Montag, 23.11.2020

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Im Corona-Herbst: Was man jetzt bei Viren beachten muss

Erlanger Mediziner erläutert die Lage zwischen Grippe und Sars-CoV-2 - 19.10.2020 20:30 Uhr

Die Wahrscheinlichkeit, sich an Haltegriffen in Bussen oder Bahnen mit Viren zu infizieren, ist laut Experten nicht besonders groß.

16.10.2020 © ponsulak via www.imago-images.de


Der promovierte Internist Thomas Ruppert (53) ist als Hausarzt in Tennenlohe tätig, wo er auch wohnt. Der gebürtige Erlanger ist in Erlangen-Höchstadt als Notarzt und Leitender Notarzt tätig; zudem ist er als Ärztlicher Koordinator im Corona-Krisenstab für den Landkreis zuständig. Ruppert ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

16.10.2020 © privat


Herr Ruppert, Herbstzeit ist Virenzeit. Welche Erreger sind denn neben Sars-CoV-2 derzeit noch unterwegs?

Es kursieren jetzt auch alle möglichen Erkältungs- und Grippeviren. Natürlich beginnt zudem die Influenza-Grippe-Zeit. Für uns in den Praxen ist es nicht einfach, wenn ein Patient kommt und ähnliche Symptome wie Covid hat, am Anfang herauszufinden, an welcher Krankheit er leidet und welche Maßnahmen wir ergreifen müssen.

Ist ein Coronatest das Naheliegende?

Ich denke nicht, dass in jedem Fall ein Coronatest nötig ist, sondern dass man sich als Arzt genau überlegen muss, ob es Hinweise auf eine Covid-Erkrankung gibt. Falls es so ist, muss man schnell und möglichst vor Ort testen.

Was sind typische Symptome?

Für Covid sind es Fieber, Atemnot und ein trockener Husten, manchmal kommt der Geschmacksverlust hinzu. Natürlich muss man den Patienten auch fragen, ob er womöglich Kontakt zu einem Infizierten gehabt haben könnte.

Muss man in der verstärkten Virenzeit vor Haltegriffen in Bussen oder Einkaufswagen besonders Angst haben?

Die Schmierinfektion ist im Vergleich zur Tröpfcheninfektion eher weniger wichtig. Wichtig ist die Tröpfcheninfektion. Da ist der Mund-Nasen-Schutz das wichtigste Instrument, um eine Übertragung zu verhindern. Bei der Schmierinfektion ist häufiges Händewaschen die wichtigste Regel und möglicherweise kann auch die Händedesinfektion eine Rolle spielen.

Nach jüngsten Erhebungen verstärkt Corona den krankhaften Zwang zum Händewaschen. Sehen Sie die Gefahr, dass Menschen jetzt zu viel Händewaschen und womöglich ihrer Haut schaden?

Dass häufiges Händewaschen mit Seife den Hautschutzfilm schädigen kann, wissen wir. Wer oft wäscht, muss auch oft nachfetten mit entsprechenden geeigneten Cremes. Dass das Ganze zum Zwang wird, kann natürlich passieren. Ich glaube, das muss man in einem größeren Rahmen sehen. Man muss die Menschen sehr gut aufklären. Zum Beispiel, indem man ihnen sagt, dass die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch ist, sich an einem Einkaufswagen anzustecken.

Gibt es denn Viren, die länger als andere auf Flächen überleben?

Es gibt Studien, die zeigen, dass das Coronavirus auf Flächen lang überlebt. Aber ich glaube, da muss man einfach nach Wahrscheinlichkeiten gehen: Dass ich gerade dort hinlange, wo das Virus ist, ist unwahrscheinlich. Natürlich muss bei sehr exponierten Orten wie Türklinken in Arztpraxen eine entsprechende Desinfektion stattfinden.

Manche sagen, dass Desinfektionsmittel nur Viren bekämpfen, die dem gesunden Körper ohnehin nicht groß schaden, aber gegen die aggressiven auch nichts ausrichten können. Stimmt das?

Empfohlen wird das Händewaschen; für die Flächendesinfektion sind zugelassene Mittel auf dem Markt, die entsprechend wirksam sind.

Sie haben ja den Mund-Nasen-Schutz schon angesprochen. Wenn wir jetzt Maske tragen und Abstand halten, müsste es doch in diesem Herbst auch weniger Erkältungs- oder Magen-Darm-Infektionen geben, oder?

Ich denke, das ist jetzt eine ganz große Feldstudie. Wir werden das in einigen Wochen wissen. Experten sagen voraus, dass auch die normale Erkältung und der grippale Infekt geringer sein werden. Und wir hoffen, dass die Influenza ebenfalls weniger übertragen wird durch diese Maßnahmen.

Je weniger Kontakt, desto größer der Schutz.

