Donnerstag, 22.04.2021

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Himmel und Erde: Persönliche Gedanken in Corona-Zeiten

Gast-Beitrag von Richard Winter, Pfarrer der katholischen Pfarrkirche Hl. Kreuz - 22.08.2020 15:00 Uhr

"Ein kleines Mädchen hatte eine Puppe, ganz zerzaust und zerlumpt..."

11.01.2017 © Harald Sippel


Vor einiger Zeit bekam ich von einem Bekannten aus früheren Zeiten Post. Neben den Grüßen hatte er eine kleine Geschichte beigelegt, die mich gerade in der Corona Zeit immer wieder beschäftigt hat.

"Ein kleines Mädchen hatte eine Puppe, ganz zerzaust und zerlumpt. Eines Tages sagte eine Dame zu dem Mädchen. "Aber mein liebes Kind, wie kannst du nur eine solche Puppe aufheben, die ist doch wirklich nicht mehr schön!" Die Kleine, ganz überrascht und erstaunt, sah ihre Puppe an, schloss sie plötzlich fest in die Arme und drückte sie ganz lieb an sich. Dann drehte sie sich zu der Dame um und sagte mit strahlenden Augen zu ihr:" Guck mal, jetzt ist sie aber wieder ganz schön!"

Richard Winter

21.08.2020 © Foto: privat


Ich erlebte Menschen, die seit Wochen Zuhause, im Seniorenheim oder im Krankenhaus in Quarantäne leben mussten. Und mich selbst empfand ich wie in einer "Achterbahn der Gefühle", in der Angst und Vertrauen wechseln. Wie oft fühlte ich mich als Seelsorger hilflos!

Keine Nähe, keine Begegnung, Besuche nur in Ausnahmefällen. "Wir müssen unsere Nähe durch Distanz zeigen" hieß eine oft gebrauchte Vorsichtsmaßnahme! Oder war es mehr eine Verdrängung der eigenen Angst? Oder Rechtfertigung, dass ich doch Vorschriften einhalten müsste?

Und dann konnte nach langem Hoffen und Warten der Sohn endlich wieder seine Mutter im Seniorenheim besuchen, die Ehefrau ihrem Mann nochmals über das Gesicht streicheln oder die kranke Mutter ihre Tochter trösten. Als Pfarrer konnte ich manchem Schwerkranken Versöhnung und Vertrauen zusprechen und die Krankensalbung spenden. Und selbst, wenn ich Menschen beerdigen musste, spürte ich beim Trauergespräch und am Grab Hoffnung und Dankbarkeit der Angehörigen.

Es gab hoffnungsvolle, manchmal lächelnde und bei einem persönlichen Besuch sogar strahlende Gesichter: "Guck mal, wie schön sie wieder ist..."

Natürlich waren viele Gründe berechtigt, Distanz zu halten, Schutzkonzepte auszuarbeiten und vorsichtig zu sein. Aber ging dabei nicht manches verloren, was wir Menschen brauchen, und nicht per Telefon oder auf digitalem Weg bekommen?

Die Begegnung, den anderen spüren, einander in die Augen sehen und der persönliche Beistand – all das ist unersetzlich.

Wir haben erlebt, wie sehr Freundschaft, Familie und ernst gemeinter Respekt unserem Leben gut tun, als wir zuhause bleiben mussten und unsere Welt, so, wie wir sie kannten einfach still stand. Und wir spürten, dass gerade Selbstverständlichkeiten, wie spontanes Treffen mit den Kindern, auf ein Glas Wein beim Nachbarn oder in der Kneipe mit Freunden uns fehlten.

Suche nach Balance

Es ist noch nicht sicher, ob wir schon eine Balance zwischen Infektionsschutz und Freiheitsrechten gefunden haben. Hoffentlich gelingt uns darüber eine unvoreingenommene und für alle Menschen würdige Debatte.

Aber nicht alles war schlecht . . . Wir hatten im Juni an drei Sonntagen in unserer Kirche Gottesdienste mit dem Thema "Zu – Grunde gehen als Hoffnungskraft". In den Predigten eines Mediziners, eines Theologen und einer Gruppe von Erziehern und Eltern aus unserem Kindergarten wurde jedes Mal deutlich, wie sehr diese Corona Krise auch unser Leben positiv verändern kann. Uns wurde bewusst, wie wertvoll unsere Freiheit ist, wenn die Welt sich wieder weiterdreht.

Unser Leben als Geschenk Gottes und unsere Freiheit als Privileg schätzen lernen, in diesem Bewusstsein uns wieder in die Arme nehmen, einander treffen und miteinander feiern, das tut unserer Welt sicher gut.

Ihr Pfarrer Richard Winter

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