15°

Samstag, 20.04.2019

|

Kriminalität im Internet: Am digitalen Pranger

Wirtschaftsinformatiker Ernst Schulten im Interview - 04.11.2014 05:58 Uhr

Der Schock bei Frauen ist oft groß, wenn sie sehen, was mit ihren Daten im Internet gemacht werden kann. © colourbox,de


Herr Schulten, Ihr Vortrag am Fraunhofer Institut heißt „Anleitung zur digitalen Exekution“. Gibt es tatsächlich eine Hinrichtung im Netz?

Ernst Schulten: Ja, das erlebe ich fast tagtäglich. An den Erfahrungen, die wir mit unserem Verein machen, merken wir, dass vor allem junge Menschen an den digitalen Pranger gestellt werden. Auch Gutsituierte werden mit Fotos und Videos erpresst.

Welche Motive haben die Täter?

Schulten: Häufig steckt ein eifersüchtiger Ehemann dahinter, der im Internet aus Rache die Ehefrau bloßstellen will. Es kann auch Cyber-Mobbing unter Jüngeren sein, also die Diffamierung und Bedrohung in digitalen Medien.

Oft werden die Opfer auch erpresst.

Schulten: Ja, dabei erhält der meist männliche Internet-Nutzer eine E-Mail oder eine Skype-Nachricht von einer gut aussehenden Dame, irgendwann kommt die Aufforderung zum Entkleiden. Das Video, das die Täter davon drehen, wird zur Erpressung benutzt in dem Stil: „Wenn Du nicht zahlst, schicken wir die Aufnahmen an Deine Frau und Deinen Chef.“

Wer ist von solchem Missbrauch besonders betroffen?

Schulten: Betroffen ist grundsätzlich jeder, der im Internet sehr viel Bild- und Videomaterial von sich hochlädt. In der Regel sind aber Frauen stärker betroffen als Männer, weil die Täter meist männlich sind. Außerdem sind bei Frauen die Möglichkeiten pornografischer Darstellung weitaus größer, auch weil die zahlenden Kunden meist Männer sind.

Ist man nicht selbst Schuld, wenn man eigene Fotos ins Internet stellt?

Schulten: Von Schuld kann man da nicht reden. Denn Schuld ist man meiner Meinung nach erst, wenn man etwas wissentlich tut. Wir haben aber Fälle, bei denen Nutzer aus allen Wolken fallen, wenn man ihnen präsentiert, dass ihre Bilder, die harmloserweise auf irgendwelchen Facebook-Seiten liegen, plötzlich auf pornografischen Seiten gelandet sind. Um das zu verhindern, klären wir in der Grundschule über die Gefahren von sozialen Netzwerken auf.

Ernst Schulten durchforstet das Internet. © privat


Hat sich die Problematik durch die fortschreitende Technik verschärft?

Schulten: Definitiv. Richtig grundlegend verändert hat sich das durch das Aufkommen von hochauflösenden Kameras. Seitdem man mit vier-, fünf-, sechs-, zehn- bis zu 15-megapixel-Kameras richtig gute Auflösungen im Internet platzieren kann, hat sich das Problem noch verschärft.

Zu sehen sind die Fotos aber dann in verkleinerter Form.

Schulten: Eigentlich schon. Die Plattform rechnet das Bild zwar klein, durch Tricks kommt man aber ans Originalbild ran. Das ist natürlich ein Risiko: Denn bei einem 15-Megapixel Foto kann man natürlich alle Details gut erkennen, inklusive Anschrift und Personalausweisnummer.

Und wie sieht es mit Videos aus?

Schulten: Videos, die etwa auf Youtube gestellt werden, tragen auf jeden Fall zu vermehrten Missbrauchsmöglichkeiten bei. Der immer günstiger werdende Speicherplatz und die immer größere Bandbreite an Möglichkeiten lassen Manipulations- und Missbrauchsgefahren noch wachsen.

Lässt sich strafrechtlich dagegen vorgehen?

Schulten: Wenn man überhaupt Bescheid weiß, dann natürlich. Die meisten Nutzer wissen davon aber nichts. Sie sind im Internet arglos unterwegs und werden von uns zu 90 Prozent darauf aufmerksam gemacht, dass Materialien unberechtigterweise von ihnen im Netz hochgeladen worden sind. Sobald jemand das weiß, kann er rechtliche Schritte einleiten.

Wie schwer ist es, den Tätern auf die Spur zu kommen?

Schulten: Die Strafverfolgung ist schwierig: Das Internet ist international. Einem Provider, einem Hoster, also einem Anbieter oder einem Rechenzentrumsdienstleister, der in Amerika sitzt, ist schwieriger beizukommen als einem bei uns. Der Aufwand und die Kosten sind enorm. Man muss sowohl denjenigen, der das Bild bereitstellt als auch denjenigen, der das Bild anschaut, ermitteln.

Sind solche Bildmanipulationen im Internet bedrohlicher als die Datenspionage durch die NSA?

Schulten: Das kann man nicht so sagen. Datenspionage ist durchaus eine große Gefahr im Internet. Auch Regierungsstellen oder kommerzielle Anbieter erfassen das alltägliche Surfverhalten, im einfachsten Fall in Form von Cookies. Wenn sich ein Internet-Nutzer auf bestimmten Shopping-Seiten aufhält, wird von diesem eine digitale Spur angelegt. Diese beinhaltet, was sich derjenige angeschaut hat und interessant findet. Zu gespeicherten Einkaufsdaten kommen demoskopische Facebook-Informationen dazu — und diese werden dann an Dritte weitergegeben.

Ernst Schulten ist am Donnerstag, 6. November, Referent bei der Veranstaltung „Datensicherheit im Netz — Der Gläserne Nutzer“ des Fraunhofer Instituts, Am Wolfsmantel 33, in Tennenlohe. Dazu gibt es eine Podiumsdebatte. Beginn ist um 17 Uhr; um Anmeldung wird gebeten unter events@iis.fraunhofer.de bzw. (09131)776-1631. Weitere Informationen: www.iis.fraunhofer.de/offeneWerkstatt. 

Interview: SHARON CHAFFIN

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Erlangen