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Karlheinz Brandenburg über die Weltrevolution: So entwickelte der Erlanger das mp3-Format

Isabella Fischer
Isabella Fischer

Hochschule & Wissenschaft

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30.6.2022, 05:55 Uhr
"Da da da da da da da da": Die Melodie von Suzanne Vegas Lied "Tom's Diner" hat maßgeblichen Anteil an der Entwicklung des mp3-Formates. Lange bissen sich Brandenburg und seine Kollegen die Zähne an dem Lied aus. Heute schmückt das Lied eine Wand im Fraunhofer KI-Showroom im Nürnberger Augustinerhof. 

© Fraunhofer IIS, ARC "Da da da da da da da da": Die Melodie von Suzanne Vegas Lied "Tom's Diner" hat maßgeblichen Anteil an der Entwicklung des mp3-Formates. Lange bissen sich Brandenburg und seine Kollegen die Zähne an dem Lied aus. Heute schmückt das Lied eine Wand im Fraunhofer KI-Showroom im Nürnberger Augustinerhof. 

Er spielte Blockflöte, Geige, Klavier, Gitarre - Karlheinz Brandenburgs Liebe zur Musik begann schon in seiner Jugend, in den 1960er Jahren. "Meine ganze Familie war sehr musikalisch", erzählt er im Podcast Mit.Menschen. Heute haben ihm Musikliebhaber auf der ganzen Welt einiges zu verdanken. Gemeinsam mit seinen Kollegen vom Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen entwickelte Karlheinz Brandenburg etwas, das die Musikwelt revolutionierte und seit der Schallplatte als größte Erfindung gilt: das mp3-Format.

Seinen Werdegang beschreibt er als Ansammlung "mehrerer Zufälligkeiten". Nach seinem Elektrotechnik- und Mathematik-Studium an der FAU Erlangen promovierte er 1989 am Lehrstuhl für Technische Elektronik über Techniken, welche die Grundlage für moderne Audiokodierungs- bzw. Audiodatenkompressionsverfahren bildeten. Brandenburg wusste: Entweder landet das Ganze in der Bibliothek - oder es wird Millionen von Nutzern geben. "Dass ich damit um den Faktor tausend daneben lag, konnte ich mir damals nicht vorstellen", erzählt er und lacht.

Der Erlanger Karlheinz Brandenburg (*1954) ist Elektrotechniker und Mathematiker. Gemeinsam mit weiteren Kollegen des Fraunhofer IIS in Erlangen entwickelte er Anfang der 90er Jahre das weltweit verbreitete mp3-Verfahren zur Audiodatenkompression.  

Der Erlanger Karlheinz Brandenburg (*1954) ist Elektrotechniker und Mathematiker. Gemeinsam mit weiteren Kollegen des Fraunhofer IIS in Erlangen entwickelte er Anfang der 90er Jahre das weltweit verbreitete mp3-Verfahren zur Audiodatenkompression.   © Brandenburg Labs, NNZ

Die Arbeit gestaltete sich zunächst mühsam. In einem Erlanger Schallplattenladen kaufte Brandenburg für 1000 Mark Schallplatten, von Popmusik, Klassik bis Instrumental war alles dabei. "Wir mussten schauen, was am schlimmsten klang", sagt Brandenburg. Und die Forscher fanden ein solches Lied, an dem sie sich die Zähne ausbissen: Suzanne Vegas "Tom's Diner". "Als das Lied zum ersten Mal durch unser System lief, hat es sich schrecklich angehört", erinnert sich Brandenburg. Schuld war Vegas hohe und tiefe Stimmfrequenz, die der Algorithmus damals noch nicht erkannte und nach der Datenkomprimierung stark verzerrt wiedergab.

Nach weiterer intensiven Arbeiten konnte der Song schließlich so codiert werden, dass er perfekt klang. Am Ende stand das mp3-Verfahren, das Musikdateien gegenüber der CD praktisch ohne Qualitätsverlust auf ein Zwölftel ihrer Ursprungsgröße komprimieren konnte. Erst Jahre später habe Vega erfahren, dass ihr Lied Anteil an der Entwicklung des Verfahrens hatte. Waren Brandenburg und seine Kollegen die "Väter des mp3", war Vega die Mutter. "Ob das so eine gute Idee war mit der Mutter, bei so vielen Vätern", sagt Brandenburg und lacht.

Mit der Entwicklung der mp3-Player nahm der Siegeszug der Erlanger Erfindung seinen Lauf. Milliardär ist zwar keiner der Forscher geworden, doch "für mein Traumhaus hat es gereicht", verrät Brandenburg. Nach seinem Weggang aus Erlangen zog es ihn ins Thüringische Ilmenau. Dor war er maßgeblich an der Gründung des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie beteiligt und gründete 2019 seine eigene Firma Brandenburg Labs.

Sich zur Ruhe setzen, dieses Wort hat Brandenburg aus seinem Wortschatz gestrichen. Heute befinde er sich eher im "Unruhestand", wie er es bezeichnet. In seinem Kopf schwirren noch allerlei Ideen umher. Und er tüftelt mit seinem Team fleißig an neuen Technologien, um das Audio-Erlebnis in Zukunft noch realer zu gestalten. Sein Traum: die perfekte Audio-Illusion mittels Kopfhörer zu entwickeln, die intelligent die Geräusche der Umgebung aufnehmen kann. Die ersten Prototypen gibt es bereits.

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