Gedenken an Opfer der Shoa in Forth

10.11.2014, 17:50 Uhr

© Isabel Krieger

An der 2009 eingeweihten Gedenkstele in der Forther Hauptstraße entzündeten sie Kerzen, die die Namen der im Zuge des Holocaust aus dem Ort vertriebenen und später ermordeten bzw. verschollenen Forther Juden beleuchteten. „Wir gedenken derer, derer keine Kindeskinder gedenken“ steht auf der Stele — das tut auch der Film „Shalom Forth — Albert Kimmelstiels Weg nach Auschwitz“, den der Kreis um die Interessengemeinschaft Jüdische Geschichte Forth nach sieben Jahren Arbeit nun fertig gestellt hat. Im Anschluss an die Feier wurde er im voll besetzten evangelischen Gemeindehaus gezeigt.

Einziger Überlebender

Albert Kimmelstiel ist der einzige Überlebende der deportierten Forther Juden. 2008 besuchte der Franke, dessen Familie 1941 von den Nazis nach Riga (Lettland) und später nach Auschwitz gebracht wurde, seine Heimatgemeinde. Albert Kimmelstiel war 1947 in die USA emigriert, als einziger der Familie hatte er den Massenmord an den Juden überlebt. Mutter, Vater und Bruder kamen im Lager bzw. im KZ um.

In Folge des nachhaltigen und für viele Forther beeindruckenden Besuchs Kimmelstiels begann „sehr spät, aber noch nicht zu spät", so Historikerin Martina Switalski, die daran maßgeblich mitgewirkt hat, die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte des Eckentaler Gemeindeteils, in dem zur Blütezeit viele jüdische Familien lebten. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren nur noch sieben Juden in Forth beheimatet, die anderen hatten bereits in den Jahren zuvor den Ort verlassen. Die Verbliebenen wurden in der Pogromnacht auf einen Lastwagen gepackt und nach Erlangen gebracht. Ihr genaues Schicksal blieb bis heute bei den meisten im Dunkeln.

20 DVDs mit Material aus dem Besuch und Gespräch mit Albert Kimmelstiel, mit Zeitzeugen, mit Mitarbeitern des jüdischen Museums in Schnaittach und der Synagoge in Ermreuth sowie mit Fritz Schnaittacher, dessen Familie wie viele andere bereits vor Beginn der Judenverfolgung aus Forth weggezogen war, haben Martina Switalski, Manfred Bachmayer und Johannes Häselbarth mit Hilfe weiterer Bürger über dieses dunkle Kapitel der Forther Geschichte zusammengetragen. Martina Switalski ist zudem 2014 in die USA gereist und hat den heute 91-jährigen Albert Kimmelstiel und seine Frau in ihrem Zuhause in Queens/New York besucht. Geschnitten und zu einem 90-minütigen Film zusammengesetzt wurde das Material von Thomas Ulbrig aus Pettensiedel, einer der vielen Ehrenamtlichen, die an dem Projekt mitgewirkt haben. „Ohne dein Engagement wäre aus den vielen einzelnen Schnipseln nie ein Film geworden“, dankte Martina Switalksi Ulbrig.

„Shalom Forth“ zeigt anhand der Geschichte Albert Kimmelstiels nicht nur die Willkür, mit der die jüdischen Bürger in Forth ab 1930 immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Vom verbotenen Schulbesuch bis hin zum Gaststättenverbot hatten sie über Jahre immer mehr Repressalien zu ertragen. Er zeigt auch die Ahnungs- und Teilnahmelosigkeit, mit der viele Forther der Entwicklung begegneten. Ehemalige Schulkameradinnen und -kameraden Kimmelstiels, damals noch Kinder und Jugendliche, sprechen in dem Film offen über ihre Erinnerungen. Ein mutiger Schritt, wie auch Martina Switalski betont, der es in der Aufarbeitungsarbeit nicht darum geht, anzuklagen, sondern Geschichte festzuhalten. Dass es unter die Haut geht, wenn judendiskriminierendes Liedgut noch Jahrzehnte später fest in den Köpfen und jederzeit abrufbar ist, ist eine andere Sache. Im Spiegel der Lebens- und Leidensgeschichte Albert Kimmelstiels, die dieser im Film unprätentios und bedrückend schildert, ist so ein bedrückendes Filmdokument entstanden.

Thorarolle in Baiersdorf

Dieses versucht auch zu beleuchten, welche Wege die jüdischen Reliquien nahmen, die in der 1941 zerstörten Synagoge von Forth vorhanden waren. Cassel Veit hatte das Grundstück an der heutigen Hauptstraße 1724 gekauft und ließ dort eine Synagoge bauen. Nach der Pogromnacht machten die Nazis das Gebäude dem Erdboden gleich. Aus den Steinen wurde das Forsthaus in Neunhof gebaut. Die Thorarolle, ein Geschenk an die jüdische Gemeinde, tauchte Jahre später auf einem Bauernhof in Baiersdorf auf. Heute ist die Rolle ein Ausstellungsstück des jüdischen Museums Franken. Zudem hat die Interessengruppe versucht, die Synagoge mittels eines Modells baulich zu rekonstruieren, die Verantwortlichen würden sich wünschen, dass irgendwann Wegweiser im Ort auf das über viele Jahrzehnte zentrale Bauwerk und die reiche, seit 1582 dokumentierte jüdische Geschichte Forths, hinweisen. Bis 1933 beherbergte auch das Schloss Büg ein Kindererholungsheim für jüdische Kinder. Das Nürnberger Industriellen-Ehepaar Adolf und Julie Schwarz hatte dort ein „Israelitisches Erholungsheim“ eingerichtet. Kränkelnde Kinder konnten sich dort in Kuren regenerieren.

Ein Beschluss des Gemeinderates beendete 1933 die Ferienaufenthalte. Fremde Juden durften sich auf Wunsch der örtlichen Politik nicht mehr länger als zwölf Stunden im Ort aufhalten. 1938 übernahm der NS-Lehrerbund das Schloss. Auch den Schulbesuch verbot der örtliche Lehrer bereits 1935 jüdischen Kindern, während das offiziell erst ab 1938 der Fall war. Die Mitglieder der NSDAP in der Gemeinde waren, auch wenn es im Film nicht angesprochen wird, in der Diskriminierung der jüdischen Bürger schon früh am Werke.

Ein Wunsch für die Zukunft wäre für die Interessengemeinschaft die Schaffung eines Archivs. Die Rekonstruktion und Wiedernutzung des ehemaligen kleinen Schnaittacherhauses an der Hauptstraße wäre für sie eine Option. Das ehemals in jüdischem Besitz befindliche Gebäude wurde nach der Vertreibung der Juden arisiert und befindet sich heute im Gemeindebesitz. Aktuell haben die Grünen einen Antrag gestellt, in den Haushalt 2015 einen Betrag von 5000 Euro für die Konzeption eines gemeindlichen Archivs zu stellen.

Der Film „Shalom Forth“ ist als DVD für zehn Euro bei der evangelischen Kirchengemeinde erhältlich.

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