„Kinderbücher sind Kunst“

13.2.2013, 08:30 Uhr
Anne Grimmer, die Leiterin der Stadtbibliothek.

Anne Grimmer, die Leiterin der Stadtbibliothek. © Böhner

Die EN haben mit der Leiterin der Erlanger Stadtbibliothek, Anne Grimmer, darüber gesprochen.

Frau Grimmer, sollen Wörter wie „Neger“ ihrer Meinung nach durch politisch korrekte Begriffe ersetzt werden?

Anne Grimmer: Nein. Ich finde, das ist eine Frage der Grenzziehung. Wo man bei der „Kleinen Hexe“ Formulierungen ändert, müsste man in anderen Büchern die Rollenbilder hinterfragen, denn auch die können verletzend sein. Überspitzt gesagt: Sollen Pucki und Nesthäkchen nicht mehr von einem Mann und der Ehe träumen, sondern von einer fundierten Ausbildung? Wo anfangen, wo aufhören? Bei Formulierungen oder Klischees? Bei Kinderbuchklassikern? Warum nicht mit Othello, dem Mohr von Venedig, weitermachen, den meine 13-jährige Tochter gelesen hat? Außerdem: Diese Kinderbücher, wie „Die Kleine Hexe“ und „Jim Knopf“, sind ästhetische Kunstwerke, die nicht einfach umgeändert werden können. Sonst würde das Gesamtkunstwerk zerstört.

Zudem wandeln sich Bewertungen mit der Zeit...

Grimmer: Ja, genau, und wer sagt mir, dass unsere heutige Sichtweise die richtige ist? Die gesellschaftliche Sicht wird sich in 20 Jahren vielleicht so stark verändert haben, dass wieder alles umgeschrieben werden müsste. Wer kann schon guten Gewissens behaupten: Meine Denkweise ist die richtige, und das wird auch in 40 Jahren noch der Fall sein?

Finden Sie die Debatte also überflüssig?

Grimmer: Nein, gar nicht. Wenn eine Debatte aufkommt, hat das immer einen bestimmten Grund, es muss ein gesellschaftliches Bedürfnis vorhanden sein. Ich betrachte Begriffe gerne kritisch und bewerte sie auf ihre Tauglichkeit in der Gegenwart. Allerdings ist die Kritik an bestehenden Werken und Autoren teils zu heftig. Da wird ein Autor wie Axel Hacke mit „Der weiße Neger Wumbaba“ als Rassist bezeichnet. Das ist meines Erachtens ungeheuerlich.

Wie sehr lassen sich Kinder von solchen Begriffen überhaupt manipulieren?

Grimmer: Den Büchern wird in dieser Hinsicht viel zu viel Bedeutung beigemessen. Durch ein Wort lassen sich Kinder nicht so stark beeinflussen. Wenn ich sage „Seid still!“, dann sind sie auch nicht für immer still. So funktioniert das nicht. Wenn ich beim Vorlesen auf ein Wort wie „Neger“ stoßen würde, würde ich einfach erklären: Früher war das ein Wort für Farbige, heute benutzt man es nicht mehr. Das ist aber auch gar nicht die Aussage bei Pippi Langstrumpf. Viel wichtiger für Kinder ist ihr anarchistisches Verhalten und nicht der Umgang mit dunkelhäutigen Menschen.

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