Professor setzt auf Durchimpfungsquote

Fränkischer Corona-Experte: "Selektiver Lockdown ist kein Vorschlag, der tragfähig ist"

Michi Endres
Michi Endres

Online-Redaktion

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Prof. Dr. Christian Bogdan von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg erklärt:

Prof. Dr. Christian Bogdan von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg erklärt: "Der eine Schlüssel zum Erfolg ist die Impfung." © Franziska Männel/Uni-Klinikum Erlangen/dpa

Befinden wir uns bereits in der vierten Welle oder schlägt diese erst zum Ende der Urlaubssaison auf?

Prof. Bogdan: Ich kann natürlich nicht voraussagen, was in vier bis sechs Wochen sein wird. Was wir im Moment sehen, ist sicherlich einfach dem Umstand geschuldet, dass die Menschen verständlicherweise den erhöhten Freiheitsgrad in Anspruch nehmen und es dementsprechend leicht steigende Inzidenzen gibt. Der weitere Verlauf wird davon abhängen, ob sich die bisher noch ungeschützten Menschen ebenfalls impfen lassen.

Welche Vorbereitungen beziehungsweise Maßnahmen sollten oder müssen getroffen werden, um die vierte Welle zu verhindern oder zumindest abzuschwächen?

Prof. Bogdan: Im Prinzip ist es relativ einfach: Der eine Schlüssel zum Erfolg ist die Impfung. Zum zweiten müssen weiterhin die Hygieneregeln wie Abstandhalten und Tragen von Schutzmasken bei Menschenansammlungen beachtet werden. Wenn ich nicht geimpft bin, ist es möglich, dass ich mich selbst bei Kontakt mit einem Geimpften anstecke. Entsprechend kann man nicht hergehen und alles über Bord werfen und muss weiterhin beherzigen, was in der ganzen Pandemie auch gegolten hat. Jemand, der nicht geimpft ist und sich mit anderen Nicht-Geimpften ohne jegliche Schutzmaßnahmen zusammenfindet, der läuft auf Kurz oder Lang Gefahr, sich zu infizieren.

"Eine nächste Infektionswelle wird sich vor allem unter den Ungeimpften ausbreiten"

Unterstützen Sie somit die folgende Aussage vom SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, der gesagt hat: "Jeder der sich nicht impfen lassen will oder kann, muss leider damit rechnen, im nächsten halben Jahr an Covid zu erkranken"?

Prof. Bogdan: Ungeimpfte haben ohne Zweifel ein höheres Risiko, nach einer SARS-CoV-2-Infektion auch klinisch an COVID-19 zu erkranken. Niemand kann jedoch zum jetzigen Zeitpunkt vorhersagen, wie viele Menschen dies tatsächlich betreffen wird. Das hängt vom Fortgang der Impfkampagne in den nächsten Wochen ab, vom Verhalten der Menschen, von der Veränderung des Virus und natürlich auch davon, bei wie viel Prozent der Menschen die Infektion letztendlich zur Erkrankung führt. Aber wenn man es überspitzt ausdrücken will, dann kann man das so wie Herr Lauterbach formulieren. Eine nächste Infektionswelle wird sich vor allem unter den Ungeimpften ausbreiten.


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Wie sehr schützt eine Impfung vor der Delta-Variante?

Prof. Bogdan: Alle wissenschaftlichen Untersuchungen, die bisher zu dem Thema existieren, zeigen klar, dass jemand, der zweifach geimpft, also vollständig immunisiert ist, vor schwerer Erkrankung, Hospitalisierung und Tod auch gegenüber der Delta-Variante unverändert geschützt ist. Es gibt im Moment keinen Hinweis, dass es im Zuge der momentan zirkulierenden Virusvariante zu einer sogenannten Immunevasion kommt.

Debatte über dritte Impfung - 40 Prozent noch nicht erstgeimpft

Ob und wann müssen die Impfungen aufgefrischt werden, etwa bei Pflegepersonal?

