Donnerstag, 12.12.2019

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Gesungene Lebensfreude im ostinaten Rausch

Festkonzert des Siemens-Chors Erlangen zum 60-jährigen Chorjubiläum in der Ladeshalle - 22.10.2013

Insistierendes Getümmel: Der Siemens-Chor und das „Collegium musicum Nürnberg“ beim Konzert. © Harald Hofmann


Was bieten große Firmenkonzerne nicht so alles für ihre gestressten Mitarbeiter an kostspieligen Psychoprogrammen an! Dabei ließe sich manches vereinfachen: Singen macht glücklich, Singen hält gesund, Singen prägt — raus aus dem Kopf, rein ins Herz, in Achtsamkeit, Lebensfreude, Konzentration, Mitgefühl, Körperbewusstsein. Der Siemens-Chor Erlangen weiß darum, was die Chorvorsitzende Gabriele Richardson in ihrer menschlich einnehmenden Ansprache anlässlich des 60-jährigen Chorjubiläums in der bestens besuchten Ladeshalle zum Ausdruck brachte.

Was ist eine Firma ohne Label? Der Siemens-Chor hat nun sogar eine akustische Kennung erhalten, mit Schweizer Präzision, Prägnanz und Nachhaltigkeit: Sie besteht aus der Tonfolge es-e-c-h, die sich der Schweizer Komponist Frédéric Bolli als Anagramm für die Auftragskomposition ausgedacht hat. Dieses Motiv beginnt — bei allem chromatischen Spannungsgehalt — mit den verheißungsvollen Worten „Ihr seid wie Licht“.

Prägnante Themen

Und das war nicht übertrieben. „Lichtgesänge“ — so der Titel des Werks — und musikalische Lichtblicke gab es in diesem knapp zweistündigen Konzert reichlich. Dabei geht es zunächst dissonant los, keine Festmusik, sondern Dunkelheit, Mysterium, spannungsvoll. Die Prachtchöre kamen später in der Puccini-Messe. Bollis so gar nicht prunkvolle, aber eindrucksvolle Musik war subtiler, raffinierter. Immer wieder tauchen das Chorlogo, aber auch andere prägnante Themen in verschiedensten Varianten auf, entwickeln sich fast schon zur signalhaften, moralischen Instanz im Textbezug. Dabei hat das Orchester eine wichtige Rolle, die durch Harfe und Schlagwerk, aber auch Blech- und Holzbläser geprägt ist. Das „Collegium musicum Nürnberg“ zeigte sich dem insistierenden Getümmel und Gestalten klangvoll, klangklar gewachsen. Die Verbindungen zwischen den Sätzen waren gut erkennbar, kamen genau. Die Verzahnung durch die Wiederholungen, Interludien erleichterten den Zusammenhalt zwischen den eindrucksvollen Texten und ihrer Vertonung gehörig.

Der Chor wuchs qualitativ hörbar von Satz zu Satz. Die teils komplizierten Einsätze, Gegenstimmen und die Übereinkunft mit dem Orchester klappten gut, waren musikalisch sicher und fein gestaltet, was bei einer Uraufführung viel heißt! Die große Gottes-Anklage der „Hundemeute“ erglühte im ostinaten Rausch zum dramatischen Statement. Das war in der Sinnfälligkeit des „Diabolus in musica“ (so heißt das Intervall der übermäßigen Quarte), dem Bläser- und Paukeneinsatz effektvoll, zeigte die Individualität des Kläger-Poeten.

Ätherische Passagen

Wunderschöne harmonisch versöhnliche, bisweilen ätherische Passagen enthalten die „Sternennacht“ und das Finale, das „Himmelslicht“. Da leuchten noch mal die verschiedensten Sphären zitatenfreudig und orchestral farbig auf, entwickeln sich zur flirrend üppigen Mixtur zwischen Mahler und Messiaen. Anhaltender Beifall für so viel künstlerische Integrität und Intensität von Komponist Bolli und Dirigent Florian Grieshammer. Die „Lichtgesänge“ sollten einen festen Platz in der Chorliteratur bekommen. Die selten zu hörende „Messa da Gloria“ Puccinis stand da in ihren fast inflationären Fortejubeln im großen Kontrast zu den „Lichtgesängen“. Das macht nichts — im Gegenteil: So kamen wohl alle Zuhörer auf ihre Kosten, so zeigte der Chor, dass er stilistisch vieles kann.

Patriotische Opernchöre (ergänzt durch den Motetten Chor Nürnberg) schmettern da in freudiger Italianitá durch die lateinischen Messetexte, beeindruckend sicher im Gloria-Fugato. Die beiden Solisten Omar Garrida (Tenor) und Markus Simon (Bass) erfüllten ihren Part souverän. Standing ovations zum Jubiläumsakt. Weiter so!

SABINE KREIMENDAHL

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