Freitag, 28.02.2020

|

Keine "strukturierte rechte Szene" in Erlangen

Polizei registriert die Vorfälle genau und hat auch "Einzeltäter" im Visier - 15.02.2020 06:00 Uhr

Auf das EN-Dienstauto wurden nicht nur Lügenpresse-Aufkleber geklebt, sondern einmal sogar zehn Stück, die auch in Arabisch die Gesinnung des bisher unbekannten Täters preisgeben. Der Schaden war jedes Mal beträchtlich. © Archivfoto: Harald Sippel


Diese Einzelpersonen gehören "nach unserer Einschätzung keiner zusammenhängenden lokalen Szene" an, so das Polizeipräsidium Mittelfranken auf eine Anfrage der Erlanger Nachrichten.

Einzelfall 1: Ein 73 Jahre alter Mann findet in seinem Briefkasten einen Brief, in dem er mit "Jude, Ausländer" angesprochen wird. Der Briefempfänger ist promovierter Mathematiker, in den USA aufgewachsen und 1972 in die damalige Bundesrepublik ausgewandert. Und kein Jude. Seit 1990 ist er deutscher Staatsbürger, 23 Jahre hat er als Informatiker bei der Universität gearbeitet.


Männer grölten rechte Parolen: Attacke in Erlanger Innenstadt


"Ich konnte eine Nacht nicht schlafen", sagt der 73-Jährige. "Pass auf du Jude Ausländer und sag’s den anderen Brandstiftern auch, solange wie ich hier das sagen habe, werdet ihr immer verlieren". Wenn "eine deutsche Eiche" loslege, "hilft euch keine Polizei. Merkt euch das gut! sehr gut!", hatte er handgeschrieben in seinem Briefkasten gefunden.

Mit dem Brief ging der 73-Jährige zur Polizei, wie er erzählt. "Dort wurde aber kein Delikt gefunden". Dennoch fühlt sich der Ruheständler, in seiner "Ehre" verletzt. Laut Auskunft des Polizeipräsidiums Mittelfranken liegt der Brief "mit offensichtlich antisemitischem Inhalt" beim zuständigen Fachkommissariat der Kriminalpolizei Erlangen. "Ein abschließendes Ermittlungsergebnis liegt derzeit jedoch noch nicht vor."

Aufkleber "Lügenpresse" und "Merkel muss weg" 

Einzelfall 2: Ein Dienstwagen der Redaktion wurde in der Vergangenheit immer wieder mit Aufklebern "Lügenpresse" und "Merkel muss weg" verschandelt. Die Aufkleber mussten jedes Mal in der Werkstatt mühevoll entfernt werden. Der Schaden betrug in jedem einzelnen Fall etwa 1000 Euro.

Eine Anzeige bei der Polizei ergab kein Ergebnis, die Ermittlungen wurden eingestellt. Der Unbekannte hatte die rechtsgerichteten Aufkleber immer wieder leise, still und heimlich auf dem EN-Fahrzeug angebracht.

Bilderstrecke zum Thema

Aktion Courage: Demo für Menschenwürde in Erlangen

Rund 500 Menschen haben auf dem Rathausplatz in Erlangen für die Einhaltung der Menschenwürde demonstriert. Unter den Hauptrednern waren Uni-Präsident Joachim Hornegger und Oberbürgermeister Florian Janik, der erklärte, dass die "Bürgerinnen und Bürger Europas die vielfältigen Krisen und Umbrüche weltweit nicht länger ignorieren können".


Auch wenn die Polizei in dem einen Fall noch ermittelt und im anderen Fall die Ermittlungen eingestellt hat, bleiben die Beamten am Ball. "Sowohl das wiederholte Bekleben eines Fahrzeugs der Erlanger Nachrichten als auch die (...) Tat, bei der ein Bürger einen Brief mit offensichtlich antisemitischem Inhalt erhalten hat, sind beim zuständigen Fachkommissariat der Kriminalpolizei Erlangen bekannt", erklärte das Nürnberger Polizeipräsidium auf Anfrage der EN.

Burschenschaft "Frankonia" Verbindung ins stramm rechte Milieu

Dennoch gibt es in Erlangen mit der Burschenschaft "Frankonia" Verbindungen ins stramm rechte Milieu. 2015 meldeten die EN: "Für die Aktivitäten der Erlanger Burschenschaft Frankonia interessiert sich jetzt auch der Verfassungsschutz. Die Frankonia gehört als einzige Erlanger Studentenverbindung der stramm rechten Deutschen Burschenschaft (DB) an."

Bilderstrecke zum Thema

Über 1000 Teilnehmer: Kurden und Antifa demonstrieren in Nürnberg

In Nürnberg versammelten sich am Samstag bei einer Demonstration des Antifaschistischen Aktionsbündnisses (AAB) nicht nur Antifaschisten, sondern auch mehrere Hundert Kurden, die lautstark gegen die militärische Offensive der Türkei in Syrien protestierten.


Am Volkstrauertag 2019 wurde von Mitgliedern der Burschenschaft an den Überresten des ehemals monströsen und von den Amerikanern geschleiften Gefallenendenkmals der Universität im Schlossgarten einen Kranz nieder gelegt, um "unserer toten und gefallenen Bundesbrüder" zu gedenken. Als die Universität dies verbot und den Kranz entfernen ließ, war die Empörung groß.

5

5 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Erlangen