmerzen oder Konzentrationsstörungen verweisen.

Beispielsweise könnten nach Untersuchungen des Schweizer Professors Niels Kuster von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, der weltweit Regierungsbehörden in Sachen Mobilfunk und dessen Anwendungsmöglichkeiten berate, durch die neue 5G-Strahlung im Millimeterwellenbereich zwischen 27 und 60 Gigahertz dauerhafte Gewebeschäden an der Haut entstehen. Die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation (IARC ) stufe die Funkstrahlen schon seit längerem als eventuell krebserregend ein und fordere aufgrund neuer Forschungsergebnisse mit hoher Priorität eine kritische Neubewertung.

Langzeitstudien fehlen

Durch 5G kommt nach Ansicht der Bürgerinitiativen aus Erlangen, Neunkirchen und Kleinsendelbach eine noch deutlich größere Strahlungsdichte und damit –belastung auf die Bevölkerung zu. Ein Problem sei, dass wegen der geplanten lückenlosen Abdeckung wesentlich mehr Sender mit immer kürzeren Wellenlängen und daraus resultierenden geringeren Reichweiten zu installieren sind.

Um beurteilen zu können, wie sich die immer höher werdenden Frequenzen über viele Jahre auf den menschlichen Körper auswirken, müssten erst Langzeitstudien durchgeführt werden. Eine Einschätzung der Folgen der 5G-Technologie sei in Deutschland bis heute nicht vorgenommen worden.

Viele Großstädte sind vorsichtig

Der wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlamentes sehe bereits seit 2020 über die bekannten Effekte durch die Erwärmung menschlichen Gewebes im Nahbereich bei Mobilfunk auch ein erhebliches nichtthermisches Gefährdungspotenzial. Immer mehr Großstädte wie Rom, Florenz, Athen, Lyon oder Brüssel und Länder wie Slowenien wehrten sich daher gegen eine voreilige Einführung von 5G.

Die Mitglieder der Initiativen aus dem Raum Erlangen-Neunkirchen treten dafür ein, dass unabhängig von wirtschaftlichen Interessen erst die Effekte der 5G-Strahlung genau eruiert und bis dahin der Ausbau zurückgestellt werden sollte. Wichtig sei es außerdem, in den Bauordnungen ausreichende Abstände zu Sendeanlagen festzuschreiben. Generell solle das Glasfasernetz rasch erweitert werden, um alle Haushalte, Unternehmen, Schulen und öffentliche Einrichtungen daran anschließen zu können, statt den Schwerpunkt auf den Mobilfunk zu setzen.

Das Bundesamt für Strahlenschutz stellt heraus, dass die Erkenntnisse von Studien über die Wirkungen der elektromagnetischen Felder beim Mobilfunk zu einem großen Teil auf 5G übertragen werden können, wonach unterhalb der bestehenden Grenzwerte keine Gefahr für die Gesundheit zu erwarten sei. Für die höheren Frequenzbänder, die bei 5G mitverwendet werden, bestehe jedoch Forschungsbedarf.

Die Einführung von 5G läuft auch in unserem Raum bereits auf Hochtouren.

Bei 5G kämen vor allem sogenannte Kleinzellen zum Einsatz. Diese haben eine geringere Sendeleistung und Reichweite, werden damit aber in Zukunft immer näher und oft in Augenhöhe an Orten betrieben, wo sich Menschen aufhalten. Noch sei nicht abzuschätzen, welche Folgen dies haben könnte.

Insgesamt plädiert das BfS für einen umsichtigen 5G-Ausbau. Bei den jeweiligen Ausbauschritten sei dabei zu ermitteln, inwieweit die Menschen einer höheren Strahlungsmenge ausgesetzt werden. Das Amt will zudem die Einflüsse der neuen Frequenzbereiche intensiv untersuchen.

Durch die Corona-Pandemie sind die Möglichkeiten der Bürgerinitiativen aus Erlangen, Neunkirchen und Kleinsendelbach derzeit eingeschränkt. Wenn sich die Lage gebessert hat, planen sie dann wieder verstärkt Informationsveranstaltungen auch mit weiteren Vorträgen von Fachleuten.

7 Kommentare