Mittwoch, 14.04.2021

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Gefahrguttrupp Erlangen: Gefährlich, komplex und faszinierend

Manfred Müller leitet das Team bei der Verkehrspolizei - 21.02.2021 11:00 Uhr

Eine Spezialanfertigung ist der Fünf-Tonner, mit dem Manfred Müller und sein Team zu Kontrollen und Einsätzen, wo gefährliche Güter im Spiel sind, ausrücken.

17.02.2021 © Scott Johnston


Der Trupp, der seinen Sitz in Erlangen hat, ist für ganz Mittelfranken zuständig und besteht aus einer Beamtin und drei Beamten. Kontrolliert werden die Autobahnen genauso wie Gemeindeverbindungs- und Nebenstraßen.

Auch Handwerker müssen sich an das "Accord européen relatif au transport international des marchandises dangereuses par route" (ADR) halten. Dies sind die Richtlinien, auf die sich mittlerweile 52 Staaten für den Transport gefährlicher Güter geeinigt haben. Stoffe, welche die Umwelt schädigen können, wie Lacke oder Farben, fallen ebenfalls darunter.

Diese Bestimmungen muss grundsätzlich jedermann beachten – auch Privatleute, die beispielsweise eine Gasflasche vom Baumarkt nach Hause bringen möchten. Ausgenommen sind sie nur unter bestimmten Voraussetzungen.

Ist Gefahrgut im Spiel, ist oft ein Großaufgebot an Rettungskräften im Einsatz.

Der Fokus liegt jedoch auf Lastwagen verschiedener Größenordnung. Das Vorurteil, dass es vor allem Speditionen aus Ost- und Südeuropa mit den Vorgaben weniger genau nehmen würden, stimme jetzt nicht mehr, hebt Müller hervor. Nach dem Ende des Eisernen Vorhangs sei dies kurze Zeit der Fall gewesen, weil sich die Firmen erst auf die hiesigen Regelungen einstellen mussten. Inzwischen existierten aber keine Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Transporten.

Generell seien die Unternehmen bestrebt, für eine korrekte Abwicklung zu sorgen, da sie Verzögerungen vermeiden wollen. Bei kleineren Verstößen hat der Fahrer die Möglichkeit, den Mangel bei der nächsten Rastanlage oder Tankstelle in Ordnung zu bringen. Wäre eine Weiterfahrt zu gefährlich, muss der Lkw stehen bleiben, bis der Missstand behoben ist, was einer Spedition wertvolle Zeit kostet.

Ohne Aufkleber wird es teurer

Um Kontrollen zu entgehen, werden manchmal die Aufkleber weggelassen, die das jeweilige Gefahrgut signalisieren. Manfred Müller und seine Kollegen haben freilich längst einen Blick dafür, wo etwas nicht stimmen könnte. Bestätigt sich dies, sind zusätzliche Bußgelder die Folge.

Früher war der Gefahrguttrupp mit einem zivilen Transporter unterwegs. Doch auch dessen Aussehen sprach sich schnell bei den Lkw-Fahrern herum, sodass die Tarnung nicht viel brachte. Mit einem Lastwagen noch schnell vor einer Kontrolle zu türmen, schaffen ohnehin fast nur die Stuntmen in einem Hollywood-Streifen.

Gegenwärtig ist der Trupp mit einem Fünf-Tonner unterwegs, der bereits von weitem als Polizeiwagen zu erkennen ist. Dies hat den Vorteil, dass er bei Unfällen leichter auszumachen ist. An Bord sind Schutzausrüstungen, Messgeräte, Werkzeuge und ein mobiles Büro. Ist die Beseitigung von gefährlichen Gütern aufwendiger, übernehmen dies Feuerwehren, das Technische Hilfswerk oder Fachfirmen.

Polizisten mussten in die Klinik

Und auch für den Gefahrguttrupp kann es gelegentlich gefährlich werden. Bei der Kontrolle eines Kleinlasters trat aus dem Leck eines Kunststoff-Containers eine ätzende Flüssigkeit aus, sodass dem Einsatz ein Krankenhausaufenthalt folgte.

Wer Müllers Mannschaft angehören will, muss sich hierzu fortbilden und später über Kurse und Vorträge stets auf dem aktuellen Stand halten. Das ADR wird alle zwei Jahre erneuert und umfasst zirka 3500 unterschiedliche Stoffe von brennbaren Flüssigkeiten wie Benzin und Diesel über giftige Gase und Problemmüll bis hin zu radioaktiven Substanzen.

Zu der Palette gehören zum Beispiel auch die Tanks, mit denen Phosphorsäure zu den Cola-Herstellern gefahren wird. Die berühmten Trucks mit der koffeinhaltigen Limonade selbst fallen nicht unter die Bestimmungen, da die Konzentration denn doch zu gering ist. Bei Unfällen mit Gefahrgut rückt der Trupp gleichfalls mit aus.

Laster kippte um

Am Nürnberger Kreuz geriet ein Lastwagen in die Leitplanken und kippte um. Die ausgelaufene Säure verwandelte den Schaum, der zum Binden eingesetzt wurde, nach der Sättigung ebenfalls in Säure. Vorsorglich mussten deshalb die Reifen der Dienstfahrzeuge gewechselt werden. Auch die Hosen der eingesetzten Polizisten litten darunter.

Zusammen mit einem Spezialtrupp der Feuerwehr konnte Müller die richtige Lösung zur Entschärfung der Situation finden. "Es gibt eben eine große Bandbreite an chemischen Verbindungen, die jeweils anders reagieren," erläutert der Polizeihauptkommissar und fügt hinzu: "Dies macht die Sache nicht leicht, aber gleichzeitig äußerst interessant."

SCOTT JOHNSTON

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