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Dienstag, 14.07.2020

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Feine Geigenbögen aus Bubenreuth

Sebastian Dirr hat die Fertigung des wichtigen Bestandteils der Streichinstrumente zur Kunst erhoben. - 06.06.2020 18:00 Uhr

Immer wieder prüfen: Beim Bau der Geigenbögen muss jedes Detail exakt passen und auf die übrigen Einzelteile abgestimmt werden. Doch Sebastian Dirr weiß genau, wo er noch Hand anlegen muss. © Heinz Reiß


Die heutigen Enkel der aus dem Erzgebirge geflüchteten Handwerker können die Erfahrung von vielen Generationen weitergeben. In der Binsenstraße 5 von Bubenreuth brennt Bogenmachermeister Sebastian Dirr, ein Meister seines Faches, als Qualitätsmerkmal und Herkunftshinweis seinen Namen in die von ihm gefertigten Erzeugnisse.

Dirr erlernte den Beruf des Bogenmachers von 1988 bis 1990 in der Werkstatt von Roderich Paesold in Bubenreuth und arbeitete dort noch weitere sieben Jahre. Bereits 1993 legte er vor der Nürnberger Handwerkskammer seine Meisterprüfung ab.

Im Jahre 1997 wechselte Dirr zur Werkstatt Richard Grünke in Langensendelbach. 2001 fasste er den Entschluss, selbstständig zu arbeiten. Und so entstehen seitdem in dem Geigenbauerort exquisite und vorzügliche Meisterbogen. Bei einigen internationalen Wettbewerben wurden seine eingereichten Bögen mit Medaillen ausgezeichnet.

Seine fundierte Bogenbau-Ausbildung, seine Liebe zum Detail und zum Material sowie sein meisterliches Können werden zudem eindrucksvoll belegt durch besondere berufliche Auszeichnungen, die der Kunsthandwerker regelmäßig für seine unverwechselbaren Bögen erhält. In zahlreichen Büchern kann man seine Arbeiten bewundern. 

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In der Werkstatt von Geigenbauer Gerhard Klier in Neukirchen am Brand

In der Werkstatt von Geigenbauer Gerhard Klier in Neukirchen am Brand.


Seine Bekanntheit wird auch in einigen Fernseh- und Rundfunkauftritten zum Ausdruck gebracht. Sebastian Dirr zählt namhafte Künstler zu seinen Kunden. Da sich die Käufer seiner Bögen in aller Welt befinden, bietet er zusammen mit seinem Sohn Julian, der sich in Frankfurt am Main als Bogenbauer selbstständig machte, einen Service für seine Bögen in Asien und den USA an.

Kommt man in Sebastian Dirrs Werkstatt auf das Thema Bogenbau zu sprechen, spürt man seine Liebe zu seinem Beruf. "Die schönsten Töne, die beim Spielen von Geige, Bratsche, Cello oder Bass entlockt werden und die Zuhörer bezaubern, hängen zum großen Teil von der Qualität des Bogens ab", hebt er hervor.

Es bereitet ihm auch eine außerordentliche Freude, individuelle Wünsche zu erfüllen. So etwa spezielle Formen für Barockinstrumente oder das in Asien gespielte Instrument "Sor U". Solche eher unüblichen Arbeiten fanden 2014 ihren Höhepunkt auf einer Ausstellung für Kalligraphie, zu der er als Künstler eingeladen wurde.

Das zu einem Streichbogen benötigte Material stammt vorwiegend aus Ländern in Übersee. Für bessere Bogenstangen wird traditionell ausschließlich Fernambukholz (Caesalpina echinata) aus Brasilien verwendet. Allerdings steht das Fernambukholz seit Jahren unter Artenschutz, weil es durch die starke Rodung des brasilianischen Regenwaldes vom Aussterben bedroht ist. Das führt dazu, dass der Baum nur noch in Ausnahmefällen gefällt werden darf. Das bringt Bogenbauer in aller Welt in Bedrängnis, die Holzvorräte schwinden dahin. Die Bogenbauer schlossen sich deshalb zu einer Initiative zusammen, die sich um die Erhaltung des Fernambukbaumes bemüht, indem neue Bäume angepflanzt werden. Für einfachere Schülerbogen benutzt man Massarandubaholz, das ebenfalls aus Brasilien stammt und deshalb auch Brasilholz genannt wird.

