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Gesundheitsamtsleiter : "Ich würde noch keine Feiern begehen"

Der Leiter des Staatlichen Gesundheitsamts Erlangen/Erlangen-Höchstadt im Interview - 29.06.2020 14:00 Uhr

© Foto: Peter Kneffel/dpa


Herr Dr. Neumann, die erste Welle ist vorbei. Wie schätzen Sie die bisherige Lage in Erlangen und im Landkreis ein?

Rückblickend war es jederzeit voll beherrschbar. Das lag auch an den Voraussetzungen: Wir hatten eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Kliniken. Wir wussten: Im Fall eines Supergaus haben wir viele Intensivbetten und hochkompetentes Personal. Auch unsere eigene Arbeitsleistung war extrem: Meine Mitarbeiter haben bis Mitternacht gearbeitet, teilweise 16 Stunden und Wochenenden am Stück, um Kontaktpersonen ausfindig zu machen.

 

Sehen Sie uns schon über den Berg?

Frank Neumann © Foto: Harald Sippel


Prinzipiell kann es immer mal sein, dass es irgendwo wieder einen Infektionsherd gibt. Das haben wir in dem Seniorenheim in Etzelskirchen oder auch in der Asylbewerberunterkunft in Erlangen gesehen. Aber wenn man schnell genug darauf reagiert, kann man das lokal begrenzen. Das ist uns in den beiden Fällen auch gelungen. Es sind jetzt eher große Einrichtungen, die im Fokus stehen.

 

Also keine Ausbreitung in der Fläche?

Genau. Das ist ganz wichtig: Die Ausbrüche sind nun begrenzt. Dass sich das Virus mit Erkrankten oder Infizierten in der Fläche ausbreitet, wie zu Beginn durch die Reiserückkehrer aus Italien oder Österreich, sehen wir derzeit in Bayern nicht.

 

Könnte es eine zweite Welle in Erlangen und im Landkreis geben?

Die Frage ist, wo diese herkommen soll. Die erste Welle rollte über Wochen aus Italien heran, die Betroffenen waren dort Skifahren. Das ist jetzt nicht mehr gegeben. Aber dass an einzelnen Orten ein Infektionsfunke auflodern kann, ist möglich. In der Fläche halte ich das Risiko für sehr gering.

 

Inzwischen kann man wieder private Feiern begehen, doch viele zögern noch. Was raten Sie als Experte?

Ich gebe Ihnen zwei Beispiele: Ich selbst bin vor einigen Tagen 50 geworden. Den runden Geburtstag wollte ich eigentlich auch größer feiern, es war auch schon alles geplant, dennoch habe ich den Tag dann doch ausschließlich mit meiner Familie verbracht. Zudem erhielt ich kürzlich einen Anruf von jemanden, der den zehnten Hochzeitstag in einer größeren Runde im Garten nachfeiern wollte. Als ich ihm erzählte, was er an Abstands- und Hygieneregeln auch an der frischen Luft einhalten muss, hat er sich entschlossen, es sein zu lassen.

 

Es wäre aber möglich.

Natürlich. Es ist immer die Frage, inwieweit die Menschen ein Sicherheitsbedürfnis haben beziehungsweise mit der Situation umgehen können. Juristisch ist genau festgelegt, was erlaubt ist und was nicht. Ob das jemand machen möchte, muss jeder selbst entscheiden. In der Familie hat man ohnehin oft engen Kontakt. Die Eingeladenen aber kennen sich vielleicht noch nicht einmal untereinander. Ich persönlich würde es auch deshalb, wie gesagt, nicht machen. Denn als Gastgeber hat man ja auch eine gewisse Verantwortung.

 

Was meinen Sie: Wann werden wir wieder bedenkenlos feiern können?

Ich denke, wir sind da in der Entwicklung jetzt mittendrin. Man muss die entsprechenden Zahlen beobachten. Bayern ist auf der Infektionskarte ja schon länger dunkelgrün und Mittelfranken ist bereits seit mehreren Wochen dunkelgrün, weist also kaum oder gar keine Neuinfektionen mehr auf.

 

Seit kurzem gibt es die Corona-Warn-App. Wie sind Ihre Erfahrungen damit bisher?

Die App haben sehr viele in der Stadt und im Landkreis heruntergeladen. Bei uns erkundigen sich vor allem Bürger über den Umgang und das Handling. Wir müssen nun abwarten, wie es angewandt wird. Das ist alles noch nicht in trockenen Tüchern.

 

 

INTERVIEW: SHARON CHAFFIN

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