Richtig, und je größer der Abstand, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass wenn Tröpfchen im Umlauf kommen, die Virenlast so groß ist, dass man sich auch ansteckt. Es langt ja nicht ein einziges Virus, um eine Krankheit hervorzurufen. Es kommt auf die Virenlast an und wie gut der Wirt, auf den das Virus stößt, in seiner Abwehrlage ist. Wenn die Abwehrlage nicht durch eine normale Erkältung geschwächt ist, ist er auch für gefährlichere Viren besser gerüstet.

Es gibt so genannte Corona-Kritiker, die sich Masken in der Petrischale anschauen und dort angeblich "Wildwuchs" entdecken. Was sagen Sie dazu?

Das zeigt mir, dass sich diese Menschen noch nicht so ganz wissenschaftlich damit auseinandergesetzt haben. Denn eine Petrischale ermöglicht die Anzüchtung von Bakterien und da sind wir ja auf einer ganz anderen Ebene und auch bei einer ganz anderen Größendimension. Natürlich ist es so: Wenn ich immer den gleichen Schal oder die immer gleiche Maske nehme, ist das irgendwann mit anderen Krankheitserregern kontaminiert. Deshalb gibt es Empfehlungen, wie lange ich eine Maske tragen und wie ich sie waschen und pflegen soll.

Man braucht also keine Angst zu haben, dass sich durch den Mund-Nasen-Schutz erst gefährliche Nester bilden?

Ich denke, wenn man sich an die üblichen Hygienemaßnahmen und -empfehlungen hält, muss man keine Angst haben. Der Nutzen des Mund-Nasen-Schutzes überwiegt bei weitem einem potenziellen Risiko. Es gibt in der Medizin kein Null-Risiko, es gibt nur Riskoeinschätzungen. Und die ist da sehr gering.

Wie kann man sich jetzt im Herbst sonst noch vor Viren wappnen?

Ich denke, eine gesunde Lebensweise, gesunde Ernährung, Bewegung an der Luft und ausreichend Schlaf können dazu beitragen. Denn das alles stärkt das Immunsystem und kräftigt die Abwehr. Wenn die Virenlast womöglich einen gefährlichen Grenzwert erreicht, kann eine Infektion besser abgewehrt werden, wenn man möglichst fit ist.

Im Frühjahr waren Sie im Corona-Krisenstab der Corona-Versorgungsarzt für den Landkreis. Jetzt heißt es Ärztlicher Koordinator. Ist die Arbeit die gleiche?

Die Funktion ist im Moment die Vermittlung zwischen der Verwaltung und dem öffentlichen Gesundheitswesen, also dem Landratsamt, dem Gesundheitsamt auf der einen Seite und den niedergelassenen Kollegen im haus- und im fachärztlichen Bereich auf der anderen Seite.

Nimmt mit Blick auf steigende Zahlen diese Koordinierungsarbeit wieder zu?

Mit steigenden Infektionszahlen wird ja auch empfohlen, dass die Koordinierungsgruppe in der Stadt oder auch im Landkreis tagt. Dann gibt es auch mehr Koordinierungsbedarf in Richtung Praxen. Die Praxen sind gewappnet, die Kollegen haben gelernt, mit der Situation umzugehen. Wenn jetzt aber irgendwann die Zahl derer, die in die Praxis strömen, die Möglichkeiten dort übersteigt, muss man sich überlegen, wie man dem entgegnen kann.

Und wie kann man das?

Wir haben dafür ein Stufenkonzept. Wenn es so ist, dass die Praxen nicht mehr hinterherkommen, können wir Schwerpunktpraxen ausweisen, die nur noch Infektpatienten behandeln. Wenn die Ausweisung von Schwerpunktpraxen in normalen Praxen zu gewissen Zeiten auch nicht mehr ausreicht, gäbe es bei einem Anstieg der Covid-Zahlen als letzte Eskalationsstufe noch die Möglichkeit, eine Fieberpraxis an einem externen Ort einzurichten.

Die Covid-Zahlen steigen, die Politik hat Maßnahmen wieder verschärft. Wie sehen Sie den Landkreis aufgestellt?

Ich denke, wir sind in einer Situation, in der im Moment noch alles funktioniert. Eines hat die Vergangenheit gezeigt: Wenn sich ein exponentielles Wachstum einstellt, kann das innerhalb weniger Tage explodieren und dann müssen entsprechende Maßnahmen ergriffen werden.

Steigt die Corona-Gefahr im Landkreis?

Um ums herum steigen die Zahlen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir als Krisenstab im Landkreis in näherer Zukunft wieder tätig werden müssen.

Bisher kamen wir recht glimpflich davon.

Ich glaube, dass die Stadt Erlangen und der Landkreis Erlangen-Höchstadt im Frühjahr immer sehr prospektiv gehandelt haben, dadurch der Zeit immer ein bisschen voraus waren und somit Infektionsketten verfolgen konnten, die andere vielleicht nicht verfolgen konnten. Ich glaube aber auch, dass ein gewisses Maß an Glück auch dazugehört. Ich denke nicht, dass man alles steuern kann und sagen sollte: Wir haben alles im Griff. Denn dann kommt es doch.

INTERVIEW: SHARON CHAFFIN

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