 

Einlagen aus Perlmutt

 

Für die sogenannten Frösche, in welche die Bespannung eingefügt wird, verwendet man meistens Ebenholz aus Westafrika, Madagaskar oder Indien. Gerade bei den Materialien ist Dirr sehr individuell ausgerichtet. Neben Perlmutteinlagen verwendet er auch Bernstein, gefärbtes Epoxydharz, um zum Beispiel Malereien von Mondrian nachzuahmen, oder etwa zertifiziertes Elfenbein. Den Erlös eines solch bestückten Bogens, den er in Zusammenarbeit mit seinem Sohn gebaut hat, spendeten diese einer Aufzuchtstation für Babyelefanten in Afrika.

Um die Stange vor dem Abnutzen durch die Hand zu schützen und zugleich den notwendigen Griff für die Finger zu schaffen, wird diese im unteren Bereich bewickelt. Die Umwicklung besteht entweder aus Silberdraht oder Gespinst (ein mit Silber oder Gold umsponnener Seidenfaden) oder Fischbein und Daumenleder.

Da all diese unterschiedlichen Bewicklungen ein anderes Gewicht aufweisen, kann der Bogenbauer den Schwerpunkt des Bogens jeweils unterschiedlich für den Musiker gestalten. Dafür eignet sich besonders die von Dirr nach historischen Vorbildern entwickelte Bogenwickelapparatur.

Die Bespannung des Bogens besteht aus Rosshaaren. Es ist bekannt, dass die Steppenpferde Innerasiens speziell aus der Mongolei die beste Qualität liefern. Es werden aber auch Haare aus Kanada benutzt. Die Bogenmacherei war bis Anfang dieses Jahrhunderts reine Handarbeit. Durch die Entwicklung der Technik wurde auch in diesem Handwerk die Maschine zu Vorarbeiten herangezogen. Sie kann aber nicht alle Arbeiten übernehmen. Solange ein guter Bogen aus Holz gemacht wird, muss bei den wichtigsten Arbeitsvorgängen auf die Maschine verzichtet werden, weil das Holz ein ungleichmäßig gewachsenes Naturprodukt ist und jede Stange anders bearbeitet sein will. Die abgelagerten Stangen werden mit einem Hobel, Feilen, Ziehklingen und Sandpapier perfekt ausgearbeitet.

Es folgt das Biegen der Stange über einer Spiritusflamme oder einer anderen geeigneten Wärmequelle frei in der Hand. Die Stange muss dabei ausreichend erwärmt werden, damit die Biegung eine größtmögliche Dauerhaftigkeit erhält.

Auf sein Berufsbild und seine Berufserfahrung angesprochen, lächelt Sebastian Dirr kurz und erläutert: "Es gibt nicht allzu viele Bogenmacher, besonders nicht in den Großstädten. Daraus erklärt sich die Unkenntnis vieler Geiger darüber, dass Bogenmacher und Geigenbauer zwei verschiedene Handwerksarten sind."

In seiner Werkstatt in Bubenreuth kann man sehr schön beobachten, wie im Zusammenspiel von Geigenbau, Bogenbau und Stegmacherei gemeinsam die bestmöglichen Klangeigenschaften eines Instruments herausgearbeitet werden können.

"Ich hoffe, dass ich meinen Beruf noch lange ausüben kann, um den Musikern weiterhin die qualitativ hochwertigen Bögen zur Verfügung stellen zu können, die sie zur Ausübung ihrer Kunst benötigen", so Dirr. Gern verweist er auf ein Zitat von Giovanni Battista Viotti: "Die Geige — das ist eigentlich der Bogen."

HEINZ REISS

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