Pop-Art trifft Ironie

Gegensätze ziehen sich an im Erlanger Kunstpalais

19.6.2021, 10:20 Uhr
Gemälde und Skulpturen: In ihren die Realität kommentierenden Arbeiten stellt die in Berlin lebende Polin Zuzanna Czebatul die „Machtfrage“ einmal ganz anders.
 

Gemälde und Skulpturen: In ihren die Realität kommentierenden Arbeiten stellt die in Berlin lebende Polin Zuzanna Czebatul die „Machtfrage“ einmal ganz anders.   © Harald Sippel, NN

Gegensätzlicher können zwei Künstler kaum sein, die das Erlanger Kunstpalais zu einer neuen Ausstellung kombiniert hat – hier die sehr bunte (Traum-)Welt eines jungen homosexuellen Afro-Amerikaners, dort die kunstvoll und zugleich analytisch zugerichtete Anti-These zum alles verschlingenden Kapitalismus.
Im Erdgeschoss des Kunstpalais dominieren in der Ausstellung „All the Rage“ in sieben pink und lindgrün gestrichenen Räumen großflächige und an die Pop-Art erinnernde Bilder des 32-jährigen, in Philadelphia geborenen amerikanischen Malers Devan Shimoyama: Materialcollagen in leuchtenden Farben, die durch knallige Umrisslinien den abgebildeten Menschen Gesicht geben und mit ihren Pailletten, ihrem Talmi und ihren Vogelfedern eine augenzwinkernde Kritik maskuliner Rollenklischees darstellen.

Paralleler Kosmos

Die stets wuchtig aufgespritzten, Sinnlichkeit darstellenden Lippen sind so herrlich ironisch, dass man an Rassismus gar nicht erst zu denken wagt. Seine Collagen sind Sommernachtsträume alternativer Männlichkeit, erzählen (mit falschen Glastränen) von Verletzlichkeit und Widerstand, feiern das Dasein einer Dragqueen oder geben als überdimensionale Tarot-Karten einen Einblick in einen parallelen Kosmos, der sich nur denen erschließt, die sich darin versenken können.

Als homosexueller Afro-Amerikaner habe Shimoyama einen intensiven Bezug sowohl zu Themen der Schwarzen Community wie auch der queeren Subkultur in den Schluchten der Großstädte der Vereinigten Staaten, erzählt Amely Deiss, die Leiterin des Kunstpalais, die den jungen Künstler erstmals in Europa präsentiert. Gegen die auch bei uns immer wieder berichteten Schattenseiten dieser Lebenswirklichkeit wie Alltagsrassismus und Polizeigewalt, Schwulen- und Frauenfeindlichkeit schafft Shimoyama kraftvolle und lebensfrohe Figuren, die Stärke und Schönheit ausstrahlen. Dass er auf einigen Bildern selbst zu sehen ist – so what.

Wuchtige Installationen

In ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in Deutschland stellt die in Berlin lebende 35-jährige Polin Zuzanna Czebatul die „Machtfrage“ einmal ganz anders. Ihre wuchtigen Installationen sind Statements des Industriekapitalismus: Eine mächtige Gaspipeline, ein Polizeikordon aus mannshohen Körperpanzern oder die Raubkopie eines Fassadenteils des Glockenturms am Pariser Louvre oder eine Bilderfolge des Hongkonger Demokratieaufstands zeigen, wie Macht funktioniert, wie sie in unser Leben eingreift, wie sie soziale Wirklichkeit schafft.

Materialcollagen in leuchtenden Farben kennzeichnen die Arbeiten von Devan Shimoyama.

Materialcollagen in leuchtenden Farben kennzeichnen die Arbeiten von Devan Shimoyama. © Harald Sippel, NN

Für die Ausstellung im Kunstpalais hat die Berliner Künstlerin nicht nur gänzlich neue Werke geschaffen, zusammen mit Kurator Malte Lin-Kröger hat sie Räume geschaffen, die sich wie ein Kommentar auf reale Endzeitspektakel lesen lassen – der schweflig-orange Teppichboden spiegelt den „brennenden“ Himmel Kaliforniens oder Australiens wider, als die Flammen wüteten.

In „The Happy Deppy Ecstasy Institute“, wie sie ihre Schau mehrdeutig nennt, wird ihre auch handwerklich beeindruckende Kunst zum Fehdehandschuh gegen die schlechte Wirklichkeit, das Gigantomanische postmoderner Architektur wird durch ihre monumentalen Skulpturen ironisiert und gebrochen. Der Faszination, die von dieser Gigantomanie ausgeht, stellt sie ihre eigene Formensprache entgegen: Im letzten Raum des Untergeschosses steht eine fast raumfüllende „Luftmatratze“ mit der Aufschrift DEATH. Hier muss der sich gerade selbst abschaffende Kapitalismus bereits kräftig beatmet werden.
Devan Shimoyama: „All The Rage“, Zuzanna Czebatul: „The Happy Deppy Ecstasy Institute“, Doppelausstellung im Kunstpalais Erlangen, Marktplatz 1. Bis 14. November, Di., Do .– So. 10  bis 18 Uhr, Mi. 10  bis  20 Uhr. Zur Ausstellung erscheint im Herbst 2021 ein Katalog.

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