Behindertenhilfe

Geschichte voll Liebe und Hass: Seit 126 Jahren wirken die Barmherzigen Brüder in Gremsdorf

Claudia Freilinger
Claudia Freilinger

Nordbayerische Nachrichten Herzogenaurach/Höchstadt

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2.6.2022, 08:33 Uhr
Der Blick von oben - hier Luftaufnahmen aus dem Jahr 2012 - macht die große Dimension der Einrichtung ein bisschen klarer.

© Barmherzige Brüder, NN Der Blick von oben - hier Luftaufnahmen aus dem Jahr 2012 - macht die große Dimension der Einrichtung ein bisschen klarer.

Den Anfang machten ein Koch, ein Maurer- und ein Malermeister und Frater Erhard Bräu als Klostervorsteher. Sie kamen am 17. März 1896 nach Gremsdorf in das benediktinische Amtsschloss, das ein Provinzial der Bayerischen Ordensprovinz für 25.000 Goldmark erworben hatte.

Damit beginnt die Geschichte der "Barmherzige Brüder gemeinnützige Behindertenhilfe", die heute Wohn- und Arbeitsgemeinschaften für Frauen und Männern mit verschiedenen Behinderungen bietet. 126 Jahre ist das her. Und heuer laden die Mitarbeiter zu einem großen Fest. Das runde Jubiläum - 125 Jahre - konnten sie im vergangenen Jahr aufgrund der Corona-Auflagen nicht feiern.

Gemeinsame Beschäftigungen im gestreiften Pyjama: Eine historische Aufnahme aus dem Lazarett.

Gemeinsame Beschäftigungen im gestreiften Pyjama: Eine historische Aufnahme aus dem Lazarett. © Barmherzige Brüder Gremsdorf, NN

Die Grundsteinlegung für die Klosterkirche, die bis heute das Ortsbild prägt, erfolgte am 1. November 1906. Im Jahr 1899 übernahm Frater Eustachius Kugler das Amt des Subpriors des auf sechs Brüder angewachsenen Konvents. Ab 1914 war der im Jahr 2009 seliggesprochene Frater für acht Jahre Prior im fränkischen Kloster.

Kurz nach seinem Amtsantritt brach der Erste Weltkrieg aus, und der Pater Prior berichtete in der Hauschronik von „großen Entbehrungen und Einschränkungen“, von „enormer Lebensmittelknappheit“, von einer „Grippewelle, der innerhalb weniger Tage 50 Mann zum Opfer fielen“.

Die dunkelsten Stunden in der NS-Zeit

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 bedeutete für die damalige Pflegeanstalt und ihre vielen Bewohner sehr bald eine Zeit schlimmster Verbrechen. Infolge der später so genannten Aktion T4 – „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ – wurden allein zwischen dem 18. Februar und dem 1. Juli 1941 weit über 200 „Pfleglinge“ aus der Gremsdorfer Einrichtung deportiert.

Sie kamen in psychiatrische Krankenhäuser der Umgebung, viele von ihnen wurden schließlich ins oberösterreichische Konzentrations- und Vernichtungslager Hartheim gebracht, wo sie in Gaskammern ermordet wurden. Nachdem die letzten Kinder und Männer mit Behinderung weggeschafft und die meisten Ordensbrüder zum Kriegsdienst eingezogen waren, diente die Anstalt in Gremsdorf als Flüchtlingslager und Lazarett.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts trafen sich Brüder in Gremsdorf zu einem Konvent.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts trafen sich Brüder in Gremsdorf zu einem Konvent. © Barmherzige Brüder Gremsdorf, NN

Wenige Monate nach Kriegsende nahmen mit der ausdrücklichen Genehmigung der damaligen amerikanischen Besatzungsmacht in Bayern die Barmherzigen Brüder wieder ihre Behindertenarbeit auf.

1965 - bei ihrem 70-jährigen Bestehen - gilt die Heil- und Pflegeanstalt in der Gemeinde Gremsdorf als kleines Dorf für sich - mit 350 Bewohnern, Personal, Kirche, Wäscherei und einer eigenen Landwirtschaft, die in der Lage ist, die Anstalt fast ganz zu versorgen.

So sah das Schlossgebäude früher aus.

So sah das Schlossgebäude früher aus. © Barmherzige Brüder Gremsdorf, NN

Zur beginnenden Modernisierung der Barmherzigen Brüder Gremsdorf trug das 1975 errichtete Verwaltungsgebäude bei. Ab 1976 nahmen die spanischen Hospitalschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu („Menni-Schwestern“) für 16 Jahre ihre Tätigkeit auf.

1987 sprach eine Generalprior davon, dass es am Ende dieses Jahrtausends „endgültig Abschied zu nehmen gelte von vielen traditionellen Formen der Krankenpflege. Diesem Wandel müsse auch der Orden Rechnung tragen“. Und die Ordensgemeinschaft der Barmherzigen Brüder setzte in den folgenden Jahrzehnten diesen Gedanken in Gremsdorf um. Die Leitung des Hauses, die bisher in den Händen des jeweiligen Priors lag, übernahm ein Direktorium, bestehend aus Fachleuten in den Bereichen Wohnen, Arbeiten, Technik und Verwaltung. An der Spitze stand von nun an ein weltlicher Gesamtleiter.

Fachschule, Förderstätte, Modernisierung

Am 1. September 1989 öffneten sich die Tore der neu errichteten Fachschule für Heilerziehungspflege und Heilerziehungspflegehilfe. Die Therapiewerkstatt bekam 1991 ihre staatliche Anerkennung. Eine Förderstätte nahm ihre Arbeit auf. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten wurden sechs neue Wohnhäuser auf dem Gelände errichtet, aus ehemaligen Schlafsälen mit bis zu 20 Betten wurden Einzel- und Zweibettzimmer, individuell eingerichtet.

Werkstätten und Förderstätten erfuhren einen Ausbau, sie spezialisierten sich. In der Einrichtung hieß es aber auch Abschied zu nehmen. Im Jahr 1992 verließen die spanischen Schwestern Gremsdorf. Am 19. Juni wurde nach dem Weggang der letzten drei Ordensbrüder der Konvent aufgelöst. Landwirtschaft, Gärtnerei und Metzgerei wurden geschlossen. Die übrigen Versorgungsbetriebe bezogen neue, modernisierte Räumlichkeiten.

Ein weiterer Modernisierungsschritt war die Verbindung aller vier bayerischen Behinderteneinrichtungen zu einer GmbH im Jahr 2009. Mit dem Bundesteilhabegesetz begann ein ganz neuer Abschnitt in der Behindertenhilfe. Die Einrichtung kümmert sich nicht nur um das Wohnen, sondern auch um Integration, berufliche Bildung, Freizeitgestaltung und Persönlichkeitsentwicklung.

So wird gefeiert:

24. Juni 2022

17:30 Uhr Pizza und Getränke für alle im Festzelt,

18:30 Uhr Konzert und Tanz mit der Coverband „Gremsrock“, Eintritt frei

26. Juni 2022 Sommerfest

10:00 Uhr Festgottesdienst mit anschließendem Festumzug, danach Festbetrieb

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