Erfolgsgeschichte Mühlenlädla

Gertraud Switalski: Von der "grünen Spinnerin" zur Bio-Geschäftsfrau

Sharon Chaffin
Sharon Chaffin

Redakteurin Erlanger Nachrichten

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18.9.2021, 18:30 Uhr
Willkommen im Frohnhofer Mühlenlädla: Gertraud Switalski ist seit 1979 Vorkämpferin der artgerechten Tierhaltung. 

Willkommen im Frohnhofer Mühlenlädla: Gertraud Switalski ist seit 1979 Vorkämpferin der artgerechten Tierhaltung.  © Klaus-Dieter Schreiter, NN

Gertraud Switalski war schon Direktvermarkterin, da kannten die meisten noch nicht einmal das Wort. Sie aber fuhr schon vor Jahrzehnten aus Frohnhof zum Erlanger Bauernmarkt, um dort ihre Bio-Ware anzubieten. "Das ist schon lange her", sagt sie und lacht dabei, "da war noch Dietmar Hahlweg Oberbürgermeister."

Der SPD-Politiker ist schon seit 1996 kein Stadtoberhaupt mehr - aber Gertraud Switalski verkauft ihre landwirtschaftlichen Produkte noch immer. Auswahl und auch Verkaufswege haben sich seitdem erweitert. So hat sich aus dem kleinen Mühlenlädla im Eckentaler Ortsteil Frohnhof in der Rothenbergstraße 2 inzwischen ein gut sortierter Naturkostladen entwickelt, neben eigenen Produkten wie Eier, Gemüse, Bio-Fleisch von Weidetieren oder Schnaps aus eigener Brennerei gibt es viele Bioprodukte bis hin zu ökologischen Putzmitteln.

Verkaufswege sind vielfältiger und moderner

Auch die Verkaufswege sind vielfältiger und moderner geworden: Neben den bei Besuchern aus der ganzen Region äußerst beliebtem Einkauf in dem kleinen Ort im Landkreis Erlangen-Höchstadt selbst, kann man die Ware nun auch bei Switalski per Telefon oder E-Mail bestellen oder liefern lassen, sogar über Instagram ist das Bio-Unternehmen zu erreichen. Alle Informationen hierzu gibt es auf der Homepage.

Auch bei den "Marktschwärmern" ist die Öko-Landwirtin dabei

Bei den Marktschwärmern macht sie ebenfalls mit: Bei dieser Veranstaltung können Interessenten vorab unter anderem online Ware von verschiedenen (Bio-)Anbietern ordern und sie dann abholen, wie etwa bereits im Erlanger Kulturzentrum E-Werk. "Da haben ganz viele Junge mitgemacht", sagt die Bäuerin, "das ist eine tolle Sache". Gertraud Switalski geht also mit der Zeit - und das hat die Öko-Pionierin, die zugleich eine gute Geschäftsfrau ist, schon immer gemacht.

Im Fronhofer Mühlenlädla im Landkreis Erlangen-Höchstadt gibt es Bio-Produkte aller Art. 

Im Fronhofer Mühlenlädla im Landkreis Erlangen-Höchstadt gibt es Bio-Produkte aller Art.  © Klaus-Dieter Schreiter, NN

Denn damals, als sie in den 1970ern mit dem Aufbau ihrer Öko-Landwirtschaft begonnen hatte, war das Neuland, und so manches mal wurde sie damals als "grüne Spinnerin" bezeichnet, "gerade auf dem Dorf", sagt sie, ihre Landwirtschaftskolleginnen und -kollegen gaben ihrer Bio-Landwirtschaft und dem Laden kein langes Überleben.

Im Frohnhofer Mühlenlädla kaufen Besucherinnen und Besucher aus nah und fern ein. 

Im Frohnhofer Mühlenlädla kaufen Besucherinnen und Besucher aus nah und fern ein.  © Klaus-Dieter Schreiter, NN

Aber Gertraud Switalski wollte und musste etwas ändern, schon allein, um wirtschaftlich zu überleben: Die Mühle, die seit 1685 im Familienbetrieb ist, war nicht mehr in Betrieb, Vater und Bruder waren im Zweiten Weltkrieg gefallen, ihr Ehemann, der Müller von Beruf war, hatte seinen eigenen Betrieb, es blieb also nur sie, die die Landwirtschaft weitermachen konnte - und deshalb suchte sie auch aus der Not heraus ein anderes Standbein. In der alten Mühle ist heute der Laden, eben das "Mühlenlädla".

Schnell eignete sich die gelernte Hauswirtschafterin, die auch noch die Fachschule für Landwirtschaft abgeschlossen hat, das nötige Wissen an, bildete sich in Öko-Anbau weiter und wurde Mitglied im Bioland-Verband, seit mehr als zehn Jahren haben Sohn Konrad, der den Betrieb inzwischen führt, und sie sogar das ökologisch noch strengere "Demeter"-Zertifizierungssiegel.

"Es ging nur um Masse Masse, Masse"

Für sie stand damals fest: Sie wollte die Landwirtschaft weiterführen, aber nicht auf konventionelle Weise. "Es ging damals ja nur um Masse, Masse, Masse", erinnert sie sich. Das aber wollte sie nicht, "lieber produziere ich dann Klasse und gute Qualität." Sie wollte nachhaltig wirtschaften, ihre Tiere artgerecht halten, ihnen viel Auslauf auf der Weide geben.