Prof. Bogdan: Am Ende hängt das von zwei Faktoren ab: Das ist einmal die Frage, ob eine neue Virusvariante auftritt, bei welcher gegebenenfalls die bisher eingesetzten Impfstoffe nicht mehr oder nicht mehr ausreichend greifen. In diesem Fall braucht man aber keine Auffrischungsimpfung, sondern muss mit einem neu komponierten Impfstoff rangehen. Die zweite Frage ist, ob und wann es bei vollständig Immunisierten zu einem so starken Nachlassen des Impfschutzes kommt, dass sogenannte Durchbruchsinfektionen und -erkrankungen auftreten. Hierzu laufen derzeit Beobachtungsstudien, um zu sehen, bei welchen Alters- und Berufsgruppen in der Bevölkerung das der Fall ist. Solange es für ein Versagen des Impfschutzes noch keine konkreten Erkenntnisse gibt, ist es sicherlich nicht adäquat zu sagen, ich muss bis zum Zeitpunkt "X" alle Menschen, die grundimmunisiert worden sind, auffrischen. Das wird man wirklich von der Entwicklung der Datenlage abhängig machen müssen. Die STIKO (Ständige Impfkommission) verfolgt diese sehr genau, um rechtzeitig eine Entscheidung treffen und vor allem auch eine fundierte Empfehlung zum weiteren Impfvorgehen abgeben zu können. Im Moment reden alle bereits über eine dritte Impfung, obwohl fast 40 Prozent der Bevölkerung noch nicht mal einmal geimpft sind. Das ist schon auch ein bisschen widersinnig.

Was halten Sie von der Idee, einen Lockdown beziehungsweise Einschränkungen nur für Ungeimpfte durchzusetzen, während Geimpfte und Genesene ihre Freiheitsrechte behalten dürfen?

Prof. Bogdan: Das Ziel muss doch sein, dass wir innerhalb der Gesellschaft die Infektionsketten am besten durch eine ausreichende Durchimpfungsquote unterbrechen. Alle anderen Szenarien sind irgendwelche Planspiele. Ich finde es nicht besonders sinnhaft, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Ein selektiver Lockdown ist kein Vorschlag, der tragfähig ist. Wir müssen jetzt alle Energie daran setzen, dass die Menschen, die aktuell durch Covid-19 wenig beeinträchtigt sind, nicht vergessen, sich impfen zu lassen. Das sind ja keine Impfgegner, sondern zum großen Teil Menschen, die aktuell die Notwendigkeit der Impfung im Zuge von anderen Aufgaben und Tätigkeiten ein wenig aus dem Auge verloren haben und jetzt einfach noch einmal einen Anstoß brauchen, sich rechtzeitig impfen zu lassen und das nicht zu verschlafen. Aber jetzt über Lockdown-Szenarien, die nur Teile der Bevölkerung betreffen sollen, zu debattieren, ist nicht zielführend.

Maßnahmen für Urlauber: Das sagt der Experte

Welche Maßnahmen sollten explizit für Urlauber eingeführt werden? Oder ist hier die Testpflicht, die seit 1. August für Einreisende aus dem Ausland gilt, ausreichend?

Prof. Bogdan: Da gilt ja das gleiche Prinzip: Die Menschen, die ohne Impfung in den Urlaub fahren, haben möglicherweise im Urlaubsgebiet - je nachdem, wie dort die Infektionsinzidenz ist - ein erhöhtes Risiko, sich anzustecken. Dementsprechend ist vollkommen klar und mehr als nachvollziehbar, dass man für ungeimpfte Reiserückkehrer eine Testverordnung - die auch in der Vergangenheit schon existiert hat – zur Anwendung bringt. In Deutschland ist die Inzidenz derzeit niedrig, ausgenommen von einzelnen Hotspots. Entsprechend ist es absolut angemessen, dass jemand, der ohne spezifischen Covid-19-Immunschutz (entweder erworben im Rahmen einer durchgemachter SARS-CoV-2-Infektion oder nach Impfung) in den Urlaub fährt und dann möglicherweise aus einem Hochinzidenz- oder Virusvariantengebiet nach Deutschland zurückkehrt, einer Pflicht zur Absonderung beziehungsweise Testung unterliegt. Mit einem Antigen-Test können zumindest diejenigen herausgefischt werden, die eine hohe Viruslast haben. Mit einem PCR-Test ist sowohl die Sensitivität als auch die Spezifität wesentlich höher.