Aber das alles sei nicht so einfach gewesen. "Es war ein sehr harter Weg, wenn man vom konventionellen Betrieb auf Bio geht, hat man ja eine fünfjährige Umstellungszeit mit fast keinen Einnahmen und Erträge, bis der Boden sich wieder daran gewöhnt hat, keinen Kunstdünger zu bekommen, sondern nur Wirtschaftsdünger."

Dann kam ihr langsam die in den 1980er beginnende "Vollkornwelle", wie sie die progressiven politischen Bewegungen zu jener Zeit nennt, zu Gute. "Viele wollten ihr eigenen Brot backen und haben dann bei uns ihre Körner gekauft", berichtet sie, "das war schon gut, wir haben uns auf die Kunden eingestellt und unser Angebot der Nachfrage angepasst."

Sie und ihre Familie haben aber die schwere Anfangsphase überstanden, wollten gaben nicht auf, geholfen haben Gertraud Switalski dabei auch ihre christliche Überzeugung und der Glaube an eine Schöpfung; an ihrer Halskette baumelt ein Kreuz. "Wir können es nicht regnen lassen", sagt sie, "aber ganz schnell etwas zerstören".

Betrieb umfasst 80 bis 90 Hektar

Der Durchhaltewille zahlt sich aus, die Besucherinnen und Besucher kommen von Nah und Fern, der Betrieb wächst und umfasst etwa 80 Hektar bis 90 Hektar, und dem Ackerbau sind etwa 50 Weiderinder angeschlossen. Weitgehend ist es die Familie, die den Betrieb am Laufen hält, aber ohne Unterstützung von festangestellten Mitarbeitern geht es natürlich nicht, betont die Senior-Chefin.

Dass sich immer mehr Menschen über die gravierenden Folgen von Umweltzerstörung, Klimawandel und Agrarindustrialisierung bewusst werden und dagegen, wie etwa die jungen Aktivistinnen und Aktivsten von Fridays for Future (FFF), auch die Straße gehen, beobachtet Switalski zwar mit Wohlwollen, überheblich aber im Sinn von "ich habe es ja schon immer gewusst" wird sie nicht . "Ja, es gibt einen Teil, der langsam umdenkt, das dauert seine Zeit, aber das, was kaputt ist, ist weg, das fehlt uns", sagt sie und meint damit beispielsweise den fortschreitenden Bodenschwund. 15 bis 18 Bauernhöfe schwinden in Bayern täglich, sagt sie, "wo soll dann das tägliche Brot herkommen, das muss man dann mit dem Transporter oder dem Schiff liefern."

Nicht (so schnell) schwinden wird hingegen wohl Switalskis Lebenswerk, das "Mühlenlädla". Gertraud Switalski selbst wird im November 2021 80 Jahre alt, Sorge um die Zukunft des Betriebs macht sie sich nicht. Die Gründerin hat zwei Kinder und sieben Enkel, alle bekamen das Interesse an Bio-Landwirtschaft und Mühlen vererbt: Ihre Tochter, die Historikerin und Gymnasiallehrerin Martina Switalski hat ihre Promotion zum Thema verfasst, der Sohn führt neben dem in Fronhof noch einen weiteren Mühlenbetrieb in Oberfranken und ein Enkel hat bereits die Deutsche Müllerschule in Braunschweig abgeschlossen - und arbeitet nun bereits im Betrieb mit.

Wissenswertes zu Bio-Siegeln

Bio drauf, Bio drin? Die Zahl der Bio-Siegel für Lebensmittel ist unüberschaubar groß. Es gibt staatliche und europäische Siegel sowie die Zeichen der Bio-Verbände. Auch übliche Supermärkte haben für ihre so genannten grünen Produkte eigene Öko-Qualitätssiegel entwickelt.

Das deutsche Bio-Siegel wurde 2001 ins Leben gerufen. Es darf nur zusätzlich zum EU-Bio-Siegel verwendet werden. Das Bio-Siegel als markengeschütztes Zeichen kann also zusammen mit dem EU-Bio-Logo für die Kennzeichnung von Biolebensmitteln verwendet werden. Jedes Produkt, das mit dem Bio-Siegel gekennzeichnet wird, muss vor dem in Verkehr bringen bei der Informationsstelle Bio-Siegel angemeldet werden.

Besonders hoch sind die Anforderungen, wenn ein Bio-Bauer dem ältesten deutschen Anbauverband „Demeter“ beitreten will. Hier werden zum Beispiel Stoffe aus Heilkräutern und Mineralien eingesetzt, um den Boden fruchtbarer zu machen. Für Lebensmittel gibt es eigene Erzeugungsrichtlinien, die dem Anspruch auf naturbelassene Nahrung besonders gerecht werden. Demeter-Produkte gibt es in Naturkostfachgeschäften und auf Bio-Höfen.

Der Bioland-Verband ist der größte deute Bio-Verband – und der Bioland-Anbau die am weitesten verbreitete Öko-Landwirtschaft in Deutschland.

Seit seinen Anfängen in den 1930er-Jahren steht Bioland für die Förderung der natürlichen Bodenfruchtbarkeit. Dabei beruht die Wirtschaftsweise der Bioland-Bauern auf einer Kreislauf-Wirtschaft und möglichst schonender Weiterverarbeitung der Rohstoffe.

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